13 April 2010


Alle Jahre wieder um die gleiche Zeit: die Playoffs stehen kurz vor der Tür, Jerry Sloan erhält keine einzige Stimme im Rennen um den 'Coach des Jahres' Award, Andrew Bynum verabschiedet sich mit einer Knieverletzung, Minnesota kämpft um die schlechteste Bilanz der Liga, und mindestens drei Mannschaften im Westen streiten um Tabellenplatz 2.

Vor der Saison waren die Denver Nuggets der klare Favorit auf genau diese Platzierung. Nach den starken Playoffs im letzten Jahr, als man erst im Conference Finale am späteren Champion LA Lakers hängen blieb, war man in der Mile High City gewappnet für einen Angriff auf den Pott. Man fühlte sich stark genug, um den Lakers Paroli zu bieten. Knapp eine Woche vor der Postseason sieht die Realität aber düster aus für die Mannschaft aus Colorado. Von Schicksalsschlägen arg gebeutelt, kämpft das Team zwar verbissen darum, den 2. Platz zu halten - hat aber schlechtere Karten als die Mavericks oder die Jazz. Im schlimmsten Fall muss man auch noch die Phoenix Suns vorbei ziehen lassen und beendet die reguläre Saison als Fünfter.


Die Mannschaft steckt nach dem Verlust ihres Coaches und ihres besten Verteidigers in der Identitätskrise. Kenyon Martin fiel bereits Anfang März mit einer Patellasehnenreizung im Knie aus. Im vergangenen Monat glich Denver's Defensive ohne K-Mart einem Torso, kassierte in elf Partien über 100 Punkte und verlor 7 seiner 16 Partien. Martin's Präsenz unter den Brettern, als agiler Pick 'n' Roll Verteidiger und als Initiiator des gefürchteten Nuggets Fast-Breaks wurde schmerzlich vermisst.


Noch verheerender war allerdings der Ausfall von George Karl. Dass Karl zu den besten Trainern der Liga zählt, ist seit mehreren Jahrzehnten belegt. In dieser Saison hatte er sein Team zum besten 45-Spiele Start der Vereinsgeschichte geführt (31-14), die Mannschaft war gerade dabei, sich in einen Rausch zu spielen. Bis zum All-Star Wochenende hatte man Orlando, Cleveland und Los Angeles (2 mal) in überzeugender Manier geschlagen und wurde als klarer Meisterschaftsfavorit gehandelt. Dann wurde bei Karl Hals- und Nackenkrebs diagnostiziert. Er musste sich in eine ermüdende und brutale Strahlenbehandlung begeben, sein Team vermisst seither nicht nur sein taktisches Know-How auf dem Platz. Vor allem seine Präsenz und seine Position als Alpha-Männchen im Clubhaus fehlen der Mannschaft. Der Trainer der Spurs und langjähriger Freund von Karl, Gregg Popovich, erklärt das so: "Das ist ein Riesenunterschied ohne Karl. Er ist so präsent, so wichtig, hält alle Fäden in der Hand. Die Spieler orientieren sich immerzu an ihm, sehen ihn als Vaterfigur an. Wie mit einer Niederlage umgehen - Wie mit einem Sieg umgehen - Wen spielen wir als nächstes - Wie trainieren wir - Ranklotzen oder lieber schonen ? Da er nicht da ist, sind die Aufgaben ganz anders verteilt, und die Chemie zwischen Spielern und Trainern, untereinander, das ganze Gleichgewicht, ist aus den Fugen geraten."


Adrian Dantley
, in seinem siebten Jahr als Assistenztrainer in Denver, macht zwar einen guten job als Interimscoach, Karl ersetzen kann er aber nicht. Nur knapp mehr als die Hälfte seiner Spiele als Chef an der Seitenlinie konnte Dantley gewinnen, seine grösstes Versäumnis ist wohl die Unfähigkeit, eine effektive Rotation auf den Platz zu bringen. Seine Besessenheit mit Aufbauspieler Anthony Carter stösst überall auf Unverständnis, zumal mit Rookie Ty Lawson ein hocheffektiver Ersatzspieler auf der Bank sitzt. Carter zählt zu den ältesten und uneffektivsten Spielern der Liga. Seine Durchschnittswerte im April: 0.4 Punkte und 0.4 Rebounds. Mit Carter auf dem Platz sinkt die offensive Spielstärke der Nuggets um mehr als 7 Punkte pro 48 Minuten. Dennoch erhält der Veteran routinemässig mehr Spielzeit als Lawson, der zu Saisonbeginn mit seiner Schnelligkeit ein integraler Bestandteil von Denver's Erfolg war.


Noch vor einem Jahr gewann Denver 14 seiner letzten 17 Partien im März und April und stürmte mit Karacho in die Playoffs, wo in den ersten beiden Runden New Orleans und Dallas mit insgesamt 10-2 vom Platz gefegt wurden. Selbst wenn Denver in dieser Saison das Heimrecht wahrt (dazu muss am letzten Spieltag Phoenix geschlagen werden), die Gegner auf dem Weg zum Titel wären nach aktuellem Stand der Dinge Portland, Utah, Los Angeles und Orlando. Ohne ihren kranken Coach (der wohl nicht zu den Playoffs zurück kehren wird) und ohne klare Identität auf dem Platz wird in diesem Jahr für den Vizemeister des Western Conference spätestens in Runde 2 Schluss sein.