07 April 2010


Der amtierende NBA-Champion aus LA steckt in Schwierigkeiten. Drei der letzten vier Partien und vier von sechs gingen verloren. Es sind jedoch nicht die Niederlagen an sich, die Anlass zur Sorge geben, sondern eher die Art und Weise, wie sich die Lakers zur Zeit auf dem Platz präsentieren: träge, unmotiviert, gelangweilt. Eine Truppe von Söldnern, jeder sich selbst am nächsten. Vorbei scheinen die guten Zeiten aus der letzten Saison, als Lila-Gold, zu einer starken Einheit zusammengerückt, unentwegt füreinander kämpfte, den Extra-Pass spielte und inspiriert, weil teamorientiert verteidigte. Kein Team hatte damals Lust, auf die eingeschworene und spielstarke Gruppe aus Los Angeles zu treffen. In diesem Jahr hingegen ist der Respekt vor dem Champion verloren gegangen, manche Mannschaften betteln förmlich danach, schon in Playoff-Runde 1 auf die Lakers zu treffen, um sie frühzeitig in den Urlaub zu schicken.

Bevor man die aber jetzt schon offiziell und voreilig zu Grabe bettet, sei darauf hingewiesen, dass die Saison-Bilanz mit 55-22 Siegen keineswegs schlecht aussieht. Der Titel in der Pacific Division ist schon länger und Dach und Fach, 60 Siege sind immer noch machber. Auch ohne die priviligierte Wegmarke zu erreichen, werden die Lakers aber als klare Nummer 1 im Westen in die Postseason starten - Heimrecht bis zu den Finals inklusive. Trotzdem wird man irgendwie das Gefühl nicht los, als seien die Champs ausgelaugt von der langen Saison, den vielen Auswärtstrips und unbedeutenden Spielen gegen die New Jerseys und Golden States dieser Liga, als würden sie nur darauf warten, dass die 'echten Spiele' endlich losgehen. Dort, so lautet der Tenor aus Downtown Los Angeles, werde man den Schalter schon umlegen, schließlich ginge es ja dann um alles oder nichts.

In der Tat ist dieses 'Coasting' in der regulären Saison vielen Meistermannschaften eigen, die im Jahr eins nach dem Titelgewinn einfach nicht die Energie aufbringen wollen, über 82 Saisonspiele volle Pulle zu gehen. Sie schlummern durch die reguläre Saison, spielen sich dann aber in den Playoffs ganz plötzlich in einen Rausch und werden von Runde zu Runde stärker. Wie oft hat man es schon erlebt, von den Lakers der 80er über die Bulls und Rockets der 90er bis zu den Lakers um die Jahrtausendwende. Von allen ex-Champions der letzten Jahre machen die komatösen Lakers von heute aber den schlechtesten Eindruck.

Die Probleme lassen sich, abgesehen von der scheinbar gesättigten Lakers-Psyche, an mehreren Faktoren festmachen. Zum einen schmerzt der Ausfall von Andrew Bynum mehr, als zunächst angenommen. Ohne AB, der seit gut drei Wochen an einer Fußverletzung laboriert, gerät das filigrane Lakers-Konstrukt gehörig ins Wanken. Pau Gasol muss auf die Center-Position, die dem spanischen Basketball-Feingeist gar nicht so behagt, und Lamar Odom rutscht in die Startformation. Damit fehlt Odom auf der Lakers-Bank, und hier liegt die eigentliche Krux: mit Odom gehört die zweite Garnitur zu den besten der Liga, ohne ihren emotionalen Leader und besten Spieler verkommt die Bankformation zur absoluten Lachnummer. In den letzten 10 Partien wurde LA routinemässig abgeschlachtet, sobald die Starter mal eine Pause brauchten. Jordan Farmar und Shannon Brown sind mehr mit ihren eigenen Stats beschäftigt, Sasa Vujacic muckte im Training auf, Luke Walton ist immer noch verletzt, Adam Morrison ist streng limitiert und Josh Powell bekommt überhaupt keine PT mehr.

Vielleicht hat auch der legendäre Zen-Meister Phil Jackson seine magischen Worte inzwischen aufgebraucht. Jeder Coach (es sei denn er heisst Jerry Sloan) hat immer nur ein bestimmtes Zeitfenster, innerhalb dessen er eine Mannschaft erreicht und motivieren kann. Wenn die Worte und Ansagen eines Trainers nicht mehr beim Team ankommen, wird es Zeit, getrennte Wege zu gehen. Jackson hat in dieser Saison schon öfters angedeutet, dass er nicht mehr lange an der Seitenlinie aktiv sein wird. Sein Vertrag läuft im Sommer aus, eine Verlängerung lehnt der 10-fache NBA-Champion bisher ab. Je nachdem, wie sein Team die Postseason zu Ende bringt, könnte dies schon sein letztes Hurra sein.

Auch um den besten Spieler der Liga machen die Probleme in diesem Jahr keinen Bogen. Kobe Bryant schleppt sich mehr schlecht als recht durch die reguläre Saison und setzt trotz zahlreicher Verletzungen kaum ein Spiel aus (72 von 77 Spielen). Obwohl auf den ersten Blick nicht schlechter als in vergangenen Spielzeiten (Stats 09/10: 27.1 Pts/5.4 Reb/5 Ast; Stats 08/09: 26.8 Pts/5.2 Reb/4.9 Ast), sind die Wurfquoten des Megastars so schlecht wie schon lange nicht mehr. Seine Trefferquote von jenseits der 3er-Linie war seit 2001/02 nicht mehr so niedrig. Und obwohl sich die meisten Spieler über eine Freiwurfquote von 81 Prozent freuen würden, für Kobe ist es der zweitschlechteste Wert seiner 14-jährigen Profikarriere. Das alles ist natürlich auf zwei kaputte Finger an seiner rechten Wurfhand zurückzuführen, selbst einen Elitespieler wie Bryant behindert ein permanent gebrochener Zeigefinger beim Jumpshot. Nachdenklich macht jedoch, dass keiner seiner Teamkollegen bereit ist, Verantwortung zu übernehmen und die Mannschaft mit anzuführen.

Trotz allem: kein Team im Westen scheint den Titelträger ernsthaft gefährden und vier Mal in sieben Spielen schlagen zu können. Darin stimmen mir nahezu alle Experten einstimmig zu. Dallas spielt zu unkonstant, Denver fällt ohne seinen kranken Cheftrainer George Karl auseinander. Oklahoma City und Portland sind noch nicht soweit, und die Opas aus San Antonio haben gegen LA's Länge keinen Stich. Am ehesten noch Utah, aber die Jazz müssen in einer vollgepackten Conference erst Runde 1 überstehen. Die Lakers dürften also, wenn alles halbwegs normal abläuft, wieder das NBA-Finale erreichen. Wollen sie dort aber gegen Cleveland oder Orlando - den beiden ganz klar besten Teams im Moment - auch nur die geringste Chance haben, muss zwischen April und Juni noch einiges passieren.