29 April 2010


Dwyane Wade hatte sich bereits auf dem Weg in die Kabine seines Heat-Trikots mit der Nummer 3 entledigt. Miami war soeben sang- und klanglos aus den Playoffs geflogen. Nun sass er, knapp eine Stunde nach der entscheidenden 96-86 Niederlage in Spiel 5 gegen die Boston Celtics, vor versammelter Reporter-Riege und musste Fragen zu seiner Zukunft und der seines Teams beantworten. Wie wird es weitergehen mit der Franchise aus Süd-Florida in den nächsten Wochen und Monaten ?

Alles fängt natürlich mit Wade an. Der Topstar hat bereits angekündigt, auf seine 15-Millionen Dollar Spieleroption zu verzichten und in diesem Sommer als Unrestricted Free Agent die Möglichkeiten des freien Marktes auszuloten. Ich gehe jedoch nach wie vor stark davon aus (und damit meine ich zu etwa 100 Prozent), dass Wade in Florida bleiben wird. Sorry Chicago, New York und alle anderen Möchtegerns - nie im Leben verlässt der Guard seinen Herzensclub. Er führte die Heat zum bisher einzigen Titel, fühlt sich in Florida pudelwohl und ist das Gesicht der gesamten Institution. Wade ist quasi die Miami Heat. Er hat aber schon vor Wochen und Monaten eine signifikante Verbesserung des Kaders verlangt, bevor er seine Unterschrift unter einen neuen Deal setzt. Diesen Gedanken wiederholte er am Dienstag: "Die Clubführung hat einiges an Arbeit vor sich", so Wade.

Heat-Manager Pat Riley ist ein alter Hase im Profigeschäft und wird sich von Wade freilich nicht unter Druck setzen lassen. Der Plan des ehemaligen Meistercoaches war bereits vor der Saison recht klar: in Sommer 2010 wird eine ganz neue Richtung eingeschlagen. Nach den Ergebnissen in dieser Saison und einem kurzen Blick auf den aktuellen Kader wird schnell deutlich: das marode Konstrukt muss eingerissen und völlig neu wieder aufgebaut werden. Ich erwarte höchstens 6 Spieler aus dem jetzigen Team zurück. Die Vertragssituation der 15 Spieler zeigt: nur Michael Beasley und Daequan Cook sind über die Saison hinaus an Miami gebunden. Für Mario Chalmers und James Jones besteht eine Teamoption, das heisst die Heat könnten sich entscheiden, sie zu den aktuellen Konditionen zu behalten - muss aber nicht sein. Im Falle, dass alle vier zurück kehren, sind lediglich 7 Millionen $ für nächste Saison fest verbucht. Mario Chalmers dürfte behalten werden - zumal er immer noch sein Rookie-Gehalt bezieht, was dem Management natürlich in die Karten spielt. Die letzten Monate haben dennoch klar gemacht, dass mit Chalmers als Point-Guard nicht mehr zu planen ist. Eher wird er als Kombo-Guard und Socringoption von der Ersatzbank aus effektiv sein. Heat-Veteranen Udonis Haslem und Quentin Richardson könnten ebenfalls - zu weitaus geringeren Bezügen als jetzt - zurück gebracht werden. Beide füllen ihre Rollen gut aus, sind echte Profis und als solche eventuell integrale Bestandteile eines Contender-Gerüsts in den nächsten Jahren. Jermaine O'Neal (Verdienst in der abgelaufenen Saison: astronomische 23 Mio. Dollar) absolvierte 70 Spiele in dieser Saison und zählte zu den besseren Centern in der Eastern Conference. In den Playoffs gegen Boston offenbarte JO aber seinen wahren Charakter: zu alt, zu unbeweglich und unfähig, noch länger als 25 Minuten produktiv unter den Körben zu agieren. Angesichts seines fortgeschrittenen Alters und dem Drang, gegen Ende seiner Karriere mal einen Titel zu holen, sehe ich ihn bei einem der Top-Teams unterschreiben. Miami wird's verschmerzen können.

Die Heat sind gut positioniert, neben Wade noch einen zweiten Max-Contract Spieler an Land zu ziehen. Lebron bleibt in Cleveland. Amare dürfte in Phoenix verlängern. Joe Johnson kommt nicht in Frage, weil er die gleiche Position wie Wade spielt. Bleiben Bosh und/oder Boozer. Bosh favorisiert im Moment New York oder Chicago, während Boozer schon letzten Sommer mit Miami in Verbindung gebracht wurde und ein Trade schon beschlossene Sache schien. Mittlerweile läuft's aber wieder bei den Jazz, und es wäre nicht wirklich überraschend, wenn der notorisch unentschlossene Power Forward in Utah bliebe. Im schlimmsten Fall müsste Miami dann auf einen Spieler aus der 1B-Kiste zurück greifen: Scola, David Lee, Gay, Haywood oder Al Harrington. Auch ein Trade für jemanden wie Al Jefferson wäre denkbar, zumal bekannt ist, dass Riley ein Big-Man-Fan ist und Titelaspiranten immer um einen dominanten Center herum aufgebaut hat (Abdul-Jabbar, Ewing, Mourning, Shaq).

Eine wichtige Frage bleibt wohl noch, und die kann ich momentan auch nicht wirklich beantworten: was passiert mit Michael Beasley ? Der Nr.2 Pick aus dem 2008er Draft blieb auch in dieser Saison hinter den Erwartungen zurück. Gemessen am Erfolg von Derrick Rose, dem Spieler der vor ihm gezogen wurde, muss Beasley's bisherige Karriere als Enttäuschung gewertet werden. Zu Licht gesellt sich immer wieder viel Schatten, vor allem in Form von charakterlichen Mängeln. 'Beas' ist trotz allem erst 21 Jahre alt. Ihm bleibt also noch genug Zeit, um seinen Scheiss zusammen zu kriegen in der NBA. Ob es aber sinnvoll ist, ihn weiter an der Seite eines dominanten Ballträgers wie Wade aufwachsen zu lassen, stelle ich einmal dahin. Zumal jetzt schon feststeht, dass Erick Spoelstra als Head Coach zurück kehren wird. Und der hält von Beasley nicht viel. Vielleicht wäre es für alle Parteien besser, man verschickt den Forward (evtl. im Paket mit Cook oder Wright) zu einem jungen Team, wo er genug Zeit und Ballkontakte hat, um offensiv zu dem Spieler heran zu reifen, den viele in ihm sehen. Im Idealfall fällt für Miami ein brauchbarer Veteran ab, allerdings wäre auch Extra Cap-Space angesichts der anstehenden Komplettsanierung nicht verkehrt.

Wie auch immer der neue Kader der Miami Heat im September/Oktober dann aussehen wird, eines steht jetzt schon fest: der Sommer wird heiss in Miami.