09 Mai 2010


Nach der historischen Niederlage in Spiel 3 ist man in Boston leicht betroffen. Nicht das L an sich war besorgniserregend, sondern die Art und Weise, wie man über 48 Minuten von den Cavs über den Platz geprügelt wurde. Boston verpennte die ersten Spielminuten, geriet schnell mit 6 Zählern in Rückstand und schaffte es im restlichen Spielverlauf nicht mehr, anzuschließen. Das ganze Team liess Aggressivität, Einsatzwille und Leidenschaft vermissen. Lebron James terrorisierte die Celtics mit 21 seiner 38 Punkte im ersten Viertel, und im Gegensatz zu den ersten beiden Spielen war Boston nicht in der Lage, einen Lauf zu starten. Dennoch: die ex-Champions haben in dieser Serie schon gezeigt, dass sie mit dem besten Team der regulären Saison mithalten können. Um die Serie heute bei 2 auszugleichen, muss Doc Rivers einige Korrekturen vornehmen und seinerseits die veränderte Cavs-Taktik kontern.

- Team Defense: knapp 70% im ersten Viertel, knapp 60% im Spiel - besser als Cleveland in Spiel 3 kann man nicht aus dem Feld treffen. Boston machte es seinem Gegner aber auch zu einfach, erlaubte 50 Zähler 'in the paint'. Garnett und Perkins waren oft in der falschen Position und damit immer einen Schritt zu spät. So kamen die Cavs entweder zu leichten Punkten, oder gingen an die Freiwurflinie (31 von 34) für weitere leichte Punkte. Die Celtics müssen zwangsläufig die Aggressivität in der Defensive wieder erlangen, und die Zone wieder für sich beanspruchen. Das Big-Man Personal um Perkins, Garnett, Wallace und Davis ist gefordert.

- Heimvorteil nutzen: der TD Banknorth Garden glich am Freitag einer sixtinischen Kapelle während einer Todesmesse. Ein abgebrühtes Team wie die Celtics darf nicht zulassen, dass eine Gastmannschaft in Boston den Partycrasher gibt. Die Spieler müssen von Beginn an emotional und leidenschaftlich zu Werke gehen und den eigenen Anhang von den Sitzen reissen. Der 6. Mann hilft gerade in den Playoffs, enge Spiele zu entscheiden. Es gilt, die begeisterungsfähigen Beantown-Fans früh mit einzubeziehen.

- Hilfe für den Captain: Paul Pierce hat grosse Probleme, Lebron James effektiv zu verteidigen - das war so absehbar. Als direkte Folge aber blieb Boston's Topscorer auch in der Offensive bisher blass (nur 12.7 Punkte im Schnitt bei 30 Prozent Trefferquote). Gegen Miami waren es noch knapp 20 Punkte gewesen - bei gleicher Anzahl Wurfversuche (14 pro Spiel). Zum einen ist Pierce natürlich geschlaucht von seinen defensiven Aufgaben. Zum anderen weigert sich PP aber, den Weg zum Korb zu suchen und nimmt vermehrt schlechte Würfe aus der Distanz. In drei Spielen schaffte es Pierce nur 11 mal an die Freiwurflinie - zuwenig für einen der besten Scorer der Liga. Wer Pierce in den letzten Jahren verfolgt hat, weiss, dass auf zwei schlechte Games oft ein Monsterspiel im 30-Punkte Bereich folgt. Genau jetzt ist der richtige Zeitpunkt für eine Offensivexplosion. Boston braucht Pierce. Dazu muss aber hinten mehr Hilfe von den Teamkollegen im Kampf gegen den Koloss James erfolgen. Und vorne muss der Small Forward weniger die Isolation gegen LBJ suchen, denn der ist grösser, kräftiger und schneller. Wenn Pierce seine Position wechselt und 'in motion' den aggressiven Weg zum Korb sucht, anstatt schlechte Würfe zu nehmen, schnellen Boston's Siegchancen nach oben.

- Screens setzen: wenn Ray Allen 20 oder mehr Punkte erzielt, lautet die Playoff-Bilanz der Celtics 4-0 (Regular Season 17-8). In Spiel 3 traf Mr. Shuttlesworth nur 2 seiner 9 Würfe aus dem Feld und kam auf läppische 7 Punkte. Delonte West verteidigte Allen exzellent, kämpfte sich durch sämtliche Screens und war so gut immer am Mann, was die Wurfauswahl des Shooting Guards erheblich erschwerte. Boston muss zusehen, seinen Scharfschützen effektiv freigeblockt zu bekommen. Dazu bedarf es präziser, sauberer Blockarbeit 'in the paint' - im Notfall als Double oder Triple Screen.


- Boston's Bank: irgend jemand aus der zweiten Fünf muss Verantwortung übernehmen und den Celtics ein bisschen Produktivität geben. Vor allem Rasheed Wallace oder Tony Allen, aber auch Glen Davis sind hier gefordert, um den Startern ein paar Minuten Verschnaufpause zu gönnen.

Alles in allem sind die Celtics noch lange nicht tot. Doc Rivers hat genügend Alternativen, auch im taktischen Bereich, um Cleveland die Stirn zu bieten. Zudem wird der Gast mit Sicherheit nicht mehr so gut treffen, wie in Spiel 3, als das gesamte Team am oberen Effizienz-Limit agierte. Boston muss aber, und das wird die wohl wichtigste Vorgabe in der Umkleidekabine vor dem Spiel sein, von der ersten Minute an aggressiv und überbissig auftreten, um die Cavaliers unter Druck zu setzen, anstatt sie wie in der letzten Partie frei nach Belieben agieren zu lassen.