13 Mai 2010



Die Apokalypse steht uns wohl kurz bevor, denn Cleveland, das beste Team der regulären Saison mit dem besten Spieler der Saison und einem schon lange vorgezeichneten Weg ins NBA-Finale und rauf aufs Podium des World Champions, steht unmittelbar vor dem Playoff-Aus in Runde 2. Die monumentale 120-88 Celtics-Faust mitten ins überhebliche Cavs-Gesicht ist noch keine 36 Stunden alt, da erschüttern immer noch mediale Nachbeben im Stundentakt die bisher heile Cavaliers-Welt.

Die Niederlage der Cavs in Spiel 5 des Conference Halbfinals war an sich bereits erstaunlich. Die Art und Weise aber, wie sich Cleveland (ich meine hier bewusst das Team, der Coach, der Besitzer, aber auch die Fans) und vor allem Lebron James wie ein sattes Schwein zur Schlachtbank führen liessen, war in der Tat mehr als verblüffend. James selbst krebste über den Platz, gelangweilt, passiv, uninspiriert. Immer wieder genehmigte er sich Distanzwürfe, anstatt zum Korb zu ziehen, versenkte dabei nur 3 seiner 14 Versuche aus dem Feld, während der Vorsprung der Celtics von Minute zu Minute grösser wurde. Sein erster Korb fiel erst Mitte des dritten Viertels - da war die Partie schon längst entschieden. Eine exzellente Zusammenfassung der erbärmlichen Darbietung gestern bietet das kurze Video von Kevin Arnowitz (TrueHoop)




Das extra für die 'Mission: Titelgewinn' zusammengeschummelte Team versagte ebenfalls auf ganzer Linie. Mo Williams implodierte wieder einmal angesichts des Drucks eines Must-Win-Playoff-Spiels und demonstrierte eindrucksvoll, dass seine All-Star-Ehrung niemals rational gerechtfertigt werden kann. Mike Brown ist (wie schon mehrfach hier erwähnt) einer der schlechtesten Coaches im Geschäft. Seine Entscheidungen, in-game-Adjustments und Rotationen stinken zum Himmel. Brown ist der Anti-Popovich. Durch die vielen unbeständigen Wechselspielchen hat er nicht nur seine Spieler verunsichert. Dem Team fehlt in der wichtigsten Phase der Saison ausserdem eine Identität und eine Richtung. Da Brown diese eindeutig nicht vorgeben kann, wäre Lebron James Superstar gefragt.

Der aber ist in dieser Serie bisher (mit Ausnahme von Spiel 3) den Nachweis seiner Extraklasse schuldig geblieben. Viele Beobachter fragen sich, erst recht nach der Vorstellung am Dienstag, was mit James nicht stimmt. Der Ellbogen ist wohl in Ordnung, das haben er und seine Mannschaft in den vergangenen Tagen klar gestellt. Dennoch scheint ihm sein aggressives Alphamännchen-Naturell, sein Größenwahn abhanden gekommen zu sein. Er übernimmt auf dem Platz die Rolle des passiven Teamkollegen, anstatt Ball und Gegner zu dominieren. Er starrt während Auszeiten in das weite Stadionrund, anstatt seine Mitspieler zu motivieren. Er kaut wieder Fingernägel. Selbst Teamkollegen und Angehörige sind perplex und können den neuen Lebron nicht wirklich einordnen - weil sie ihn so noch nie erlebt haben.

James hat den Ernst der Lage noch nicht begriffen. Die Opfer, die es für einen NBA-Titel zu erbringen gilt, das an Wahnsinn grenzende Verlangen nach mannschaftlichem Erfolg, die Obsession des Gewinnen-Müssens - für den mittlerweile 25-jährigen sind dies alles Fremdwörter in einem Weltbild, das sich lieber mit Dollar-Millionen, individuellen Awards, Jay-Z und der globalen Vermarktung der 'Marke Lebron' beschäftigt. Sein egoistisches, narzisstisches Naturell offenbarte sich denn auch wieder in der Pressekonferenz unmittelbar nach Spiel 5. Anstatt die Verantwortung für seine unterirdische Leistung auf sich zu nehmen, anstatt sich demonstrativ vor sein Team, den Coach und die Zuschauer in Cleveland zu stellen, stichelte der MVP in Richtung Fans: "I spoil a lot of people with my play. When you have three bad games in seven years, it's easy to point them out. I put a lot of pressure on myself to be great, and when i don't, i feel bad for myself." Was hätte man von James auch anderes erwarten sollen ? Zu cool, zu kindisch, zu unfähig, seine Rolle in der NBA-Historie realistisch einzuschätzen.

Die Cavaliers haben als Team längst die Persönlichkeit ihres Superstars angenommen: arrogant, selbstgefällig und mit einem schmierigen Glauben ausgestattet, dass alles vorherbestimmt sei. Dumm nur, dass vor lauter Auserwähltheit der Hunger auf der Strecke geblieben ist. Hunger, den man unbedingt braucht, um vermeintlich schwächere und weniger talentierte Teams in den Playoffs zu demütigen. Hunger, den die Celtics haben, aus Angst, zu alt zum Siegen zu sein. Hunger, den die Magic haben, um der ganzen Welt zu beweisen, dass die letztjährige Finalteilnahme kein Zufall war. Hunger, den die Lakers haben, weil Kobe Bryant es niemals anders zulassen würde. Nicht, solange noch ringfreie Finger an der Hand sind. 

Für Lebron und die Cavaliers geht's jetzt um alles oder nichts. Alles andere als ein NBA-Titel zählt nicht in Cleveland, und scheitert man wieder vor den Finals, könnte das für die Franchise und die Stadt tatsächlich jenes apokalyptische Szenario einläuten, an das Cavs-Fans nicht denken möchten: Lebron heuert als Free Agent bei den Knicks oder sonst wo an, und ihr Team spielt wieder 20-62 Saisons. Nicht zuletzt deswegen wird Spiel 6 das wohl wichtigste Basketballspiel in der Geschichte des Vereins - und seines jungen Superstars, dem MVP, dem 'Wichtigsten Spieler der Saison'.