04 Mai 2010


Yes. Das Playoff-Duell, auf das eingefleischte NBA-Fans seit Anfang April gewartet haben, ist in Runde 2 Realität. Zum x-ten Mal (10 mal in den letzten 20 Jahren) treffen die Phoenix Suns auf die San Antonio Spurs in einer Neuauflage eines wahren Postseason-Klassikers. Und immer wieder gingen die Spurs als Sieger aus oft hart umkämpften und mittlerweile legendären Serien hervor. Da waren Horry's Ellbogen, Nash's saftende Nase, ein gesperrter Amare oder Duncan's Dagger-Dreier - allesamt schlimme Erinnerungen für Suns-Fans, sind doch alle untrennbar mit einem frühen Aus der Sonnen verbunden. Um die Dominanz der Texaner noch deutlicher zu machen: Steve Nash's Karrierebilanz in den Playoffs gegen die Spurs (sowohl mit Dallas als auch mit Phoenix) ist 0-6.

Der 36-jährige hofft, dass er den Fluch diesmal endlich besiegen kann, und die Chancen standen selten besser. Wie jedes Jahr gehören die Suns auch diesmal zu den offensivstärksten Mannschaften der Liga (110 Punkte pro Partie) und schiessen von jenseits der Dreier-Linie die Lichter aus. Gerannt wird bei jeder Gelegenheit, 30-Punkte-Viertel sind so keine Seltenheit und oft ein direkter Indikator für den Erfolg der Suns. In der ersten Playoff-Runde gegen Portland erzielte Phoenix in vier Spielen mindestens einmal 30+ in einem Viertel - allesamt Suns-Siege. In den zwei Niederlagen blieb man acht Mal unter der magischen Marke. Im Gegensatz zu früheren Suns-Varianten wird heuer aber auch verteidigt, streckenweise sogar richtig erfolgreich. Mit Jared Dudley und Grant Hill (sowie einem noch verletzten Robin Lopez) verfügt das Team von Alvin Gentry über gute Mann-Mann Verteidiger, die auch mal jemanden stoppen können. Und das wird gegen die starken Perimeter-Spieler der Spurs auch nötig sein. Jason Richardson ist das Orakel der Suns. Spielt J-Rich gut, so wie in Runde 1 gegen die Blazers, sind die Suns kaum zu stoppen. Bilanz des 'Planet Orange' wenn ihr Shooting-Guard 20 oder mehr scort: 29-4. Entscheidender Mann in dieser Serie bleibt aber wohl Amare Stoudemire, der Alptraum der San Antonio Spurs. Egal wen Popovich gegen den mehrfachen All-Star stellt, er wird vernascht wie feinster Konfekt. Mit knapp 33 Punkten und 11 Rebounds im Schnitt zeigte Stoudemire seine Extraklasse einmal mehr in der regulären Saison (2-1 Phoenix). Seine Aggresivität und vor allem seine Disziplin in Sachen Personal Fouls werden serienentscheidend sein. Phoenix braucht ihn in absoluter Topform, um hier zu bestehen.

Aus Angst, beim Verfassen eines treffenden Scouting-Reports über die Spurs einzuschlafen, halte ich mich hier kurz: Manu Ginobili (der mit der krummen Nase) und Tony Parker werden wie immer gegen Phoenix versuchen, in der Zone viel Unheil anzurichten, wo die zwei Spurs-Guards in jeder der letzten drei Playoff-Serien zusammen weit über 20 Punkte scorten. Überhaupt wird San Antonio unter den Körben seine Vorteile bei den Big Men (Tim Duncan, Dejuan Blair, Antonio McDyess) auszuspielen versuchen. Auch sonst bleibt alles beim Alten. Die Spurs werden das Tempo künstlich niedrig halten wollen, um durch ihr mechanisches Spiel gute Wurfmöglichkeiten zu kreieren. Als opportunistisches Fast-Break Team wird aber auch der gelegentliche Break mit dabei sein. In der Erstrunden-Serie gegen Dallas präsentierte sich der viermalige NBA-Champion in Spiellaune und ungeahnt leidenschaftlich (Tim Duncan's Gesichtsausdruck veränderte sich zum Beispiel sensationelle 2.7 Mal pro Partie). Gregg Popovich hat durch smartes Coaching seine Truppen auf den Playoff-Punkt genau topfit gekriegt.

Mehrere Faktoren werden den Ausgang dieser Serie bestimmen. Zum Beispiel die Defensivaufgaben einzelner Spieler. Muss der 2malige MVP Steve Nash hinten Finals-MVP Tony Parker durch die Zone jagen ? Oder hilft das Duo Jared Dudley/Jason Richardson aus ? Wer checkt Ginobili ? Wie kontern die Spurs Amare, den down low niemand decken kann - doppeln oder lieber die Dreier-Schützen aus dem Spiel nehmen ? Das Duell der Ersatzbänke verdient auch Extra-Aufmerksamkeit, denn beide Mannschaften verfügen über mehrere, eventuell spielentscheidende Optionen. Auch die Trainer, seit ihren gemeinsamen Tagen als Spurs-Assistenzcoaches gute Freunde, messen sich in diesem Schachmatch der Spitzenklasse. Wie wird der eine die jeweiligen taktischen Moves seines Gegenübers kontern ?


Gelingt es Phoenix, nicht zu wild und ungestüm mit dem eigenen Ballbesitz umzugehen, und das Halfcourt-Spiel der Spurs einigermassen einzudämmen - vor allem im entscheidenden vierten Abschnitt (Stichwort: Defensive Stops), dann sehe ich leichte (spielerische) Vorteile bei Orange. Die Serie wird über die volle Distanz gehen. Die Historie spricht aber absolut gegen ein Weiterkommen der Suns. Das hier ist der wilde Playoff-Westen, wo nach Duellen unter der sengenden Sonne der Prärie routinemässig nicht mehr übrig bleibt als abgenagte Suns-Kadaver, reichlich Staub und massenweise Spurs-Championships.


nbachef tippt: 4-3 San Antonio