18 Mai 2010


Die Pause war für Playoff-Verhältnisse unendlich, beschweren wird sich bei den beiden Conference Finalisten aber niemand angesichts der extra Ruhetage. So hatten die angeschlagenen Stars in Los Angeles und Phoenix Zeit, ihre Wunden ein wenig heilen zu lassen und gehen nun gestärkt und ausgeruht ins West-Finale, das heute in Kalifornien startet. Die LA Lakers (57-25) erreichten erwartungsgemäss zum dritten Mal in Folge das Endspiel in der Western Conference. Phoenix (54-28) hingegen ist die Überraschungsmannschaft der Saison, und jeder der behauptet, er habe den Erfolg dieses Teams vorher sehen können, hat heute seine bunte Pillenration vergessen.

Die Suns spielen seit Monaten ihren besten Basketball, und haben in den Playoffs sogar noch ein paar Holz extra aufs Feuer gelegt (+3 Punkte) im Vergleich zur regulären Saison. Schon da war das Team aus Arizona die beste Offensive der Liga - im historischen Vergleich gar eine der besten aller Zeiten. Die Suns erzielten die meisten Punkte (110 pro Spiel) und hatten die beste Trefferquote sowohl aus dem Feld (49.2 %) als auch von jenseits der Dreier-Linie (41.2 %). Der Grund für die offensive Dominanz liegt am Spielsystem: das Pick & Roll, ein an und für sich grundlegendes Basketball-Element, wurde von Phoenix perfektioniert und läuft mit derart chirurgischer Präzision ab, dass die meisten Teams kein Rezept gegen Nash & co. finden. Folgendes Video, zusammen gestellt von Kevin Arnowitz, verdeutlicht die Kreativität und spielerische Leichtigkeit der Suns-Attacke.




"Unser Ziel ist in jedem Spiel immer das gleiche", so Alvin Gentry, der Head Coach der Suns. "Wir suchen Schneisen in die Verteidigung, ziehen zum Korb und passen raus, wenn die Defense sich zusammen zieht. Screen & Roll, Pick & Pop, den ganzen Tag. Das ist unser System, und so wird das auch gegen LA ablaufen". Steve Nash ist der Motor des Teams, und sein wichtigster Vertrauter auf dem Platz ist Amare Stoudemire. Gemeinsam sorgt das Duo für Chaos im gegnerischen Abwehrverbund. Nash, mittlerweile 36, hat die meisten Playoff-Spiele in der NBA-Geschichte absolviert, ohne jemals die Finals erreicht zu haben (112). Dieses Jahr soll es nun endlich hinhauen. Die Chancen stehen gut, denn neben der besten Offensive schafft Phoenix es mittlerweile, defensive Stopps in den entscheidenden Situationen zu generieren. Obwohl die aus-dem-Bauch-Meinung vieler Möchtegern-Experten und Stammtischtrainer, wonach die Suns urplötzlich ein elitäres Defensiv-Team seien, statistisch völlig unhaltbar ist (in vielen Defensiv-Ratings der abgelaufenen Saison rangiert PHX nach wie vor in der unteren Hälfte), so zeigen die Spieler dennoch ein bisher ungekanntes Engagement in Sachen Team Defense und Rebounding. Daraus resultieren die gefürchteten Fast-Breaks und viele leichte Punkte in transition. Im bisherigen Playoff-Verlauf holten die Suns weitaus mehr Bretter als ihre Gegner, und erzielten so im Schnitt 10+ Punkte mehr.

Grossen Anteil am Erfolg hat
Jason Richardson, der seine Punkteausbeute um mehr als 6 pro Partie gesteigert hat und auf Postseason-Werte von 21.9 Zählern bei 51 Prozent Trefferquote kommt. Gegen LA in der regulären Saison (3-1 Lakers) waren seine Werte jedoch miserabel: nur 8.8 Punkte bei 31% aus dem Feld. Will Phoenix mithalten, muss J-Rich seine besten Spiele bisher abliefern. Jared Dudley, ein +/- Monster in den Playoffs und viertgenauester NBA-Dreierschütze in der abgelaufenen Saison (46%), wird als Joker wichtige Impulse setzen müssen. Wenig Beachtung findet in der Blogosphäre die Rückkehr von Robin Lopez in die Startaufstellung der Suns - ein Fehler, denn (vorausgesetzt Sideshow-Bob ist wieder gesund) er verändert die Dynamik der ganzen Serie, da er in der Lage ist, Bynum oder Gasol 1-1 zu verteidigen. Lopez hat seit dem 26. April nicht mehr gespielt (eingeklemmter Rückenwirbel) und wird gleich ins kalter Wasser geworfen gegen den imposantesten Frontcourt der Liga.

Die klassische Big-Man Strategie wird Los Angeles von Beginn anwenden und damit seinen Gegner in der Zone zu dominieren versuchen. Die Kombination aus Pau Gasol und Andrew Bynum, deren Länge, Rebounding und Shotblocking war gegen die Kontrahenten in den ersten beiden Runden zu viel des Guten. Problem für Bynum: sein Knie, der Riss in der Patellasehne, verheilt nicht wie geplant, und so wird der junge Center auch gegen Phoenix gebremst agieren müssen. Selbst in semi-gesundem Zustand bringt es Nr. 17 aber auf 10 Punkte, 8 Rebounds und 2 Blocks in den Playoffs. Schafft er es, von Beginn an die Suns 'inside' zu bestrafen, kann ihn Coach Phil Jackson auch über längere Strecken einsetzen. Die Lakers betonen immer wieder, dass Bynum mindestens 30 Minuten pro Partie einsetzbar ist. Mit ihm auf dem Parkett erhält die Defensive des Teams ein völlig anderes, absolut dominantes Gesicht, wie die gegnerischen Trefferquoten bisher beweisen: Utah und Oklahoma City versenkten lediglich 41 Prozent ihrer Würfe. Allerdings verfügen die Suns über ein ganz anderes Waffenarsenal samt zahlreichem Personal, und so wird Phil Jackson besonders gefordert sein. Was tut der erfolgreichste Trainer der Moderne (10 NBA-Titel), wenn Phoenix 'small ball' spielt, so wie gegen Ende des dritten Spurs-Spiels ? Bringt er seinen Joker Lamar Odom und kontert mit einer grossen Lineup ? Oder schickt er seinerseits die Guard-Garde aufs Parkett und bekämpft Speed mit Speed ? Jackson, der hier schon seine 14. Conference-Finals als Coach bestreitet (!), kennt jeden Spielzug aus dem Effeff. Überraschen kann man den alten Hund nicht mehr. Die einzigen Faktoren, die ihm Sorgenfalten auf die Stirn treiben könnten, wäre ein 'no-show' seiner Ersatzbank, geistesgestörte Dreierversuche von Ron Artest oder mangelnder Fokus seines Teams. Das wiederum wird Kobe Bryant zu verhindern wissen. Der intensivste Basketballspieler seit Michael Jordan sinnt auf persönliche Rache, nachdem er noch vor wenigen Jahren (2006 und 2007) von den Suns aus den Playoffs bugsiert wurde, und wird seinen Teamkollegen Feuer unterm Arsch machen. Bryant erzielte in den letzten 5 Spielen mehr als 30 Punkte und ist heiss auf seinen fünften Titel. Wer denkt, dass ihn seine gebrochenen Finger oder die gestrige Knie-Drainage von Top-Leistungen abhalten werden, hat offensichtlich nicht aufgepasst.

Das Duell der beiden besten Teams im Westen verspricht ein Basketball-Fest zu werden. Zunächst einmal haben beide Mannschaften ihren spielerischen Zenit in dieser Saison erreicht. Jedes Team verfügt über All-Star-Power in Kombination mit einem glasklaren Spielsystem und enormer taktischer Disziplin. Das Duell der beiden unterschiedlichen Philosophien 'Schnell gegen Gross' verspricht extra Spannung. Die Coaches werden sich ein spannendes Schachduell an der Seitenlinie liefern. Los Angeles wird alle Hände voll zu tun haben, um die beste Pick & Roll Offensive der Liga in den Griff zu kriegen - speziell Bynum und Gasol. Auch das Fast-Break-Spiel der Suns wird die Lakers-D beschäftigen. Auf der anderen Seite werden Phoenix unter den Körben extreme Matchup-Probleme plagen, vor allem wenn LA gross spielt und Lamar Odom als 3er mit ins Spiel bringt. Die Bank-Vorteile liegen ganz klar bei den Suns. Ich erwarte aber, dass sich Jackson und die Lakers im Grossen und Ganzen auf eine 7-er Rotation beschränken werden, um diesen Nachteil zu kompensieren. Am Ende wird wohl Kobe Bryant den Unterschied ausmachen, der mit einer kleinen Extra-Portion Motivation die Serie angehen und in seinen ganz persönlichen Final-Prolog verwandeln wird.


nbachef tippt: 4-1 Lakers