15 Mai 2010


Die zwei besten Teams im Osten geben sich in den Conference Finals die Ehre: Orlando, in den Playoffs bisher noch ungeschlagen, empfängt Boston, das die hoch favorisierten Cavaliers in 6 eliminieren konnte. Damit treffen die Ost-Sieger der letzten beiden Jahre in einer Neuauflage des Zweitrunden-Duells von 2009 aufeinander. Die Magic gewannen damals 4-3. Nach einem kleinen Facelifting beider Mannschaften (bei Boston: Garnett und Rasheed Wallace, bei Orlando: Jameer Nelson, Carter, Barnes, Anderson und Williams) geht der Schwergewichtskampf also in die nächste Runde. Orlando hat Heimvorteil und eröffnet das Duell am Sonntag in der heimischen Amway Arena.

Defense. Sie wird zum wichtigsten Faktor für Boston in dieser Serie, denn gegen die gut geölte Magic-Offensiv-Maschinerie hilft nur eine fehlerfreie Defensivleistung über die volle Distanz. Die Aufgabe gegen Dwight Howard wird noch am leichtesten zu bewältigen sein. Der Grund: Boston spielt Howard am liebsten 'straight up', doppelt aber genauso effektiv und benutzt ein Kommitee von Verteidigern gegen ihn. So konnte die Dominanz des All-NBA-Centers in den vier Duellen der regulären Saison (3-1 Orlando) ganz gut gekontert werden (siehe Grafik). Boston wird darauf spekulieren, dass Howard Foulprobleme bekommt oder offensiv schwächelt. Ansonsten
muss das Doppel kommen. In dem Fall müssen die Rotationen nach innen und wieder raus zu den Schützen perfekt sitzen, will man nicht von einem Long-Range-Flächenbombardement vernichtet werden.

Weitaus mehr Schwierigkeiten werden die C's gegen Orlandos restliches Waffenarsenal haben. Rajon Rondo hat sich in dieser Saison als einer der Top Point Guards der Liga etabliert und war gegen die Cavs mit 21 Punkten, 12 Assists und 6 Rebounds im Schnitt der beste Mann auf dem Parkett. Nun muss Rondo zum ersten mal in diesen Playoffs gegen einen Top-PG ran, und wird mit Jameer Nelson, seinerseits einer der besten Spieler in diesen Playoffs, alle Hände voll zu tun haben. Das Duell der beiden Spielgestalter wird aufregend und ein potentielles Highlight in dieser Serie. Obwohl die Celtics defensiv nach wie vor zu den besten Teams der Liga zählen (Defensive Efficiency von 101.1 [Platz 5]. Opponent PPG 95.1 [Platz 4]), werden sie gegen das Inside-Out Spiel der Magic mit ihren Dreierschützen erhebliche Probleme bekommen. Das Team aus Florida schwingt den Ball besser als jedes andere Team von der Strong-Side rüber auf die Weak-Side und kommt so oft zu freien Distanzwürfen (im Schnitt 10+ pro Spiel in der regulären Saison, 11+ in den Playoffs). Boston verfügt nicht mehr über die laterale Schnelligkeit, um diese Option über 48 Minuten zu neutralisieren. Assistant-Coach und Defensiv-Guru Tom Thibodeau wird sich aber sicherlich etwas einfallen lassen. Etwas einfallen lassen müssen sich auch die Magic, und zwar gegen Kevin Garnett, der seit dem Ellbogen-Check gegen Quentin Richardson in Runde 1 wie ausgewechselt erscheint und wieder zum Go-to Guy der Celtics geworden ist. Mit starken 18 Punkten pro Spiel bei 54 Prozent aus dem Feld können sich die Grünen auf ihren wieder erstarkten Power Forward verlassen. Garnett wirkt zur Zeit höchst scharfsinnig und effizient. Ähnlich wie gegen Cleveland muss zudem die Celtics-Bank über sich hinaus wachsen. Von Tony Allen, Rasheed Wallace und Glen Davis erwartet der 17-malige NBA-Champ gute Leistungen, denn Orlandos Bank ist die mit Abstand beste der Liga und muss, zumindest in Ansätzen, eingedämmt werden.

Das ist freilich leichter gesagt als getan, denn die Magic sind seit Monaten das beste Team weit und breit, ohne wenn und aber. 28 der letzten 31 Partien hat das Team aus Florida gewonnen, 20 davon zweistellig, und manche Gegner wurden dabei dermassen grün und blau geprügelt, dass sie heute noch in psychologischer Behandlung stecken. Die durschnittliche Punktedifferenz in diesem Zeitraum: 14 pro Spiel (!). Die Effizienz der weiss-blauen ist schlicht brutal, offensiv wie defensiv. Dwight Howard als Screener, umgeben von meist 4 hochprozentigen Dreier-Schützen, macht es unmöglich, das komplette Parkett gegen Orlando zu verteidigen. Wird eine Angriffssequenz mal nicht über Dwight im Low-Post eröffnet, sorgt Jameer Nelson für Chaos durch seine fast fehlerfreien Drive-and-Kicks. Nelson, der bullige Aufbauspieler, den viele immer noch nicht für voll nehmen, ist zum Katalysator und Garanten für die extreme Toughness des Teams geworden. Seine Playoffwerte bisher: 21 Punkte, 5 Assists, 2.5 Dreier, 52 Prozent aus dem Feld. Offensiv ist Orlando nicht auszurechnen, dementsprechend schwer fällt es, einen Game-Plan zu entwerfen, um einen bestimmten Spieler zu stoppen. Gleich acht Spieler erzielen 8+ Punkte pro Partie, und sieben Magic-Akteure kommen auf 1+ Dreier im Schnitt. Unmöglich also, das gesamte Team zu bändigen. Rashard Lewis kommt eine besondere Bedeutung in dieser Serie zu. 'Shard, der routinemässig gute Resultate gegen Boston abliefert, wird dank seiner Gefahr vom Dreier-Land Garnett weit nach draussen ziehen und versuchen, KG (der nicht mehr über die defensive Grundschnelligkeit vergangener Tage verfügt) aus dem Dribbling heraus zum Korb zu schlagen.

Defensiv ist Orlando, zur Überraschung vieler, noch besser als Boston (Platz 3). Hier gibt es für die Celtics keine Mo Williamse und dicke, langsame Center, die man ausbeuten kann. Das gesamte Team verteidigt solide, im Verbund und scheucht seine Opfer in Richtung Dwight, der dann gerne mal
so was hier macht. Die Ersatzbank der Magic verfügt über zahlreiche hochklassige Optionen, die Bostons Bank in den meisten Spielen deklassieren werden: Mickael Pietrus, JJ Redick (der Ray Allen in den 2009 Playoffs vollkommen neutralisierte), Jason Williams, Marcin Gortat - die Liste ist endlos. Dieses Team hat die ligaweit beste Mischung aus Offensive, Defensive, Bank, Coaching und einen Heißhunger auf mehr nach der ernüchternden Finalniederlage in der letzten Saison.

Boston hat seine Kritiker Lügen gestraft. Nach der schwachen regulären Saison haben die alten Herren, angeführt von ihrem jungen Point-Guard, ihren Championship Swagger wieder erlangt. "Unser Ziel war nicht Cleveland, und es ist auch nicht Orlando", wird Doc Rivers zitiert, der den Blick auf den 18. Titel gerichtet hat. Das Team ist tougher als letzte Saison, dank eines gesunden Kevin Garnett. Schaffen es die Celtics, Ray Allen wie gegen Cleveland (16 PPG) freie Würfe zu erspielen, hat Boston eine echte Chance aufs Finale. Für Orlando ist das Cruisen durch die Playoffs hier zunächst einmal zu Ende. Das Battle gegen Boston wird seine ersten Opfer fordern. Die Magic müssen auf den Ball aufpassen, denn Boston ist meisterhaft darin, Turnovers des Gegners in direkte Punkte umzuwandeln. Die Duelle werden sich oft im niedrigen Punktebereich abspielen. Half-Court, oldschool Inside-Out Game mit wenigen Turnovers. Zwei abgezockte Teams, die beide schon einmal hier waren und wissen, was zu tun ist. Letztendlich aber sehe ich Orlando dank seiner offensiven Feuerpower, dem beeindruckenden Lauf der letzten Monate, der besseren Bank, Heimvorteil und einer Woche Pause klar vorne, auch gegen eine überragende Defense wie die der Celtics. Rashard Lewis als vierte Scoring-Option ? Pietrus und Redick als Joker von der Bank ? Und das alles nachdem man Howard, Nelson und Vince Carter ausschalten muss ? Keine Chance.



nbachef tippt: 4-2 Orlando