16 Oktober 2010


Eigentlich ist Anthony Randolph ja noch viel zu jung, um als Comeback-Spieler gehandelt zu werden. Der Bursche wurde 1989 geboren, und man kann sich bei ihm die legitime Frage stellen: "BounceBack von was ? Der hat doch noch gar nichts erreicht." Stimmt. Und dennoch beginnt für AR4 mit dem Wechsel von den Golden State Warriors zu den New York Knicks ein völlig neues Kapitel nach bisher zwei turbulenten Profijahren mit einigen Höhen und vielen Tiefen.

Randolph hatte in seinem Rookie-Jahr für Furore gesorgt in Golden State. Eigentlich als spindeldürrer Projekt-Spieler gedraftet, schockte er die Basketball-Welt gleich in seiner ersten Saison mit einem überbordernden Arsenal an Skills. Dazu Krakenarme, Sprungkraft wie ein steroid-injiziertes Känguruh und ein pausenlos laufender Motor, was allesamt zu implizieren schien, dass Randolph sich auf dem direkten Weg zum Superstar befindet. 7.9 Pts, 5.8 Reb und 1.2 Blks sind für einen Frischling schon sehr verlockende Werte. Problem: der junge Forward hatte es von Beginn an mit einem unbesiegbaren Feind zu tun, einem Hausdrachen im Endgegnerformat, an dem es noch kein junger Spieler vor ihm je vorbei geschafft hatte: Don Nelson. Der knausrige alte Herr hielt seinen Welpen immer an der ganz kurzen Leine. Wie oft sah man Randolph über den Platz fliegen, 5 Rebounds, 3 Blocks und mehrere ehrfurchtserregende Highlights in 11 Minuten abliefern - und anschließend für den Rest der Partie schluchzend auf der Bank sitzen, weil sein Abend bereits gelaufen war. Im gleichen Stil ging es in seinem zweiten Profijahr weiter. Obwohl die Warriors weiterhin Niederlagen einsammelten wie Rasheed Wallace einst technische Fouls, sah Randolph kein Land im Nelsonschen Spielsystem. Zu allem Überfluss verletzte sich der 2,13m Schlaks (der seit seinem NBA-Debut nochmal 5 cm gewachsen ist) im Januar noch am Sprunggelenk und musste den Rest der Saison von der Seitenlinie aus zusehen.

Dann kam der Sommer, und mit ihm der Trade nach New York im Tausch für David Lee. Viele Warriors-Fans waren nicht einverstanden mit dem Swap, obwohl mit Lee ein Forward im All-Star-Format nach Oakland kam. Wer Randolph einmal live hat spielen sehen, wird verstehen, warum. Der Junge hat unendliches Potential und könnte, vorausgesetzt er wird irgendwann erwachsen, zu einem der besten Spieler ligaweit heranreifen. Er ist lang, schnell, sprunggewaltig, kann jede Position verteidigen, exzellent passen, Fouls ziehen und die anschließenden Freiwürfe versenken. Im Prinzip ist Randolph der prototypische Basketballer für das unorthodoxe Spielsystem des Mike D'Antoni - und wird genau deshalb bei den Knicks alle Chancen der Welt erhalten, seine unspektakuläre letzte Saison vergessen zu machen. Das soll nicht heissen, dass AR4 in New York gleich einschlagen wird wie eine Linke von Wladimir Klitschko. Er dürfte die Saison sogar als Ersatzmann beginnen.

Randolph spielt nämlich oft wie ein kopfloses Huhn und treibt Trainer und Mannschaftskollegen zur Weißglut mit seinen falschen Entscheidungen auf der Platte. Aber er ist wie gesagt erst 21 Jahre alt. Der in Worzbach/Deutschland geborene Forward wird die Fans im Madison Square Garden oft von den Sitzen reissen dank seiner spektakulären Spielweise. Als sechster Mann, als Energiebolzen von der Bank, der keine Verantwortung in kritischen Situationen tragen muss, dürfte AR in dieser Saison seine Nische finden und sich dann langsam heran tasten an das schier unermessliche Potential, das verborgen in ihm schlummert. Wenn er es schafft, im Kopf ein paar Gänge herunter zu schalten und lernt, seinen Instinkten auf dem Platz zu vertrauen, könnte Anthony Randolph in New York zu einem NBA-Superstar heran reifen. Eine Steigerung gegenüber 2009/10 ist auf jeden Fall schon mal vorprogrammiert.