09 November 2010


Eigentlich wollten die Los Angeles Clippers, angeführt von ihrem Floor General und Point Guard Baron Davis, in diesem Jahr ja die Playoff-Plätze im Westen angreifen. Nach dem total verkorksten Saisonstart (1-6) und Davis' neuesten Wehwehchen ist aber Ernüchterung eingekehrt in 'Clipper Nation'. Die Früchte scheinen schon jetzt, nach nur 2 Wochen Saison, mal wieder unerreichbar hoch zu hängen.

Davis hat bisher in dieser Spielzeit nur 3 bescheidene Partien absolviert. Seine Werte (10 Pts, 5 Ast, 32% FG, 1-9 Dreier) sind alles andere als berauschend, die 0 Siege unter seinem Kommando noch weniger. Am vergangenen Montag fiel der Point Guard zum ersten Mal aus, nachdem er vor der Partie gegen San Antonio wieder einmal starke Schmerzen im linken Knie verspürte. Das Gelenk - 2007 noch arthroskopisch operiert - macht ihm schon lange zu schaffen. Eigenen Angaben zufolge spielt Davis seit vier Jahren mit diesen rezidivierenden Schmerzen im Knie, das ganz einfach nicht verheilen will. Der Grund könnte hartnäckiges Narbengewebe sein, das sich im Areal gebildet hat. Ständig sammelt sich Flüssigkeit im hinteren Teil des Kniegelenks und schwillt bis auf die Grösse eines kleinen Baseballs an. Auch die Sehnen werden so in Mitleidenschaft gezogen. Im schlimmsten Fall hilft nur eine erneute OP.


"Indem er sich nicht richtig vorbereitet, schadet er sich selbst und dem Team. Das muss er in Zukunft besser handhaben, (...) es schlauer angehen. Er ist keine 22 mehr."


Wie jedes Jahr muss sich der talentierte ehemalige Nummer 3 Pick nun wieder Fragen bezüglich seines Arbeitsethos stellen lassen. Wie jedes Jahr begann Davis auch in dieser Offseason erst im August mit seinem jährlichen Trainigsregiment, um sich auf die neue Saison vorzubereiten. Zu spät, wie viele finden. Auch sein Trainer Vinny del Negro wunderte sich vor kurzem in aller Öffentlichkeit ob des körperlichen Zustands von Davis und stellte dessen Fitness in Frage. Zitat del Negro (via ESPN): "Baron weiss, dass er mit seiner Fitness im Rückstand war, und musste dann so hart trainieren, um wieder in Form zu kommen, dass er seinem Knie zuviel zugemutet hat. Indem er sich nicht richtig vorbereitet, schadet er sich selbst und dem Team. Das muss er in Zukunft besser handhaben, (...) es schlauer angehen. Er ist keine 22 mehr. Er ist jetzt 31. Er muss seine Verantwortung als Anführer dieser Mannschaft begreifen.."

Davis hat die veränderten Eigenschaften seines Körpers mittlerweile akzeptiert und eingeräumt, wirklich nicht richtig fit zu sein. Und obwohl er schwört, in Zukunft früher und anders trainieren zu wollen, läuft ihm ganz plötzlich die Zeit davon. Der Grund ist sein talentierter Backup auf der PG-Position, Rookie Eric Bledsoe. Der 1,85m kleine Guard spielte letztes Jahr zusammen mit John Wall noch bei den Kentucky Wildcats in der NCAA - und entpuppte sich als eine der grössten Überraschungen in der jungen Saison. Mit ihm haben die Clippers zum ersten Mal seit Jahren einen adäquaten Ersatz auf der 1.

Bledsoe übernahm nach Davis' Verletzung das Kommandozepter im Clippers-Spiel und begeistert bisher als Starter mit 13 Punkten, 7 Assists und knapp 2 Steals im Schnitt bei bärenstarken 55% aus dem Feld. Der 20-jährige war mit 17 Punkten und 8 Assists beim bisher einzigen Sieg gegen Oklahoma City einer der Schlüsselspieler. Gerade gegen die Thunder harmonierte der pfeilschnelle Bledsoe mit seinem älteren Backcourt-Partner Eric Gordon hervorragend. Clippers-Fans träumen schon von einer aussichtsvollen Zukunft. Nicht wenige verlangen bereits Davis' Kopf, um den Rebuild komplett einzuleiten. Mit Gordon, Blake Griffin, Bledsoe, DeAndre Jordan, Al-Farouq Aminu und Craig Smith hat man in Los Angeles einen beneidenswerten jungen Nukleus beisammen.

Das Management der Clippers hat letzte Woche damit begonnen, potentielle Trade-Szenarios für Davis zu eruieren. Interessierte Teams können anrufen und ihre Vorschläge unterbreiten. Um Baron reissen wird sich die Liga gewiss aber nicht. Ein schlechter Ruf eilt ihm voraus: beschädigte Ware (Knieprobleme), zu teuer (noch 3 Jahre, 42 Mio $ Vertrag) und zudem noch nie wirklich effektiv gewesen (Karrierequote nur 41%). Als einziges Team überhaupt, in dem Davis landen könnte, kämen meiner Ansicht nach die Charlotte Bobcats infrage, die ohne einen gescheiten Spielmacher in den Niederungen der Ost-Tabelle zu versumpfen drohen (bisherige Bilanz: 1-6).

Ansonsten liegt der Mehrwert von Baron Davis in LA wohl höher als sonst wo. Coach Vinny del Negro, der in beiden Jahren seines Cheftrainer-Daseins seine Mannschaften in die Playoffs geführt hat, hält grosse Stücke auf seinen Aufbauspieler und glaubt, dass dieser seine Warriors-Form der alten Tage (20 Pts, 8 Ast) wieder erreichen und ein Leader für das junge Clippers-Team sein kann - wenn er seine Fitness verbessert. Das wird Davis natürlich versuchen in den nächsten Wochen und Monaten. Er wird sich notfalls mit schmerzverzerrtem Gesicht durch die Saison schleppen und alles dafür tun, die in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Ich gehe stark davon aus, dass der 31-jährige bald wieder aufs Parkett zurück kehren und seine angestammte Starterrolle im Backcourt wieder einnehmen wird.

Allerdings: Davis ist an der sprichwörtlichen Weggabelung angkommen. Den kalten Atem von Eric Bledsoe in seinem Nacken kann er nicht ignorieren. Will er weiterhin in den Planungen des Teams eine Rolle spielen und nicht wie Steve Francis, Jamaal Tinsley oder Penny Hardaway enden, muss er nun den richtigen Pfad wählen.