17 November 2010



Orlando führt zwar nach 10 absolvierten Spielen (schon wieder 12% der Saison vorbei) die Tabelle in der Southeast Division an mit 7-3 Siegen - gut für Platz 2 im Osten hinter Boston. Wer aber die Magic bis hierher verfolgt hat, wird festgestellt haben, dass die Mannschaft alles andere als souverän auftritt und vom eigenen Anspruch noch Lichtjahre entfernt scheint. Das Spiel der Floridianer ist unausgereift, unüberlegt und über weite Strecken schrecklich mit anzusehen. Die exzellente Defensive (nur 90.8 Gegenpunkte im Schnitt) ist eher ein Produkt des sehr leichten Spielplans bisher (WAS, MIN, CHA, TOR, NJ, NJ, MEM) als eigener Dominanz zuzuschreiben.

Eines der fundamentalsten Probleme im Kader von Stan van Gundy ist die Produktivität auf den beiden Forward-Positionen.
Das rührt zum einen von teils enttäuschenden Leistungen einzelner Akteure bisher (Lewis, Rashard), zum anderen aber auch von SVG's stetigen, hyperaktiven Feinjustierungen an der Spielformation. Das war irgendwo vielleicht absehbar, nachdem man mit Matt Barnes den etatmässigen SF-Starter der letzten Saison nach Los Angeles verloren hatte. '09/10 begann Barnes meist (58 mal) an der Seite von Rashard Lewis, Mickael Pietrus (23 Minuten) kam von der Bank, Ryan Anderson (14 Min.) und Brandon Bass (13 Min.) durften die Wischmopzeit unter sich aufteilen. Quentin Richardson war freilich noch nicht in der Mannschaft, kam erst in diesem Sommer aus Miami. Um van Gundy's Gedankenspiele in Bezug auf seine Traumformation nachvollziehen zu können, reicht ein hastiger Blick auf die bisherige Spielzeitverteilung (gespielte Minuten in Paranthesen, Starter fett):

WAS (112-93): Lewis (24), Richardson (26), Bass (16), Anderson (16), Pietrus (12)
MIA (70-96): Lewis (25), Richardson (22), Pietrus (24), Bass (21), Anderson (14)
MIN (128-86): Lewis (29), Anderson (19), Richardson (24), Bass (24), Pietrus (3)
NJ (105-90): Lewis (33), Anderson (7), Bass (18), Pietrus (18), Richardson (9)
CHA (91-88): Lewis (34), Richardson (36), Pietrus (17), Bass (14), Anderson (DNP)
ATL (93-89): Lewis (31), Anderson (15), Bass (19), Richardson (19), Pietrus (DNP)
UTA (94-104): Lewis (35), Anderson (2), Bass (37), Richardson (17), Pietrus (DNP)
TOR (106-110): Lewis (26), Richardson (18), Pietrus (30), Bass (8), Anderson (DNP)
NJ (91-90): Lewis (30), Richardson (21), Pietrus (24), Bass (21), Anderson (DNP)
MEM (89-72): Lewis (39), Richardson (21), Bass (22), Pietrus (21), Anderson (DNP)


Es wird schnell klar: Lewis ist gesetzt im System Stan van Gundy, und zwar auf Power Forward. Das Experiment 'Ryan Anderson in der Startaufstellung' ist mittlerweile beendet, und Q-Rich startet wieder auf der Drei - wie schon zu Saisonbeginn. Er soll de facto die Rolle übernehmen, die Matt Barnes letztes Jahr innehatte. Zwei massive Probleme ergeben sich aus dieser Wunschvorstellung:
1. Lewis ist kein Power Forward
2. Quentin Richardson ist nicht Matt Barnes

Ein genauerer Blick auf die Zahlen macht das deutlich: beide Forwards haben bis jetzt eine rabenschwarze Saison hinter sich. Van Gundy hofft natürlich, dass die Leistungskurve irgendwann nach oben zeigen, der Jumpshot der beiden endlich sitzen wird. Lewis' Trefferquote liegt bei erbärmlichen 35 Prozent aus dem Feld und 30% vom Dreierland. Q-Rich setzt an Nutzlosigkeit aber noch einen drauf mit 28 Prozent aus dem Feld und 25% von draussen. Nicht gut ! Was die Verteidigung anbelangt, so kommt Richardson nicht ansatzweise an Barnes heran. Der 30-jährige wird Abend für Abend von athletischeren Small Forwards deklassiert und vorgeführt.

Wirft man mal einen Blick auf die 5 schlechtest-möglichen Lineups der Magic, was die Effizienz auf dem Parkett anbelangt, kommt Quentin Richardson drei Mal vor. Zieht man John Hollinger's Player Efficiency Rating (PER) Wert heran, liegen sowohl Lewis (14.0) als auch Richardson (12.9) unter dem Ligadurchschnitt (15.0). Am besten schneidet Anderson ab (18.1) vor Bass (16.5) und Pietrus (12.0).

Noch schlimmer: im Vergleich mit den Produktivitätswerten der Magic-Gegner kommen die Small Forwards auf ihrer Position (also Q-Rich/Pietrus/Anderson) mit -7.8 unter die Räder, werden also komplett zerstört. Zum Vergleich: die Center-Position gewinnt Orlando mit +20.6 pro Abend. (alles unter Berücksichtigung des PER, wohlwissend, dass dieser keine Allwissenheit beanspruchen kann und ebenfalls für Interpretationsfehler anfällig ist - auch wenn mir Hollinger da sicher widersprechen würde).

Stichwort Brandon Bass: der Power Forward zeigt in seiner begrenzten Spielzeit (21 Minuten pro Abend), das er auf der Ersatzbank von seinem Talent nichts eingebüsst hat. Bass kommt auf starke 9.7 Punkte und 5.4 Rebounds im Schnitt. Auf 36 Minuten hochgerechnet wären das 16.3 Pts und 9.1 Reb. Zum Vergleich: Lewis produziert auf der selben Position durchschnittlich 10.3 Punkte und 5.7 Rebounds - in 10 Minuten mehr Einsatzzeit. PER36-Werte: 12 Pts, 6.7 Reb.

Bass:
9.7 Pts/5.4 Reb in 21 Min.
PER36 Stats: 16.3 Pts/9.1 Reb
Lewis:
10.3 Pts/5.7 Reb in 31 Min.
PER36 Stats: 12 Pts/6.7 Reb


Orlando's grösstes Problem ist wohl immer noch Lewis' mangelnde Bereitschaft, unter den Brettern mitzumischen. Dadurch hat man ganz offensichtlich drei entscheidende Playoff-Serien in den letzten drei Jahren verloren. Der 31-jährige war schon immer eher der Finesse-Typ, fühlte sich in der Zone noch nie so wohl. Lieber draussen rum stehen, ab und an mal zum Korb ziehen, Jumpshots ballern. So sieht seine Vorstellung von einem gemütlichen Arbeitsabend aus. Bei knapp über 100 Kilogramm Lebendgewicht auch irgendwo verständlich. Bass hingegen ist ein Wühler, ein Arbeitstier. Der 25-jährige wirft seine 255 Pfund gerne ins Getümmel, spielt physisch und hart.

Ein Segen eigentlich für Coach Stan van Gundy, steht ihm doch das Beste aus beiden Welten zur Verfügung. Mir unbegreiflich, weshalb er deshalb immer noch an Richardson für seine Startaufstellung festhält, anstatt mit Lewis auf der Drei und Bass auf der Vier zu starten. Nicht von ungefähr sieht die effektivste Lineup in diesem Jahr genauso so aus: Nelson-Carter-Lewis-Bass-Howard. Die beste Balance aus Offensive und Defensive, die meisten Win Shares, der höchste +/- Wert.

Lewis kann bei 2,08m seine körperlichen Vorteile gegenüber gegnerischen Small Forwards ausspielen, anstatt Abend für Abend der leichteste Power Forward im Feld zu sein (abgesehen von Austin Daye, der knapp 50 Kilo wiegt). Und Bass kann so D12 unter den Körben zur Hand gehen, Rebounden, die Drecksarbeit erledigen und gegnerische PFs in der Defensive checken. Pietrus kommt von der Bank, Anderson und Richardson teilen sich die Restspielzeit und dürfen drauf halten bis der Arzt kommt.

Van Gundy kann entweder weiter hoffen, dass Lewis (dessen Quote seit 2005 kontinuierlich bergab geht) irgendwann seinen Wurf findet oder Richardson eine Wunschfee trifft, die ihm seine Verteidigerqualitäten und seinen Jumpshot wieder beschaffen kann. Oder aber der Coach kommt endlich zu Sinnen und katapultiert sein Team durch einen Lewis-Bass-Howard Frontcourt auf eine neue Leistungsstufe und unter die ernst zu nehmenden Titelaspiranten. In der derzeitigen Konstellation kann man Orlando jedenfalls nicht dazu zählen.