13 Dezember 2010


Das Thema ist an sich schon dermassen deprimierend, dass eine Situationsanalyse nur nach eingehender Betäubung der Grosshirnrinde mit 1 bis 3 Flaschen Armagnac überhaupt möglich wird. Zur Sache...

Die Pistons stinken zum Himmel. 10 der letzten 12 Partien verloren, insgesamt schon 18 Niederlagen in nur 25 Saisonspielen und eine 0-12 Balance gegen Teams mit ausgeglichener Bilanz sind nur einige der Depressionen auslösenden Pistons-Werte in '10/11. Weitere Lowlights:

Platz 24 bei den Assists (19 pro Spiel)
Platz 25 bei den Steals (6.4)
Platz 26 bei der Offense (94 Punkte pro Partie)
Platz 27 bei der gegnerischen Trefferquote (48%)
Platz 30 bei den Rebounds (38.8)


Spätestens hier würde sich jeder Detroit-Fan (der ich zum Glück keiner bin) einen Strick wickeln, denn es wird schnell klar: die Defizite sind nicht nur punktuell, sondern ziehen sich wie ein roter Faden durch Offensive und Defensive gleichermassen. Weitaus schlimmer aber als die horrenden Statistiken in der laufenden Saison ist die Gesamtsituation in Detroit und der triste Ausblick für die kommenden Jahre.

Die Hauptprobleme fangen ganz oben an. Der angekündigte Kauf des Vereins durch Sport-Mogul Mike Ilitch zieht sich entgegen aller Erwartungen viel länger hin als zunächst angenommen und soll nun frühestens im März vollzogen werden - nicht wie ursprünglich geplant noch in diesem Jahr. Das hat zur Folge, das eine Art Winterstarre die komplette Franchise lahm gelegt hat. Die Witwe des 2009 verstorbenen Ex-Besitzers William Davidson pumpt keinen Cent mehr in das Team. Als Folge dessen dürfen auch keine Trades oder weitere Spielerakquisitionen erwartet werden, wahrscheinlich bis zum Sommer. General Manager Joe Dumars vollbringt seine Arbeitstage denn auch wie jemand, der durch seinen Obrigen vorerst keine Evaluation zu befürchten hat und keinerlei Konsequenzen für sein (Nicht-) Handeln: er stempelt jeden Morgen an, und stempelt abends beim Heimgehen wieder ab. Keine Telefonanrufe, keine Tradegespräche, kaum Kontakt zum Team, keine Deals. Auf die Frage, ob er denn imminente Wechselszenarien für einige seiner hochbezahlten Veteranen preisgeben könnte, antwortete Dumars ungewohnt gleichgültig: "Es ist nichts geplant." Dumars hat nach dem dritten und letzten Titelgewinn 2004 eindeutig versäumt, die Mannschaft für die Übergangsphase vorzubereiten. So hoch seine Qualitäten als Architekt des Titelteams auch anerkannt werden müssen: seither war jede seiner Personalentscheidungen ein beherzter Griff ins Klo - zum Teil bis zur Schulter hoch.

Dementsprechend sieht heutzutage der Kader aus. Oder doch eher Rumpfmannschaft ? Kaum ein anderes Team ligaweit ist schlechter zusammengestellt als die Detroit Pistons. Und keins schlechter aufgestellt auf dem Platz. Obwohl die Kolben eine ganze Reihe junger Spieler in ihren Reihen haben, die zum Teil mit hohen Verträgen ausgestattet (Ben Gordon, Charlie Villanueva) oder hoch im Draft gezogen wurden (Daye, Monroe), steht nur ein Aktuer unter 27 Jahren in der Starting Lineup: Rodney Stuckey (24). Ansonsten setzt der völlig überforderte und inkompetente Head Coach John Kuester beim Griff nach der goldenen Klobürste lieber auf Alt-Möchtegern-Stars wie Tayshaun Prince, Rip Hamilton oder Ben Wallace. Alle drei sind von ihrer Meisterform aber weiter entfernt als Minnesota von einem Playoff-Platz. Und zusätzlich dem Mannschaftserfolg nicht zuträglich. Unter den 5 effizientesten +/- Lineups der aktuellen Pistons-Saison taucht keiner der drei Ex-Allstars auf:


Worauf ich hinauswill, ist denke ich milchglasklar: nur über die Youngster kann Detroit den Weg in die Erfolgsspur zurück finden. Dass nicht jeder einzelne der angesammelten jungen Spieler langfristig ins Konzept passt, liegt in der Natur der Sache. Aber ohne verschiedenste Lineups und Kombinationen auf dem Platz auszuprobieren, sabotiert Detroit seine eigene Zukunft. Wieso Ben Gordon weniger Spielzeit erhält als Rip Hamilton, wissen nur Kuester und Dumars. Der Maskenmann spielt seine schlechteste Profisaison überhaupt, trifft nur 41% seiner Wurfversuche und erzielt magere 13 Pünktchen im Schnitt - darf aber dennoch fast 30 Minuten pro Spiel ranklotzen. Das Argument, man wolle Hamilton für einen möglichen Trade vorzeigen, kann aus obig angesprochenem Grund nicht ziehen, denn ohne neuen Besitzer keine neuen Trades. Auch Tayshaun Prince sollte schleunigst abgestossen werden. Seine PER36 Werte sind in etwa so interessant wie eine weisse Wand (15 Pts, 5 Reb, 2 Ast). Seine Defense gleicht heutzutage mehr dem spanischen Stierkampf, und sein einziger Mehrwert liegt für die Pistons eigentlich nur noch in seinem auslaufenden 11 Mio $ Vertrag. Es ist offensichtlich, dass sowohl Hamilton wie auch Prince geistig mit Detroit schon längst abgeschlossen haben. Ihre Produktivität, Körpersprache und Vorbildfunktion lässt alles zu wünschen übrig.

Coach John Kuester, ein ehemaliger Offensiv-Koordinator unter Larry Brown, der seines Zeichens für die schlechteste Offensive der Liga verantwortlich war und nur durch Zufall und Vitamin B (Connections) überhaupt eine Cheftrainerstelle ergattern konnte, war bisher in seiner Karriere weder erfolgreich noch besonders kreativ. Seine Wechselspielchen sind verwirrender als das verrückte Labyrinth, ein klarer Plan oder wenigstens eine Richtung sind überhaupt nicht erkennbar. So spielen talentierte Nachwuchsspieler wie Rookie-Center Greg Monroe mal 35 Minuten, mal mickrige 15. Small Forward Austin Daye, der im letzten Jahr durchaus positive Ansätze zeigte dank seines abwechslungsreichen Skillsets, kommt im Dezember bisher auf weniger als 10 Minuten im Schnitt. Dafür darf 'Knee-Mac' Tracy McGrady immer länger ran. Gut zu wissen, wo bei Kuester die Prioritäten liegen.

Aus der aktuell unheilbaren Krankheit, auch bekannt als Pistons-Lineup, erscheinen mir Akteure wie Gordon, Stuckey, Jonas Jerebko, Monroe, Daye, Villanueva und Will Bynum als potentiell keeper-würdig, also für das Team der Zukunft geeignet. Potentiell, wie gesagt. Das aber beinhaltet genaueste Analysen unter allen erdenklichen Team-Building Aspekten. Wieso man in Detroit - gerade weil man ja unter der aktuellen Besitzerhierarchie nichts zu befürchten hat - nicht wenigstens ansatzweise in diese Richtung denken will, entbehrt jeglicher Logik. Viel schlechter kann die Bilanz auch ohne Rip, Tay, Big Ben & co. nicht mehr ausfallen. Der Gewinn für die kommenden Jahre aber wäre Gold wert. Im Oktober hatte ich im Zuge der Jerebko-Verletzung noch folgendes geschrieben:

"...Im Idealfall besinnt sich Pistons-Coach Kuester auf das langfristige Ziel und räumt seinen beiden Youngstern Greg Monroe (20 Jahre) und Austin Daye (22) so viel Spielzeit wie nur irgend möglich ein. Das sollen natürlich keine 40 Minuten pro Spiel sein, aber ins eiskalte NBA-Wasser darf man die Rooks/Sophs schon ab und an mal werfen. Sie sollten Fehler machen und hinzu lernen dürfen, so viel und oft wie es eben nur geht. Das wird auf lange Sicht Früchte tragen. In dieser Situation mit Veteranen wie Wallace (36), Wilcox (28) oder Maxiell (27) Vorlieb zu nehmen, wäre der verkehrte Weg, denn Detroit wird in diesem Jahr ohnehin nichts reissen in der Eastern Conference. Nur wenn man die jungen Spieler fordert und fördert, kann man beim dreimaligen Champion in absehbarer Zeit wieder mit den grossen Fischen im NBA-Teich mitschwimmen."

Dumars, Kuester und co. sind meinem Aufruf damals ganz offensichtlich nicht gefolgt. Schade für sie. Nun läuft alles auf eine katastrophale Saison in Motor-City hinaus, mit dem dann wohl unabwendbaren Schicksal für das inkompetente Führungs-Duo spätestens im Sommer 2011: neuer Besitzer, neue Philosophie, und ganz viel Freizeit für die Strippenzieher der Pissed-Ons Version 2010/11. Für Detroit kann der Moment nicht schnell genug kommen...