30 Dezember 2010


Der ein oder andere von Euch kennt die 'Double-Doubles' Rubrik sicher noch aus der Preseason. Zwei sich diametral gegenüber stehende Sichtweisen zur ein und derselben Thematik. Heute: die offensichtlichen Probleme des Meisters Los Angeles Lakers.

1. Der erfolgreiche Lakers-Lauf incl. Meistertitel ist vorbei

Schon vor den drei Niederlagen in Folge seit letztem Dienstag (gg. Milwaukee, Miami und in San Antonio) fielen die vielschichtigen Probleme der Los Angeles Lakers deutlich auf. Trotz eines 13-2 Starts in die neue Saison präsentierte sich der Back-to-Back Champ in durchaus fragwürdiger Verfassung. Die aufgeblähte Anfangsbilanz hatte mehr mit dem extrem leichten Spielplan als mit der eigenen Darbietung auf dem Platz zu tun und verblendete die Blick durch die lila-gelbe Brille nur zusätzlich. Es lag eine Aura der Unantastbarkeit in der Luft, eine falsche Selbstgefälligkeit und der Irrglaube, auch bei Unterlassung der kleinen Dinge und der Herausbildung 'richtiger Verhaltensweisen' irgendwie doch von Sieg zu Sieg spazieren zu können. Haste nicht gesehn ! Ein erster kleiner Weckruf Ende November (4 Niederlagen in Folge) verfehlte seine Langzeitwirkung vollständig. Obwohl man leichte Gegner weiterhin der Reihe nach abstrafte, begann jene "Arroganz, die man seit dem Trainingscamp zur Schau stellte" (Zitat: Lamar Odom), die Mannschaft zusehends von innen zu zerfressen. Viele Spieler scheinen gesättigt nach zwei erfolgreichen Saisons, die man Champagner schlürfend und Banner an die Hallendecke hängend auf dem Mount Everest der NBA beendete. Das wiederum stösst bei Kobe Bryant auf ganz viel Mißmut, der dann im Gegenzug so häufig wie schon lange nicht mehr in seinen 'Ef the World' Modus verfällt. Alles wird auf eigene Faust erzwungen. Wurfdarbietungen wie sein 8 von 27 Abend gegen die Spurs (inklusive L) sind die Folge. Dass die schwarze Mamba sich mit ihren 32 Jahren auf dem Abstiegspfad ihrer illustren Karriere befindet, scheint sie selbst nicht immer einsehen zu wollen. Je mehr Kobe den Alleinunterhalter gibt, desto leichter sind die Lakers zu knacken. Pau Gasol, der die ersten Saisonwochen wie von einem spanischen Stier gestochen aufspielte (und etwas voreilig zum MVP-Kandidaten ausgerufen wurde) geht mittlerweile auf dem Zahnfleisch. Die hohe Minutenanzahl, gepaart mit physischen oder psychischen Problemen, die Lakers-Coach Phil Jackson noch nicht preisgeben will, haben aus dem besten Big Man der Liga einen zahmen und überforderten Rollenspieler gemacht, der sich mit 2 Würfen in einer Halbzeit (gg. San Antonio) dann zufrieden gibt. Ron Artest und Derek Fisher sind in der Anfangsformation völlig deplatziert. Fisher's Haltbarkeitsdatum ist seit Jahren überschritten, aber Phil steht immer noch auf alte, unathletische, gerissene Point Guards, die sein Spielsystem veredeln. Artest hilft kranken Kindern mehr als der Lakers-Triangle, deren Fluss er durch sein fehlendes Spielverständnis häufig komplett unterbricht. Seine Statistiken in dieser Saison (8 Pts, 39% FG) sind die schlechtesten seiner Karriere. Apropos Triangle-Offense: noch nie zuvor hat sich der Lakers-Verbund so undiszipliniert auf dem Platz gezeigt, mit so wenig Vertrauen in das propagierte System ausgestattet. Schlechte, überhastete Würfe von aussen werden bevorzugt, anstatt den Ball von innen nach aussen zu manövrieren. Die offensichtlichen Vorteile am Brett werden viel zu selten ausgespielt. Das Passspiel stagniert oft, es wird improvisiert, anstatt die Murmel laufen zu lassen und den freien Mann auf der Weakside zu finden. Wenn ein Team, dass seit Jahren routinemässig 100 und mehr pro Abend einstreut, plötzlich nur noch 79, 80 und 82 Punkte erzielt, sind die offensiven Probleme nicht mehr von der Hand zu weisen. Hinzu kommt der Härte-Aspekt: man lässt sich von den Gegnern in der Gegend herum schubsen, die schon längst den nötigen Respekt vor dem amtierenden Champion verloren haben. Auch in der Defensive (letzte Saison immerhin Platz 4 im Defensiv-Rating und Platz 9 bei den Gegenpunkten pro Partie) haben die Lakers stark nachgelassen. Die Innenverteidigung ist anemisch. Die Zone steht jedem Gegner weit offen, es fehlt das rechtzeitige Rotieren zum freien Mann, und die Pick'n'Roll Defense präsentiert sich in teilweise peinlicher Verfassung. Überhaupt zieht sich der Mangel an Einsatzwillen, Leidenschaft und Teamarbeit wie ein roter Faden durch die bisherige Saison. Angesichts der schwachen 2-5 Bilanz gegen Gegner mit einer positiven Bilanz, dem bevorstehenden Spielplan im Januar/Februar sowie der stark gewachsenen Konkurrenz im Westen (San Antonio und Dallas ziehen vorne weg, Utah und Oklahoma City warten in Lauerstellung), vor allem aber bedingt durch die vergiftete Mentalität in der Lakers-Umkleide und dem mangelnden Siegeswillen innerhalb des Teams, muss die Mission 'Back to Back to Back' jetzt schon als gescheitert erklärt werden. Diese Mannschaft ist zu alt und zu satt. Spätestens im Conference Finale ist gegen eines der oben genannten, motivierteren Teams Endstation.

2. Die Lakers cruisen wie immer durch die Saison und schalten im Frühling vier Gänge hoch

Woher die Panik ? Zugegeben, die letzten drei Niederlagen (zwei davon in eigener Halle - die schlimmsten konsekutiven Heimniederlagen seit dem Umzug von Minneapolis nach Los Angeles) waren hässlich und grauenvoll mit anzuschauen. Das Team steckt ganz klar in der Patsche. Und der Rückstand zu den im Westen führenden Spurs beträgt nach der Pleite im Dienstags-Duell jetzt schon 5.5 Siege. Aber so ist das nun mal als amtierender Champ. Eine Titelverteidigung ist schon schwer genug. Ein Three-Peat nahezu unmöglich. Die Abnutzungserscheinungen zwischen den Saisons sind ungemein hoch. Man ist gesättigt. Man hat alles schon erreicht. Zwei mal sogar. Nicht von ungefähr haben erst drei Teams seit den 1960ern (und nur 5 insgesamt) drei Meisterschaften in Folge gewonnen: Minneapolis ('52-54), Boston ('58-65), Chicago ('91-93), Chicago ('96-98) und Los Angeles ('00-02). Bei drei dieser Husarenstücke hat Phil Jackson Regie geführt. Und jedes einzelne Mal steckten seine Teams - ähnlich wie die Lakers jetzt - gegen Mitte der letzten Chamionship-Saison in einer handfesten Identitätskrise. Schaut man sich die Bilanzen der Bulls und Lakers von damals mal genauer an: 61-67-57 (Bulls), 72-69-62 (Bulls), 67-56-58 (Lakers), fällt sofort auf, wie die Anzahl der Siege gegen Ende immer rapide absank. Die diesjährige Ausgabe des 16-fachen Champs wird also aller Vorraussicht nach keine 57 Partien gewinnen wie noch im Vorjahr. Das macht aber nichts. Die Spurs werden ihren bisher historischen Lauf auch nicht ewig fortsetzen, keine 70+ Spiele gewinnen. Dallas keine 68. Es ist noch nicht einmal Januar und somit noch entschieden zu früh, um jetzt schon über Playoff-Positionierungen und verlorenen Home-Court zu sprechen. Selbst wenn es aber hart auf hart und der Heimvorteil abhanden kommen sollte für LA: kein anderes Team ist abgeklärter auf fremden Parkett, niemand cooler in entscheidenden Playoff-Situationen als die Akteure von Phil Jackson. Los Angeles gewann in den letzten beiden Jahren astronomische 50% seiner Postseason-Auswärtspartien (11 von 22) und beendete 5 von 8 Playoff-Serien in gegnerischen Hallen. Das ist clutch ! Heimvorteil hin oder her also, für LA geht es nur darum, irgendwann die Verhaltensweisen der letzten beiden Frühjahre wieder zu finden und zu kanalisieren. Die Triangle implementieren. Den Ball laufen lassen. Von innen nach aussen spielen und dabei die Grössenvorteile in der Zone Abend für Abend zum Erfolg reiten. Den erst kürzlich wieder genesenen Andrew Bynum langsam wieder in die Offensive (und die Startaufstellung) integrieren und ihn defensiv die bemalte Fläche unter dem Korb patroullieren lassen. Gasol auf PF einsetzen, wo er nicht mehr verprügelt, sondern aufgrund seiner unzähligen Mismatch-Qualitäten von gegnerischen Teams beneidet wird. Im Notfall die ein oder andere personelle Veränderung vornehmen (beispielsweise Lamar Odom mal auf der Drei starten lassen. Wie kämen gegnerische Teams wohl mit einer Odom-Gasol-Bynum Frontline zurecht ?) oder andere Auswechselmuster ausprobieren, jetzt wo fast alle wieder gesund sind. Vor allem aber mit dem Drang in jedes Spiel gehen, den eigenen, schwer erarbeiteten Status um jeden Preis verteidigen zu wollen. Hart spielen, alles geben, füreinander da sein. Schon letztes Jahr kassierten die Lakers zu Weihnachten eine empfindliche 102-87 Niederlage gegen das damals meist gehypte Team der Liga - die Cleveland Cavaliers. Für viele Experten war danach klar: LA ist mit seiner Weisheit am Ende, Cleveland holt selbstredend den Titel. Ab Ende März sah dann alles plötzlich ganz anders aus. Obwohl Los Angeles 7 seiner letzten 11 Regular Season Partien verlor, schaltete man kollektiv ein paar Gänge hoch und zeigte in den Playoffs, wovon diese Mannschaft wirklich lebt: von dem Weg als Ziel, dem Prozess des Sich-Findens und dem Druck des 'Unbedingt-Gewinnen-Müssens' im April, Mai und Juni. Nicht von Siegesserien gegen Philly und Minnesota im Dezember. Alles läuft nach Plan für den Zen-Meister und seine Lehrlinge...