06 Dezember 2010




Auf dem Platz war er immer ernst, fokussiert, geradezu introspektiv. Sein Sprungwurf war unausgereift. Schwere Knieverletzungen kosteten ihn zwei Jahre seiner Basketball-Blütezeit. Und den Satz unter die 50 besten Spieler aller Zeiten verpasste der Small Forward im Jahr 2006 ebenfalls knapp - wohl aufgrund seiner im Vergleich mit den Mitstreitern relativ geringen Anzahl absolvierter Partien (874). Aber wenn's darum ging, den Basketball zu scoren, konnten nur wenige Bernard King das Wasser reichen. In der Geschichte der NBA hat es wohl kaum effektivere Punktesammler gegeben. Seine 14-jährige Profikarriere beendete King mit einem Scoring-Schnitt von 22.5 pro Partie (bei 52% Trefferquote).

King war ein waschechter New Yorker, in Brooklyn geboren, mitten hinein in eine unfassbar talentierte Basketballer-Familie. Sein Pops hatte gespielt, sein jüngerer Bruder Albert galt als einer der besten High-School Spieler des Landes und schaffte es später ebenfalls in die NBA (1981-92). King wechselte als Jugendlicher ans Tennessee-College, wo er auf dem Platz einschlug wie eine Bombe. Trotz multipler Probleme ausserhalb der Sporthalle brachte es King schon als Freshman auf mehr als 26 Punkte pro Spiel. Nach zwei weiteren Saisons auf ähnlich hohem Niveau und 3 konsekutiven 'SEC-Player of the Year Awards' meldete er sich zum NBA-Draft an. 1977 wählten ihn die New York Nets (die sich noch im selben Jahr in New Jersey Nets umbenannten) mit dem 7. Pick aus.

Der Rookie spielte sich mit durchschnittlich 24.2 Punkten pro Abend schnell in den Fokus der Öffentlichkeit. Obwohl die Nets nichts zu melden hatten (24-58), konnte der Frischling die in ihn gesetzten Erwartungen mehr als erfüllen und stellte, so ganz nebenbei, einen neuen Nets-All-Time-Saison-Scoring-Rekord auf (1909 Pts). Die Auswahl ins All-Rookie Team war ein No-Brainer. So einfach es auf dem Parkett für King lief, so kompliziert wurden die Dinge bald ausserhalb der Platte. Massive Alkoholprobleme übernahmen die Kontrolle im Leben des talentierten Youngsters. King wurde uncoachbar. Die frustrierten Nets tradeten nach nur zwei Jahren ihre Neuerwerbung und designierten Franchise-Spieler im Sommer 1979 nach Utah.

"Ich begriff, dass es keine Karriere geben würde, wenn ich weiter trank..."

Dort brach der Forward auf Abwegen in seiner dritten Saison vollständig zusammen und absolvierte nur 19 Spiele. Genug war genug. King meldete sich in einer Entzugsklinik an und setzte den Rest des Jahres aus. "Ich begriff, dass es keine Karriere geben würde, wenn ich weiter trank. Kein Leben. Das war's." King wurde trocken und startete im Jahr darauf wieder durch, diesmal in Golden State. Nach 21.9 Punkten im Schnitt erhielt King den damals noch ausgehändigten 'Comeback Player of the Year' Award. Überhaupt nahm seine Profikarriere in Oakland wieder richtig Fahrt auf. In der Spielzeit '81/82 wurde King erstmals ins All-Star Team gewählt - es war eine von insgesamt 4 Nominierungen - sowie ins All-NBA Second Team. Seine 23.3 Punkte waren gut genug für Platz 8 ligaweit.

Seine grösste Zeit als Sportler sollte aber erst noch kommen. Im Sommer '82 heuerte der gebürtige New Yorker bei den New York Knicks an. Damit ging für den 2,01m Mann aus dem Big Apple ein Traum in Erfüllung. Vor heimischer Kulisse im Madison Square Garden entwickelte sich King zu einem der explosivsten Go-to-Guys der Liga und steigerte dabei seinen Scoring-Schnitt mit rasender Geschwindigkeit. Der Höhepunkt kam 1984/85, als King mit sagenhaften 32.9 Punkten pro Spiel Topscorer wurde. "Es gibt so Zeiten als Scorer, das ist man einfach 'in the zone'. Alles läuft sehr instinktiv ab, man weiss einfach, dass es funktionieren wird. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl", wurde King später zitiert. Der All-Star und All-NBA-Akteur war zur absoluten Attraktion geworden, im Big Apple und darüber hinaus. Er war der König von New York, und sein Name war Programm. Sein Spezialmove war immer wieder der Post-Up: er liess sich tief am Zonenrand den Ball zupassen, vollführte dann eine Vielzahl von seltsam anmutenden Bewegungen, Fakes und Up-and-Unders, bevor er mit seinem patentierten Fadeaway oder irgend einer ulkigen Wurfkreation meist hochprozentig abschloss. Bei King wirkte viel improvisiert. Die Effektivität seiner Würfe war umso atemberaubender. Zu seinen unvergesslichsten Momenten zählt das 60-Punkte Spiel an Weihnachten '84. Überhaupt war die Scoringmaschine in jenem magischen Winter zu heiss, einfach zu gut drauf, um wahr zu sein.

Wie so oft im Leben, passiert meist dann das Unvorhergesehene. King riss sich noch im gleichen Jahr, wenige Wochen vor Ende der Saison, das Kreuzband im rechten Knie. Obwohl er wie ein Besessener an seinem Comeback schuftete, glaubte New York nicht mehr an seinen 'King'. Mit Rookie Patrick Ewing dachten die Knicks, 1985 ihren neuen Heilsbringer gedraftet zu haben, und liessen King nach Washington abwandern. Ein böser Fehler, denn obwohl der Neu-Bullett seine aggressive Spielweise komplett ummodellieren musste und fortan fast nur noch im Face-up agierte, blieb seine Nase fürs Punktesammeln intakt. Er versetzte die Basketballwelt einmal mehr in Erstaunen, als er 1990/91 mit bereits 34 Jahren und phänomenalen 28.4 PPG drittbester Scorer der Liga wurde, hinter Michael Jordan und Karl Malone. Das brachte ihm eine weitere All-Star Nominierung ein.

"Wann immmer ich im Leben etwas getan habe, wollte ich der Beste dabei sein. Ich wollte nicht einfach nur zurück kommen nach meiner schweren Knieverletzung. Ich wollte als All-Star zurück kommen."


Obwohl King, wie vielen vor und nach ihm, der ganz grosse Wurf mit dem Gewinn der Meisterschaft verwehrt blieb, so hat dieser begnadete Scorer dennoch einen Platz in den Geschichtsbüchern des Sports sicher. Er besiegte seinen inneren Schweinehund ein ums andere Mal, bekam seine Alkohol- und Drogenprobleme in den Griff, spielte sich nach einer schweren, karrierebedrohlichen Verletzung (damals war bei solchen Unfällen die Karriere meist aus und vorbei) wieder in die Weltspitze zurück und verwandelte sein Image nachhaltig - vom Bild eines problematischen Ghetto-Wunderkindes aus New York zu dem eines nachdenklichen Superstars, einem echten Winner also. Bernard King wurde am Samstag 54 Jahre alt.