06 Dezember 2010


Eigentlich wollten die Portland Trail Blazers ja in dieser Saison ganz oben mitspielen. Seit Jahren gehypt, mit Vorschusslorbeeren überhäuft, als einer der wenigen möglichen Herausforderer der Lakers im Westen propagiert dank einer verblüffenden Mischung aus Guards, Flügelspielern, Bigs, Jugend und Veteran Leadership.

Mit einer 9-11 Bilanz Anfang Dezember hatte im hohen Nordwesten sicherlich keiner gerechnet. Genau da aber stehen die Blazers jetzt nach einem verheerenden Auswärtstrip in der vergangenen Woche, als man alle 4 Partien im Osten auf geradezu groteske Art und Weise herschenkte. Nimmt man die beiden vorherigen Niederlagen gegen Utah und New Orleans noch mit in die Gleichung, waren es vor dem heutigen Heimspiel gegen die Los Angeles Clippers schon 6 Pleiten in Folge - die schlimmste Niederlagenserie seit fünf Jahren.

Vor allem nach der Pause präsentierten sich die Blazers zuletzt dilletantisch und eines NBA-Teams nicht würdig. Beim 79-83 in Washington erzielte das Team von Head Coach Nate McMillan gerade mal 33 Punkte in Halbzeit zwei. Auch bei der peinlichen Niederlage in Philadelphia waren es nur 33 Zähler. Gegen die Hornets war man vor knapp 10 Tagen sogar auf nur mikroskopische 30 gekommen. Das ehemals potente Offensiv-Orchester hat ganz offensichtlich massive Scoringprobleme bekommen, erzielt nur noch 94.4 Punkte pro Partie (Platz 25).

Einer der Gründe für die Misere ist sicherlich das Spiel von Brandon Roy. Der All-Star hinkt seiner Form vergangener Tage eindeutig hinterher. Sein Scoring befindet sich auf dem Weg nach unten (18.3), die Trefferquote (nur 42%) ist sogar die mieseste seiner gesamten Profikarriere. Anstatt wie früher zum Korb zu slashen und für sich selbst und die Teamkollegen einfache Würfe zu kreiieren, verkommt Roy immer mehr zum reinen Jumpshooter. Vieles davon hat sicherlich mit seiner Gesundheit zu tun, die langsam aber sicher verdirbt. Roy hat die Knie eines 90-jährigen. Aktuelle News, dass die komplette Meniskus-Masse in Roy's Kniegelenken dahin ist, kann nichts gutes für die verletzungsgebeutelte Franchise verheissen. Das Wort 'Microfracture Surgery' macht bereits die Runde. Greg Oden lässt grüssen.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Art und Weise, wie sich das Team auf dem Platz präsentiert. Kein Einsatz, kein Feuer, keine Motivation. Und so was fällt immer auf den Coach zurück. Es scheint, als hätte Nate McMillan seinen Kredit beim Team mittlerweile komplett aufgebraucht. McMillan gilt als Schleifer, als harter Hund, und viele Veteranen fühlen sich durch seine Art auf den Schlips getreten. Wer der Sache genauer auf den Grund gehen möchte, der sollte in Blazers-Auszeiten mal die Körpersprache von Spielern wie Andre Miller, Roy oder Marcus Camby beobachten. Der Austausch des kompletten Co-Trainer Stabes vor der Saison wirkt ganz massiv nach. Vor allem den Abgang von Monty Williams, der jetzt in New Orleans den Ton angibt, hat Portland nicht verkraftet. Williams gilt als Player's Coach, übernahm in den letzten Jahren oft die Rolle des Vermittlers zwischen McMillan und der Mannschaft. Ohne ihn, so scheint es, fehlt die Bindung und der Zusammenhalt. Auch auf dem Platz: die Blazers rangieren mit knapp 20 Assists nur auf Platz 17 ligaweit. Weil der Ball nicht geteilt wird, verfallen viele Blazers-Akteure in den Chucker-Modus und verballern reihenweise ihre oft erzwungenen Würfe. Die unterirdische Trefferquote von 43% als Team (Platz 27) belegt diesen Vorwurf. LaMarcus Aldridge's Erklärungsversuch: "Keine Ahung. So etwas ist bisher noch nie passiert seit ich da bin."

So führt eines zum anderen: Verletzungen der Star-Spieler. Weniger Klasse auf dem Platz. Die Ego-Schiene mancher Akteure. Ein überforderter Coach. Eine lange Niederlagenserie, die am ohnehin schon empfindlich gestörten Selbstbewusstsein zusätzlich nagt. Auch in der Sonntagspartie gegen die Clippers versuchte Portland sein Bestes, um das Spiel nach einer 22-Punkte Pausenführung aus der Hand zu geben. Allein dem Unvermögen der Gastmannschaft war es zu verdanken, dass man am Ende doch noch 100-91 gewinnen und zumindest den Aderlass ein wenig stoppen konnte.

Nach zwei schweren Heimpartien in der kommenden Woche gegen Phoenix und Orlando muss Portland aber bald wieder auf die Reise. Angesichts der bevorstehenden Duelle in Phoenix, San Antonio, Memphis und Dallas gibt es also für die Blazers, die 7 ihrer letzten 8 Auswärtspartien verloren haben, nichts zu lachen. Und zum Jahresende warten auch noch die Denver Nuggets und Utah Jazz (zwei mal) auf. Gut möglich also, dass Portland schon Anfang 2011 die Playoff-Plätze nur noch mit dem Fernglas erkennen wird. Vielleicht aber, und das scheint momentan das dringendere Problem zu sein in 'RIP City', versucht man grad ja nur, den Coach loszuwerden. So lustlos, morsch und uninspiriert, wie sich Portland zur Zeit auf dem Platz präsentiert, sollte das keinen überraschen.