20 Dezember 2010


Die Nachricht des Wochenendes war sicherlich der spektakuläre Blockbuster-Trade, initiiert von Otis Smith und Orlando. Die genauen Details um die involvierten Akteure dürften mittlerweile sogar Eure Omas kennen. Der Magic-Manager schickte Rashard Lewis, Vince Carter, Mickael Pietrus, Marcin Gortat, Picks und Cash nach Norden und Westen und erhielt dafür im Gegenzug Gilbert Arenas, Jason Richardson, Hedo Turkoglu und Earl Clark.

Der erste Teil des Deals ist schnell erklärt: Rashard Lewis wechselt im straight up Deal nach Washington. Gilbert Arenas nimmt dafür seine Talente und seinen Humor mit nach Orlando. Für die Wizards ging es bei dem Tauschgeschäft nur um ein Ziel: Arenas loswerden, irgendwie. Nach der peinlichen Waffen-Episode vor etwa genau einem Jahr hatte Ex 'Agent 0' seinen Kredit vollends verspielt in der Hauptstadt. Und obwohl der Besitzer Ted Leonsis und Coach Flip Saunders immer wieder betont hatten, welch ein integraler Bestandteil des jungen Teams Arenas doch weiterhin sei, verriet GM Ernie Grunfeld in einem verblüffenden Interview gestern die wahren Intentionen des Clubs seit 2009: "Solche Gelegenheiten kommen ganz selten." Was übersetzt soviel bedeutet wie: die erstbeste Chance, Arenas abzustossen, musste einfach genutzt werden. Dass man sich des ungeliebten Albatrosses so leicht entledigen konnte, ohne sogenannte 'Assets' - also junge Spieler oder Draft-Picks - dafür abdrücken zu müssen, verzückt die Verantwortlichen natürlich. Nun ist John Wall in Wash der uneingeschränkte Franchise-Spieler, um den herum aufgebaut werden soll. Keine Ablenkungen, keine Verbindungen mehr zur so ungeliebten und erfolglosen Vergangenheit. Lewis wird seine vorgesehene Rolle irgendwo im Wiz-Frontcourt übernehmen, mal als Small Forward neben Blatche und McGee, mal als Stretch 4er, der das Spiel dank seiner Treffsicherheit von draussen auseinander ziehen soll. Finanziell spart Washington dank der kürzeren Vertragslaufzeit von Lewis knapp 14 Mio $ ein.

Spielerisch gesehen machen die Divisionskontrahenten aus Florida aber den Reingewinn hier, denn Arenas ist zu diesem Zeitpunkt der weitaus bessere Spieler. Das belegt sogar ein nur oberflächlicher Blick auf die Statistiken: Arenas erzielt mehr Punkte (+5), trifft mehr Dreier (+0.4) und verteilt mehr Assists (+4.4). Hinzu kommen Gilbert's Alter (3 Jahre jünger) sowie seine klaren Vorteile als Spielmacher, in Crunch Time und als Shot Creator für sich selbst - eine Fähigkeit, die Lewis in den letzten 18 Monaten komplett eingebüsst hat. Überhaupt haben sich Lewis' Skills - so scheint es - im letzten Jahr vollständig in Luft aufgelöst. Er war der Chefzombie in Orlando's bescheidenem Offensivsystem (nur Platz 21 ligaweit) und ein Hauptschuldiger für die magere 16-10 Bilanz beim ehemaligen NBA-Finalisten. Das Angriffsspiel und die Ballbewegung kam durch ihn häufig vollständig zum Erliegen. Er nahm den Youngstern Spielzeit weg und wirkte generell unmotiviert.

Das also etwas getan werden musste bei den Magischen, war klar. 6 Niederlagen aus den letzten 7 Partien (bei denen nur 1 mal 95+ Punkte erzielt wurden) verdeutlichten, was schon nach wenigen Wochen schnell ersichtlich wurde: das aktuelle Team würde Boston, Miami und Los Angeles nicht Paroli bieten können. Veränderungen mussten also her, denn mit Dwight Howard's besten Jahren will man im Sonnenstaat nicht verschwenderisch umgehen. Howard war es auch, der hinter verschlossenen Türen für eine massive Veränderung plädiert hatte, nachdem seine Motivationstirade in Richtung Mannschaft vor knapp einer Woche offensichtlich ihre Wirkung verfehlte. GM Smith lässt sich bei solchen Gelegenheiten nicht zweimal bitten. Also tauschte er neben Lewis auch gleich noch das restliche ungewollte Drittel der Lineup aus. Carter, Gortat und Pietrus mussten ihre Umkleideschränke im Amway Center räumen und Flugtickets nach Phoenix, AZ reservieren. Dafür kamen die Neuzugänge Richardson, Turkoglu und Clark.

Jason Richardson ist der zweifellos beste Spieler des gesamten Deals. Im Gegensatz zu Carter ist J-Rich 4 Jahre jünger, athletischer und in nahezu allen relevanten Kategorien effizienter. Als Dreierschütze ist der ehemalige Golden State Warrior tödlich (in den letzten beiden Saisons 2.3 Dreier pro Spiel bei 41%) - und somit perfekt geeignet fürs Angriffssystem der Magischen. Hedo Turkoglu war vor zwei Jahren einer der Erfolgsgaranten für Orlando's Vorstoss ins NBA-Finale dank seiner Fähigkeiten als Spielmacher, im Pick'n'Roll und als Matchup-Alptraum für gegnerische Abwehrreihen. Der Türke wird nach 99 verkorksten Spielen in Toronto und Phoenix hoffen - er konnte nirgendwo die Magie seiner '08/09 Spielzeit entfachen - durch eine Rückkehr an seine alte Wirkungsstätte auch etwas von seinem alten Spielwitz wieder zu finden. Earl Clark ist ein junger 2,08m Forward, der auf der Bank Platz nehmen darf.

Für Otis Smith sind beide Deals eine Rückkehr zur Familiärität und dem Altbekannten in der Hoffnung, Boston und Miami irgendwie wieder einholen zu können. Turkoglu kennt man in Orlando nur zu gut. Und Richardson/Arenas spielten schon 2002/03 in Golden State unter dem damaligen Director of Basketball Operations Smith zusammen. Smith gilt ligaweit als einer der grössten Befürworter Arenas' ("Ich kenne ihn. Er ist ein sehr guter Mensch.") und hatte mehrmals, auch letztes Jahr, schon angedeutet, den Shooting Guard verpflichten zu wollen. Die Gelegenheit war jetzt da. Wenngleich ESPN (der Haus- und Hofsender der Miami Heat) und der ein oder andere Blog Euch vermitteln wollen, dass der Trade vorrangig durch Panik motiviert war und ein Griff ins Klo, sollte man den sportlichen Mehrwert für Orlando nicht ausser Acht lassen. Richardson ist ein dynamischer Wing-Scorer, Arenas scheint sich wieder seiner alten Form zu nähern. Und Turkoglu ist kein Risiko in Orlando. Personell gesehen hat sich Smith seine drei grössten Fehler (Lewis 2007 für 118 Mio $ verpflichten, Turkoglu 2009 ziehen lassen, statt dessen Carter verpflichten) hiermit offiziell eingestanden und entschieden gehandelt. Veränderung ist manchmal Gold wert. Fasst man alle Moves seit 2009 zusammen, hat Smith im Endeffekt aus Lewis, Gortat, Pietrus und Courtney Lee nun Richardson, Arenas, Turkoglu und Brandon Bass gemacht. Steal ! Die erlahmte Offensive des Teams von Stan van Gundy wird durch die zusätzliche Firepower und jetzt insgesamt drei Spielmacher (Nelson, Arenas, Turkoglu) wieder für Wirbel sorgen und sich langsam aber sicher nach oben arbeiten in den Statistiken. Bass erhält endlich reguläre Spielzeit. Defensiv wird Orlando natürlich einbüßen müssen - vielleicht zuviel. Auch das Fehlen eines echten Backup-Centers darf angeprangert werden. Wer aber glaubt, dass dies die ersten und letzten Trades von Smith in dieser Saison waren, ist schief gewickelt. Die Mannschaft ist jetzt schon stärker, als sie es mit dem alten Personal jemals geworden wäre. Man war in der Sackgasse, und diese Deals sprengen vorerst eine Riesenschneise in die Scheisse.

Die Sichtweise der Phoenix Suns schließlich auf den Deal ist Folgende: man wird zunächst das völlig misslungene und überteuerte Türken-Experiment wieder los. Mit Vince Carter kommt ein quasi auslaufender Vertrag (Teamoption für 2011/12) in die Wüste, dessen Skillset sich mit dem von Richardson in etwa deckt (mit dem Unterschied, dass 'Half Man, Half a Season' wie ein 65-jähriger spielt). Mickael Pietrus verstärkt als sicherer Dreierschütze und bester Verteidiger des Teams die plötzlich tiefe Suns-Rotation. Und dank Marcin Gortat - einem der begehrtesten Big Men der Liga, der sich auf Orlando's Bank unter Wert verkauft fühlte - hat Phoenix nun sein grösstes Problem auf der Center-Position gelöst, theoretisch zumindest. Dank Gortat und Robin Lopez werden die Sonnen nun nicht mehr Abend für Abend von den meisten Gegnern unter den Körben vergewaltigt. Das und die zusätzliche Tiefe sollte für einen langen Push um einen der letzten Playoff-Plätze im Westen ausreichen.


nbachef meint: Vorteil Orlando