10 Januar 2011



Inspirierend. Es wäre dies das Wort, mit dem man die Reise von Tyrone 'Muggsy' Bogues am treffendsten charakterisieren könnte. Mit Sicherheit aber gehört die Karriere des kürzesten Spielers in der NBA-Historie zu den aussergewöhnlichsten Geschichten, die die meisten von uns jemals auf die Ohren bekommen werden. Eine Story über harte Arbeit, den unerschütterlichen Glauben an die eigene Stärke und einer stoischen Beharrlichkeit allen Nein-Sagern zum Trotz, die irgendwann gar nicht mehr anders konnten, als sich auf seine Seite zu schlagen und ihm ehrfurchtsvoll zu applaudieren.

Klein Tyrone wuchs in den 1960ern/70ern in den Slums von Baltimore, Maryland auf - einer Gang- und drogeninfizierten amerikanischen Großstadt. Basketball war für Bogues (der im Alter von 5 Jahren angeschossen wurde, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort Ball spielte) von Anbeginn eine Oase inmitten der ganzen Gewalt und Negativität, die ihn umgab. Er dribbelte von Morgens bis Abends einen orangefarbenen Ball durch die Gegend und nahm ihn sogar mit ins Bett. Sein perfektes Ballhandling, das später neben der aggressiven Spielweise und dem breiten Grinsen zu einem seiner Markenzeichen wurde, perfektionierte er in frühester Kindheit. Auch sein Spitzname 'Muggsy' (jmnd. überfallen, ausrauben), den er aufgrund seiner Art auf dem Basketballcourt verpasst bekam, stammt aus jener Zeit. Schon bald machte er sich auf den Freiplätzen der Nachbarschaft einen Namen, wo er ältere und vor allem grössere Spieler routinemässig vorführte.

Von 1981 bis 1983 verwandelte er zusammen mit seinen guten Freunden Reggie Lewis, David Wingate und Reggie Williams (allesamt spätere NBA-Spieler) die lokale Dunbar High School zum wohl besten Schul-Basketballprogramm aller Zeiten. Das Team blieb in Bogues' 2 Jahren als Spielgestalter 60 Spiele in Folge ungeschlagen und gewann Back to Back Titel als beste Mannschaft im Staat. Unvergessen jener Moment, als Dunbar auswärts beim besten Team der Runde antreten musste. Die ganze Halle lachte Bogues während der Spielervorstellung lauthals aus. Zwei Stunden später dann standen die gleichen Fans Schlange, um sich Bogues Autogramm zu holen, nachdem der kleine General seine Farben zu einem einseitigen 84-59 Sieg geführt hatte. Bogues wechselte kurz darauf auf die Wake Forest Universität, wo er weiter hart an seinem Spiel arbeitete und sich als einer der besten Playmaker des Landes etablierte. 1987 selektierten ihn schließlich die Washington Bullets mit dem 12. Pick im jährlichen NBA-Draft.

Obwohl das Potential des Rookies immer wieder aufflackerte (5 Pts, 5 Ast), ließen ihn die Verwantwortlichen in der Hauptstadt grösstenteils auf der Bank schmoren. Man wurde das Gefühl nicht los, dass er für die Bullets ein reiner PR-Gimmick war, eine Zirkusattraktion. Schließlich hatte man neben dem grössten Akteur der Liga (2,31m Riese Manute Bol) nun auch noch den kleinsten (1,59m) in den eigenen Reihen. Dieser Eindruck bestätigte sich im Expansion Draft des Jahres 1988, als Washington seinen Point Guard nicht schützte und ihn ziehen liess. Die neu gegründeteten Charlotte Hornets sicherten sich Bogues' Dienste und trafen damit voll ins Schwarze.

Der kurze Wirbelwind etablierte sich in Charlotte auf Anhieb als Taktgeber und stieg schnell zum absoluten Publikumsliebling auf. Die Hornissen wurden von Jahr zu Jahr besser, und Bogues' Qualitäten hatten eine Menge damit zu tun: gesegnet mit einem enormen Willen und der Tatkraft eines ganzen Bienenschwarms führte der kleine Showman mit der Nummer 1 auf dem Platz unnachahmlich Regie. Von 1988 bis 1995 rangierte Bogues mit 9.1 Assists im Schnitt unter den allerbesten Passgebern der Liga. Noch beeindruckender war die Art und Weise, wie er auf den Ball aufpasste. Seine Turnover-Ratio lag im gleichen Zeitraum bei legendär niedrigen 1.8 pro Spiel (zum Vergleich: Rondo 4.1, Rose 3.6, Wall 3.6). Obwohl immer gut einen halben Meter kleiner als die Konkurrenz, lehrte Bogues auch in der Defensive seine Gegner das Fürchten (Karriere-Steals 1.5 pro Spiel). "Der Ball ist mehr auf dem Boden als in der Luft. Und das da unten ist Muggsyland. Da bin ich der Chef. Setz' zum Dribbeln an, und ich komme aus dem Nichts, um dir den Ball zu klauen", erklärte Bogues später. Mit seiner elektrisierenden Mischung aus Schnelligkeit, Kraft und Athletik (1,12m Sprungkraft) machte er seine körperlichen Defizite Abend für Abend mehr als wett.

Die Hornissen sorgten nach den Zugängen von Larry Johnson und Rookie-Center Alonzo Mourning ab '92/93 so richtig für Furore und zogen zum ersten Mal in die Eastern Conference Playoffs ein. Nachdem sich Charlotte unter den besten Teams des Ostens etabliert hatte, ging es ab 1996 aber wieder steil bergab. Mourning wechselte nach Miami, Bogues verletzte sich und wurde zu Beginn der 1997er Saison nach Golden State getradet. Zum Schluss seiner bemerkenswerten Karriere führte er die Toronto Raptors noch zu deren erster Playoff-Teilnahme der Geschichte (2000).

Nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn arbeitete Bogues zunächst als Immobilienmakler, bis er später dann aufs Basketball-Parkett zurück kehrte, wo sich der ex Point Guard seither als Coach und Funktionär einen Namen macht. Von 2005 bis 2007 betreute er das WNBA-Team Charlotte Sting. Danach wechselte er ins Front Office der Charlotte Bobcats, wo sein Name vor kurzem mit der Position des Bobcats-Assistenztrainers in Verbindung gebracht wurde.

Wo auch immer der Wind Bogues in seinen nächsten 46 Lebensjahren hintragen wird, eines ist sicher: die Qualitäten, mit denen der kleine Kämpfer sich einen Platz in den NBA-Geschichtsbüchern (Platz 17 bei den Karriere-Assists) und in unseren Herzen erobert hat, wird er gewiss beibehalten. "Andere Menschen werden einem immer klar machen wollen, dass man dies und jenes nicht erreichen kann. Bei mir war es das Gerede, dass ich keine Chancen auf die NBA hätte, weil man 2 Meter gross sein muss. Das wurde mir seit meiner Kindheit ständig eingetrichtert. Ich habe nur nie zugehört, sondern habe immer an mich geglaubt. Das war immer schon meine Einstellung, mein Wesen: zu wissen, dass ich dazu gehöre. Dass bei meinen Talenten und Fähigkeiten irgendwo da draussen ein Plätzchen für mich frei ist. Und das gilt für jeden einzelnen von uns."