19 Januar 2011



Wenn es in den letzten knapp 20 Jahren überhaupt so etwas wie "mein NBA-Team" gegeben hat, eine Mannschaft also, die ich (unabhängig von den aktuellen Geschehnissen, die mich immer weitaus mehr tangierten und prägten) mit besonderem Interesse verfolgt habe, dann waren das die Los Angeles Clippers. Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt als Fan durchgehen würde - verglichen mit 'Clipper Darrell' sicherlich nicht einmal ansatzweise - aber aus irgendwelchen mir unerkärlichen Gründen lagen mir die Clips seit jeher am Herzen. Eine gewisse emotionale Bindung musste ich mir und anderen also immer schmerzhaft eingestehen.

Ihr könnt Euch sicherlich vorstellen, wie erbaulich es ist, Jahr für Jahr dem miesesten Sportteam aller Zeiten bei einem 'Epic Fail' nach dem anderen zuzusehen. 8 mal weniger als 20 Siege seit 1982. Insgesamt nur 4 Winning Seasons, seitdem man 1978 von Buffalo (Braves) nach Kalifornien umgesiedelt war (zuerst San Diego, ab 1984 LA) und sich in 'Clippers' umbenannte. Nur 4 Playoff-Teilnahmen überhaupt, und nur eine einzige gewonnene Playoff-Serie. Das alles in den letzten 34 Jahren. Ganze 19 davon habe ich live und meist bei vollem Bewusstsein miterlebt. Schlechte Coaches, debile Personalpolitik und die miesesten Draft-Picks aller Zeiten inklusive. Michael Olowokandi (der schlechteste Nummer 1 Pick jemals)? Check. Yaroslav Korolev? Check. Lamond Murray, Terry Dehere, Maurice Taylor? Na klar, aber es wird schlimmer. Der Shaun Livingston Gruselfilm? Verdammt. Tom Chambers, Danny Manning, Lamar Odom, Elton Brand, Andre Miller ohne Gegenwert ziehen lassen? Unbedingt. Mike Dunleavy und Elgin Baylor als wohl imkompetentestes Head Coach/General Manager Tandem in der Geschichte? Depressionsstarre. Wann auch immer die Clippers ein halbwegs erfolgreiches Team auf den Platz stellten ('91-93, '04-06), eines war gewiss: der gute Lauf wird genauso schnell wieder vorbei sein, wie er gekommen war. So was passiert eben, wenn man routinemässig die besten Spieler ziehen lässt oder in stupiden Trades herschenkt. Niemand schaffte es besser als die Clippers, aus einem Euro 25 Cent zu machen.

Und ein Mann stand - und tut das leider immer noch - sinnbildlich für die Knauserigkeit und chronische Erfolglosigkeit der Schiffchen: Donald Sterling, der Besitzer. Ein verurteilter Rassist, dem knapp die Hälfte aller Immobilien in Zentral Los Angeles gehören (jeder, der jemals in LA Miete bezahlen musste, kann wohl nachvollziehen, wie reich Sterling in etwa sein dürfte). Aus denen ekelt er dann schon mal Minoritäten raus, einfach nur, weil er sich für besonders erhaben hält. Ein skrupelloser Geschäftsmann, der die Franchise 1981 für knapp 12 Mio $ als reines Investitionsobjekt aufkaufte. Der Wert des Vereins hat sich seither fast verdreissigfacht. Sterling aber weigert sich hartnäckig, zu investieren, um ein echtes Winner-Team aufzubauen. Den Club zu verkaufen kommt für ihn ebenfalls nicht in Frage. Er behandelt ihn genauso, wie er mit seinen Mitmenschen umspringt: selbstgefällig, lieblos, grosskotzig, plump. Der oft zitierte Clippers-Fluch, er hat weitaus weniger mit dem 'Heiligen Büffel' zu tun als mit Donald Sterling, dem greisen Muffel. Der 'Sterling-Fluch' eben.

Und darin liegt die Krux hier. Es ist dieses historische Wissen um den Mann hinter den Kulissen und die Art, wie er in der Vergangenheit mit allen guten bis sehr guten Spielern umgesprungen ist, die bei alteingesessenen Clippers-Kennern Vorsicht walten lässt. Ja, die Clippers sind momentan das heisseste Team der Liga. Das In-Thema schlechthin. Die ganze Welt spricht plötzlich über die jungen Wilden, deren Spielweise es zur Zeit unmöglich macht, sie nicht zu lieben (es sei denn, man steht eher auf das methodisch-ennuyante System der Spurs). Angeführt vom kommenden Rookie des Jahres
Blake Griffin, Scoringroboter Eric Gordon und einem revitalisierten Baron Davis zaubert das 'andere LA-Team' ein Highlight nach dem anderen aufs Parkett. Und gewinnt dabei. 10 der letzten 14 Partien, darunter Back-to-Back Heimsiege gegen Miami und die Lakers. Auch Chicago, Denver, Oklahoma City und San Antonio mussten schon daran glauben.

Noch vor Wochen sah alles nach einer weiteren peinlichen Spielzeit in der 'Clipper Nation' aus. Man steckte mittendrin im schlechtesten Saisonstart der Franchise-Geschichte, verlor 13 der ersten 14 Begegnungen. Baron Davis schleppte seine Liebesschwaden mehr schlecht als recht über den Platz und verletzte sich folgerichtig beim Versuch, seine Schuhe zu binden. Die vielen jungen Spieler versuchten es allesamt auf eigene Faust zu richten, während dem neuen Coach
Vinny del Negro an der Seitenlinie die Haare büschelweise ausfielen. Der Turnaround kam bei 5-21, irgendwo im Mannschaftsbus vor dem Palace of Auburn Hills, als die Spieler ein 'Players Only Meeting' arrangierten. Baron Davis und Blake Griffin ergriffen das Wort. "Ich sprach direkt vor dem Team sowohl Eric (Gordon) als auch Blake an und machte beiden klar, dass sie All-Stars werden müssen, weil sie nicht zu stoppen sind. Dann sprach ich den Rest des Teams an. Unsere Aufgabe ist es, alles dafür zu tun, dass die beiden dieses Ziel erreichen. Wir müssen ihnen das Leben so einfach wie möglich machen da draussen. Und mit mir fängt alles an", so ein selbstkritischer Davis zur Konversation im Bus. Dazu Griffin: "Wir hörten dieses ganze Geschwätz, dass wir das mieseste Team der Liga seien, blah blah. Ich aber appelierte an unseren Stolz. Wir sind besser als das. Ich kann das Gerede über die Vergangenheit nicht mehr hören. Es ist Zeit, die Kultur hier zu ändern", gab sich der Rookie Rebound-Roboter kämpferisch, während er seine Stimme als Mittel des Wachrüttelns erhob.

Das Meeting und die veränderte Einstellung trugen sofort Früchte. Los Angeles gewann, angefangen mit jenem Abend in Detroit, 5 seiner nächsten 6 Spiele. Nach zwei Niederlagen zwischendurch steht die Serie jetzt wieder bei 5 aus den letzten 6. Macht also 10 von 14. Die beiden Eckpfeiler des Erfolges sind Gordon und Griffin. Der eine zeigt sich nach seinem prominenten Engagement beim Gewinn der WM-Goldmedaille in der Türkei stark verbessert in allen Kategorien und hat sich als einer der besten Scorer der Liga etabliert. Seit jenem 17. Dezember kommt 'EJ' auf 25 Punkte und 5 Assists pro Spiel (2.8 Dreier) bei 51% aus dem Feld und 83% von der Linie. Gordon: "Meine primäre Aufgabe hier ist, den Ball in den Korb zu tun. Ich denke, das haut ganz gut hin". Ja, das tut es, Eric. Der andere Clippers Youngster gilt zurecht als nächstes grosses Ding in der NBA. Sicherer Rookie des Jahres, eventuell All-Star bereits in seiner ersten Saison, und wohl bald schon ein legitimer MVP-Kandidat. Abgesehen von den nächtlichen Highlight-Shows, dem Top10-Abonnement auf Lebenszeit sowie den irren Statistiken (22.5 Pts, 12.8 Reb, 33 Double-Doubles in 40 Partien, 27 in Folge), die ihn ad hoc auf die gleiche Stufe mit aktuellen oder zukünftigen Hall of Famern katapultierten (Karl Malone und Shaquille O'Neal sind die einzigen Akteure seit 1986, die eine längere 20/10 Serie als Griffin's 14 in Folge zustande brachten), sind es vor allem Griffin's Einstellung, seine unbedingte Hingabe und die Arbeitsmoral, die ihn eines Tages zu den Legenden des Sports machen werden. Seine Spielfreude und 'All Out' Intensität sind dermassen infektiös, dass sie sogar Baron Davis geheilt bekamen. Der dümpelte mehrere Jahre irgendwo zwischen Mittelmaß, Physiotherapie und Depressionspillen herum, scheint aber nach seinem Aussetzer zum Saisonauftakt wieder auf dem Weg zu altbekannter Stärke zu sein. "Von Baron hängt bei uns alles ab, er ist der Grund für unser Turnaround", erklärt Coach Vinny del Negro das Erfolgsgeheimnis seines Teams. Tatsächlich kontrolliert der vollbärtige Guard das Spieltempo wie zu seinen besten Zeiten und kann sich ganz aufs Spielmachen konzentrieren (knapp 9 Assists seit Dezember), was der gesamten Mannschaft zugute kommt - Blake Griffin sei's gedankt. Nicht zuletzt auch deshalb haben die Rookies/Sophomores im Team ihre Produktivität in den letzten Wochen enorm gesteigert. Spieler wie
DeAndre Jordan, Al-Farouq Aminu oder Eric Bledsoe sind im Clippers-Puzzle der Zukunft ganz plötzlich mehr als simple Randstücke. Die Mannschaft wächst zusammen baut sich langsam eine eigene Identität auf. Rebounding (Platz 4), Pass-Spiel (Platz 9) und das schnelle Uptempo-Game gehören ganz klar dazu.

Es ist freilich nicht alles gut im Clipper-Land. Nicht bei einer 15-25 Bilanz. Obwohl ich vor der Saison eine Playoff-Teilnahme für realistisch hielt, ist der Postseason-Zug schon zu weit voraus, als dass ihn die Clippers noch einholen und bespringen könnten - trotz Zwischenspurt. Der Rückstand (6 Siege auf Platz 8) in Kombination mit dem schweren Restspielplan (26 Auswärtspartien) und dem ganz miesen Start sind des Guten dann doch zuviel. Das ist aber auch besser so. Los Angeles hat noch viel Arbeit zu bewältigen auf dem Weg unter die 15 besten Teams der Liga.


Wenn man das Trainingscenter der Clippers betritt, prangen drei Schlagworte in grossen Lettern an der entgegengesetzten Wand: ENERGY. FOCUS. NO EXCUSES. Genau dieser Fokus, die Konzentration, ist es, was der jungen Truppe noch fehlt. Es ist einfach, gegen die Lakers und Miamis dieser Welt motiviert zu sein, wenn die Bude voll ist und das nationale Fernsehen vertreten. Was gute von mittelmässigen Teams unterscheidet ist aber die Fähigkeit, auch gegen die Kellerkinder der Liga regelmässig starke Leistungen abzuliefern. Los Angeles hat in dieser Saison bereits Niederlagen gegen Philadelphia, New Jersey, Detroit und Minnesota kassiert und dabei die grösste Krankheit junger Mannschaften - Unkonstanz - offenbart. Auf der Small Forward Position sind die Clips extrem anfällig. Der durchschnittliche PER-Wert auf SF liegt im Vergleich zum Gegner bei -8.2 und verdeutlicht die beschränkten Skills von Ryan Gomes und Aminu. Idealerweise schafft es der solide General Manager Neil Olshey, via Chris Kaman's Vertrag eine echte Verstärkung an Land zu ziehen. Auch die Ersatzbank (Platz 26) könnte ein Upgrade dringend vertragen, selbst unter der Prämisse, dass Kaman nach seiner Rückkehr in die zweite Garde rückt und nicht irgendwann getradet wird. Insgesamt muss LA seine Defensive weiter verbessern - obwohl die unter del Negro schon stark zugelegt hat - und lernen, in der zweiten Halbzeit seine Führungen besser zu verwalten. Alles Schritte auf dem Weg zum Playoff-Team, das die Clippers dann wohl 2012 werden dürften.

Der ganze Hype, der Buzz und die Aufregung werden bald verschwinden, das Team wird nicht weiterhin 70% seiner Spiele gewinnen. Bis die Young Guns wieder auf dem Boden der Tatsachen landen, sollte man die Show aber unbedingt geniessen. Jeden Abend, jedes Viertel, jedes Highlight. Denn Griffin, Gordon, Baron und Jordan hin oder her, im Clipper-Land kann jeder schöne Moment urplötzlich wieder vorbei sein. Das haben die letzten knapp vier Jahrzehnte unmissverständlich klar gemacht. Man sollte sich nicht zu sehr blenden lassen. Der 'Fluch des Büffels' und Donald Sterling überleben nämlich alles und jeden. Sagt hinterher also nicht, ich hätte Euch nicht gewarnt...