03 Februar 2011


Weiter geht's mit dem All-Star Cast im Osten, wo die spielerische Qualität erschreckend niedrig ist im Vergleich zur anderen Conference. Nicht nur das, auch die tabellarische Situation sowie die Roster-Zusammensetzung bei den Playoff-Contendern macht eine All-Star Auswahl so schwer wie schon seit Jahren nicht mehr. Weder in Indiana, noch in Philly oder Milwaukee lassen sich Spieler finden, die individuell heraus stechen und eine Nominierung folgerichtig unbedingt verdient hätten. Bleibt also nichts anderes übrig, als die Top-Teams (Boston, Miami, Chicago und mit Abstrichen Atlanta, Orlando und New York) nach weiteren Teilnehmern zu durchkämmen. Gefunden habe ich folgende:

Bei den Point Guards sticht zunächst der beste Passgeber der Liga ins Auge. Rajon Rondo hat sich als Top Spielmacher etabliert und verdient nach 2010 seine zweite All-Star Teilnahme. Natürlich liesse sich das Argument bemühen mit den 'Big Three', die ihn flankieren und ihm das Leben reichlich einfach machen. Und natürlich gibt auch sein Wurf (52% Freiwurfquote) immer noch Anlass zur Sorge. Aber die Art und Weise, wie RR mittlerweile Spiele zu dominieren vermag, und die Celtics-Offensive wie ein NFL-Quarterback zu einem Sieg nach dem anderen manövriert, sowie auch seine irre guten Statistiken (10.6 Pts, 12.5 Ast, 4.5 Rebs, 2.5 Steals) lassen keine andere Schlussfolgerung zu: Rondo ist definitiv ein All-Star.

Auch der neue Knicks-PG Raymond Felton spielt in diesem Jahr auf ganz hohem Niveau. Er hat sich im Mike D'Antoni'schen Spielsystem gemausert und ist neben Amare Stoudemire einer der Hauptgründe für die alles in allem erfolreiche Knicks-Saison (Platz 6 im Osten). Nicht zuletzt deshalb wird Felton, der sich in allen relevanten Kategorien verbessert hat, als legitimer 'Most Improved Player Kandidat' gehandelt. 17 Punkte, 9 Assists und knapp 2 Steals pro Spiel sind aber zusätzlich auch klares All-Star Niveau, vor allem in der PG-schwachen Eastern Conference.

Ähnlich wie Steve Nash im Westen spielt auch Paul Pierce entgegen aller Erwartungen mit zunehmendem Alter immer effektiver - zumindest scheint es so. 'The Truth' liest das Spiel besser denn je und bleibt dank seiner Vielseitigkeit die Go-to Option im Celtics-Spiel. Er führt die Kobolde bei den Punkten an (19.1), ist zweitbester Passgeber und viertbester Rebounder. Seine Wurfquoten (51/42/85) sind die besten seiner Karriere, und Boston führt die Eastern Conference recht komfortabel nach Siegen an. Viel mehr Argumente braucht man wohl nicht mehr bemühen.

Ray Allen stand insgesamt schon 9 mal im All-Star Team, seit 2000 fast durchgehend (2003 verletzt). Die Wurfmaschine wird irgendwann Ende dieser/Anfang nächster Woche Reggie Miller als erfolgreichsten Dreier-Schützen in der Geschichte des Sports ablösen (es fehlen noch 9 Treffer). Und obwohl 'Jesus Shuttlesworth' in diesem Jahr 36 Jahre alt wird, spielt er seine effektivste Profikarriere überhaupt: 51 Prozent aus dem Feld, unfassbare 46 Prozent von hinter der Dreierlinie (bei 5 Versuchen pro Abend). Zweitbester Celtics-Scorer hinter Pierce (17.3 PPG), in den letzten 3 Jahren gerade mal 3 Spiele verpasst, und Boston rollt. Kein anderer Shooting Guard im Osten (Stephen Jackson, Joe Johnson, etc.) kann mit seiner Effizienz mithalten. Klare Sache, oder ?

Bei den Bigs wird's knifflig. Garnett, Bosh, Horford, Smith, Boozer und Bogut sind sicherlich allesamt zurecht in der Diskussion vertreten. Mischt man aber die jeweiligen Statistiken mit der individuellen Relevanz für den Teamerfolg, entsteht ein diversifizierteres Bild. Kevin Garnett (15 Pts, 9 Reb) ist zahlenmässig sicherlich der schwächste der angesprochenen fünf. Allerdings verankert KG die beste Defensive der Liga (nur 91.5 Gegenpunkte pro Spiel), ohne offensiv zu Ben Wallace verkommen zu sein. Und allein diese Mischung macht den Unterschied. Mein Punkt: nimmt man Garnett aus der Celtics-Lineup heraus, leidet der Teamerfolg (nur 60% Siegquote gegenüber 82% mit ihm). Er bleibt das Rückgrat im Spiel der Grünen. Und das macht letztendlich einen All-Star aus, zumindest in meinem Kochbuch.

Das ist dann letztendlich auch der Grund, warum die beiden Hawks Al Horford und Josh Smith das Ost-Team komplettieren sollten. Horford hat sich in ATL zur Top-Option im Frontcourt entwickelt. Selten spektakulär, aber immer verlässlich, bringt es der Dominikaner auf 16 Punkte, 10 Rebounds und 3.6 Assists im Schnitt. Seine Quoten sind hervorragend (81% von der Linie und 57% aus dem Feld), und insgesamt zeigt sich der 2,08 Forward/Center gegenüber der letzten Saison verbessert (mehr Punkte, Assists und Steals). Da stand er zum ersten Mal im All-Star Team. Ich wüsste nicht, warum das in diesem Jahr nicht ebenso klappen sollte.

Zuguterletzt muss ich noch für einen der am meisten unterschätzten und übersehenen Spieler der Liga eine Lanze brechen: Josh Smith. Seit Jahren schon ist Smith der defensive Faktor im Spiel der Atlanta Hawks (immerhin 9.-bestes Defensivteam der Liga, ohne echten Center), die sich in dieser Saison - entgegen aller Erwartungen - wieder einmal im direkten Verfolgerfeld der Ost-Elite befinden. Das liegt vor allem an Horford und eben Smith. Der ehemalige Slam-Dunk Champ hat hart an sich gearbeitet in den letzten Jahren und sich eine All-Star Nominierung in seiner jetzt 6. Spielzeit redlich verdient. Mit seiner bisher komplettesten Proifsaison (16.2 Pts, 8.8 Rebs, 3.4 Ast) und elitären Defensivwerten (1.3 Stl, 1.8 Blk) deklassiert er Chris Bosh in allen relevanten Kategorien. Dass letzterer, meist komplett freistehend, auf 2 Zähler mehr pro Abend kommt, ist absolut belanglos.

Nachtrag: ich bin mir natürlich im Klaren, dass eine Einschränkung auf nur 7 Akteure pro Conference ihre Tücken mit sich bringt. Zusätzlich kommt die schwammige Umschreibung dessen hinzu, was die NBA als All-Star Niveau erachtet. So brillieren einige Spieler (Kevin Love, Monta Ellis) bei schwachen Teams, die in der Siegesspalte aber noch weniger zu bieten haben als Tom Thibodeau Haare auf dem Kopf. Gleichzeitig mutet es immer etwas seltsam an, wenn gleich mehrere Spieler einer Mannschaft (siehe Boston) nominiert werden, während man andere Franchises komplett ignoriert. Auch dort spielen exzellente Spieler, für die man sicherlich Argumente finden könnte (Rudy Gay, Zach Randolph, etc.) Aber so zerbröselt der Keks nunmal: Baskeball ist immer noch ein Teamsport. 25/15 pro Abend sind ja schön und gut, aber wenn kein Erfolg bei 'rum springt, bleibt das alles eben brotlose Kunst.