16 Dezember 2011




Die Emotionen schwappten heute etwas über. Ein NBA-Fan nach dem anderen wachte zum 'LACP3 News' Schocker auf und verstand die Welt nicht mehr. Chris Paul macht aus den Klippern also über Nacht das aufregendste Team der Liga. Auch die beiden hier freuen sich ganz offensichtlich über den Neuzugang und 'Lob City' in den nächsten Jahren. Die Erwartungen aber scheinen bereits jetzt durch die Hallendecke zu schiessen wie Blake beim fast-break-facial. Der Bandwagon-Fan (meine Lieblingssorte) muss sich jetzt zwischen Miami und dem anderen LA-Team entscheiden. Schwere Wahl. Der zerebrale Beobachter versucht eher, die Ereignisse richtig einzuordnen. Wieso gerade Clippers? Und was heisst das jetzt für die Zukunft der NBA? Wer-Was-Wie-Wann-Warum? Fünf Antworten zu den häufigsten Fragen des Tages.

Wie lange werden die Clippers brauchen, um sich einzuspielen? Werden sie schon dieses Jahr um die Meisterschaft mitspielen? Was kann man auf lange Sicht von ihnen erwarten?

Immer mit der Ruhe. Einatmen. Ausatmen. Eine Schwalbe macht noch lange keinen Sommer. Ja, man hat mit Paul und den weiteren Neuzugängen Billups und Butler einen Riesensatz nach vorne gemacht. In der qualitativ weiter stark abbauenden Western Conference (allein Stoudemire, Anthony, Chandler, Boozer, D. Williams, D. West, J. Richardson, um nur einige zu nennen, wechselten seit Sommer 2010 in den Osten) sieht das Team auf dem Papier wie ein Top-5 Seed aus. Allerdings muss man 3 neue Starter integrieren, hat kaum Camp-Zeit zur Verfügung, und während der verkürzten Saison viel weniger Möglichkeiten, zusammen zu wachsen. Der gesamte Frontcourt hat noch keine einzige Playoff-Minute absolviert. Die Bank wirft mehr Fragezeichen auf als die letzte Mathe-Klausur und der oft planlose Coach Vinny del Negro wird sicherlich nicht die passenden Antworten finden. Die Playoffs gehen klar. Mit ganz viel Würfelglück (Erstrundenmatchup mit San Antonio zum Beispiel) ist sogar das Conference Halbfinale drin. Da ist dann aber Schluss. Es müsste mittlerweile schon jeder mitbekommen haben, dass man in der Postseason erst ein paar schmerzhafte Niederlagen einstecken muss, bevor der Pfad zum Titel frei wird. So funktioniert der NBA-Weg nun mal. Die Paul-Griffin/Jordan Highlight-Maschinerie wird auf Hochtouren laufen, keine Frage. Aber wenn Flash gleich Titel bedeutete, dann hätten die Spurs nicht schon vier Championship-Trophäen im Schrank stehen. Und Lebron immer noch Null. Langfristig haben die Clippers mit zwei der besten zehn Spieler der Liga, einem defensivstarken Center und einem vielseitigen Small Forward aber schon viele Puzzleteile eines zukünftiges Championship-Bildes beisammen. Man muss nur Geduld haben.

Mit Paul, Billups, Mo Williams, Bledsoe und Foye ist man auf den Guard-Positionen überrepräsentiert. Was passiert mit der Blockade auf der Eins? Kann man Billups eventuell traden, jetzt da man Paul hat? Wer muss gehen?

Viele vergessen dabei sogar noch Willie Warren, ein weiterer talentierter Kombo-Guard, den die Clippers letztes Jahr im Draft abgriffen und der seinen Weg noch gehen wird. Don't sleep. Insgesamt 6 Guards also - ist klar, dass da etwas passieren muss. Billups wird zunächst auf die Zwei ausweichen, wo er dank seiner Treffsicherheit und seiner körperlichen Kompaktheit (knapp 100kg) auch gegen Shooting Guards überleben kann. Die Tatsache, dass Billups bis zum Ablauf der neuen Saison nicht getradet werden darf, macht ihn de facto unantastbar. Ihn aus dem Vertrag heraus zu kaufen, wäre schlichtweg dämlich. GM Neil Olshey ist nicht dämlich. Billups zeigte sich schon gestern vor der Presse in bester Laune und wird sich gewohnt professionell in seine neue Rolle fügen (kleine Randnotiz, Paul über Chauncey: "...eine Art grosser Bruder für mich, seit meinem Rookie-Jahr einer meiner Jungs").
Bledsoe ist zu talentiert, als dass man ihn ziehen lassen müsste. Olshey ist just in diesem Moment also sicherlich dabei, den Markt für Randy Foye (auslaufender 4.3 Mio $ Deal) und Mo Williams (2 Jahre/17 Mio $) zu sondieren. Mindestens einer wird in den nächsten Wochen/Monaten gehen müssen, weil man auf den grossen Positionen viel zu dünn besetzt ist (es sei denn, man sieht in einem dieser unsterblichen Camp-Teilnehmer einen Rotationsspieler. Nicht wirklich). Füllmaterial Brian Cook und Rookie Trey Thompkins sind neben Griffin und DJ die einzigen Akteure im Kader über 2,05m. Keine sehr vertrauenserweckende Big Man Rotation für eine ganze Saison.

Warum holt man nicht einfach Arron Afflalo oder Jamal Crawford für die SG-Position? Man hat doch noch genug Geld zur Verfügung, um auf dem Free Agent Markt zuzuschlagen.

Falsch. Die Clippers liegen nach dem Paul-Trade bei knapp 62 Millionen an Spielergehältern, also über der Salary-Cap Grenze. Zwar immer noch komfortabel entfernt von der Luxussteuer, aber eben nicht mehr wirklich handlungsfähig. Die grossen Moves für 2011 sind gemacht. Crawford hat mittlerweile in Portland unterschrieben und ist damit ohnehin vom Markt. Und für einen heiss begehrten Mann wie Afflalo wird die MLE nicht ausreichen. Afflalo ist 'restricted free agent', Denver kann also mehr Geld und eine längere Vertragslaufzeit bieten als jedes andere Team. Der 26-jährige wird schon bald einen lukrativen neuen Deal unterzeichnen - bei den Nuggets. Danach wird es auf dem FA-Bazar schlagartig flach. Michael Redd, der ehemalige All-Star Shooter mit Knien aus Pappmaché, wird mit den Knicks, Lakers und Celtics in Verbindung gebracht. JR Smith muss in China nachsitzen. Und DeShawn Stevenson? Um den werden sich die echten Contender reissen. Ein paar mittelprächtige Forward/Center sind noch zu haben, und Olshey steht bereits mit einigen von ihnen in Kontakt. Sucht Euch eure Favoriten selbst aus.

Hat man mit Gordon, Kaman, Aminu und dem Erstrundenpick nicht zuviel abgegeben aus Clippers-Sicht? Warum hat man nicht Gordon oder den Pick behalten? Was, wenn das Paul-Griffin Experiment nicht hinhaut?

Natürlich sieht das Paket, dass Los Angeles an die NBA/New Orleans Hornets abdrücken musste, auf den ersten Blick mächtig aus. Eric Gordon ist ein junger All-Star Spieler, der sein Potential gerade erst angezapft hat. Chris Kaman ist ein solider Double-Double Center. Aminu ist der Joker in dem Deal. Und aus dem Draft-Pick könnte ein echter 'Baller' werden. Aber jeder einzelne dieser Spieler wird im Idealfall ein Star, kaum mehr. Chris Paul ist jetzt schon ein Megastar. Einer der besten Spielmacher aller Zeiten und, wie mein Kollege Malte Arndt hier völlig richtig feststellt, ein todsicherer Hall of Famer in seinem besten Alter. Einer der (je nach persönlicher Präferenz) drei besten Spieler der Liga. Wer einen solchen Impact-Spieler an Land ziehen will, muss ein bisschen bluten. Sagt Olshey: "Wie wollten die Gespräche (mit den Hornets) einfach nicht zum Erliegen kommen lassen. Die Chance, einen solchen Spieler zu bekommen, muss man nutzen." Die Clippers hätten Gordon - ein sehr beliebter Spieler bei Rot-Weiss - sicherlich liebend gerne behalten, genauso wie den Pick der Wolves. Aber das kalkulierte Risiko, den besten Spielmacher seiner Generation - einen offensichtlichen Winnertypen - zu verpflichten, musste Olshey eingehen. Fest steht: an den enormen Druck muss sich ein Verein, der in den letzten 32 Jahren erst drei .500er Saisons zustande brachte, jetzt schnell gewöhnen. Die ganze Welt blickt nun auf den 'hässlichen Cousin' der LA Lakers, die einstige Witzfigur der Liga, und erwartet Ergebnisse. Wenn die Clippers nicht gewinnen, viel gewinnen und bis tief in den Mai hinein spielen, sind Paul und Griffin im Sommer 2013 weg. Und alles bleibt beim Alten im Clipperland. Bis dahin aber ist noch ein wenig Zeit, den so hartnäckigen 'Fluch des Büffels' ein für alle mal zu exorzieren. Mit zwei der besten Spieler der Liga in der Lineup, mehr als machbar.

Wer spielt eine bessere Saison (incl. Playoffs): Lakers oder Clippers?

Die Clippers werden mit Sicherheit den spektakuläreren Ball spielen, zeitweise vielleicht sogar den besseren, fundamental betrachtet. Bei den Lila-Gelben prangen viele Fragezeichen (neues System, neuer Coach, Tiefe des Kaders). Am Ende des Tages sind sie aber erfahrener, individuell besser, und in der Rangordnung immer noch klar vor dem Stadtrivalen. Lakers also.