20 Dezember 2011


Baron Davis ist seit heute ein New York Knickerbocker. Der 32-jährige, der von seinem letzten Team, den Cleveland Cavaliers, mittels Amnestie-Klausel entlassen wurde (der Cavs-Salarycap wird in der kommenden Saison um knapp 15 Millionen Dollar entlastet), verstärkt in Zukunft den dünnen und unerfahrenen Knicks-Backcourt. Viel wurde in den letzten Tagen über die vermeintliche Guard-Schwäche beim Metropolenteam diskutiert. Wird ausgerechnet der chronisch verletzungsanfällige und oft motivationsfaule Davis die Traditionsmannschaft auf die nächste, die Championship-Stufe hieven können?

Zunächst wird Davis seine Rückenschmerzen auskurieren müssen, bevor er in seine vorgesehene Rolle als Starting Point Guard schlüpfen kann. Ob er sein Leiden in drei bis vier Wochen (optimistische Prognose) oder, wie noch vor kurzem von seinem Agenten behauptet, erst Ende Februar überwunden haben wird, ist momentan noch reine Spekulationssache. Ungeachtet dessen ist seine Verpflichtung aber ein weiser Move des Knicks-Managements, das damit eine der letzten verbliebenen Schwächen (Backcourt-Tiefe) im Team ausgemerzt hat. Wenn die 'Bockers schon nach dem Chandler-Signing als Mitfavorit im Osten galten - und Coach Mike D'Antoni hatte daran keinen Zweifel - dann sind sie es ab heute erst recht.

Im Idealfall findet Davis einen Teil seiner Einstellung wieder, seine Liebe zum Spiel, so wie 2007 in jenem historischen Erstrundenupset der Golden State Warriors gegen die hoch favorisierten Dallas Mavericks. Wenn er mental bei der Sache ist und sich körperlich fit hält, zählt der 1,91m Mann immer noch zu den explosivsten Guards der Liga. Karrierewerte von 16.5 Punkten, 7.3 Assists und 1.9 Steals bestätigen seine spielerische Klasse. Wer die 'Big Game Baron' These kennt, weiss auch, dass Davis' Motivation exponentiell zur Grösse der Bühne, auf der er auftritt, zunimmt. Der Madison Square Garden ist diesbezüglich das absolute Basketball-Nonplusultra, und tatsächlich gibt sich 'Boom Dizzle' hoch interessiert: "Ich habe mir die Knicks ausgesucht. Ich werde alles mögliche tun, damit wir gewinnen. Das System ist sehr uneigennützig, alle werden vorne gut spielen. Ich werde in der Offense etwas aushelfen und in der Defensive beharrlich spielen. Ihr werdet mich sehr emotional erleben, mit viel Einsatzwillen und harter Arbeit." Klingt so gar nicht nach Baron Davis, aber der Bart, der James Harden seinen Style gab, brennt förmlich auf seinen Einsatz nach einer verkorksten letzten Saison. Wie gesagt: ein halbwegs brauchbarer Davis fügt dem Knicks-Spiel als dritte Scoring-Option, Pacemaker und erfahrener Lenker so viele Dimensionen hinzu, die sie vorher nicht hatten. Toney Douglas und Mike Bibby in Ehren, aber 'Dizzle' hat mehr game.

Sicherlich: wenn Davis abschweift, sich lieber um seine Filmprojekte kümmert und an kardiovaskulären Übungen weniger Interesse zeigt als der legendäre Eddy Curry, dann sieht das auf dem Patz meist ganz übel aus. Sein Rückenleiden hat über die Jahre chronische Züge angenommen, und man darf bezweifeln, dass er die kommende Sprint-Saison unversehrt überstehen wird. Aber sein Signing hat absolut keinen Nachteil für NY. Im schlimmsten Fall haben die Knicks ihr Veteranen-Minimum (die 2,5 Mio. $ Mini-MLE hat das Team noch zur Verfügung) für einen mehrfachen All-Star verpulvert und ihn dabei noch anderen hochkarätigen Interessenten (Miami, LA Lakers) vor der Nase weggeschnappt. Im besten Fall ist Davis schon im Januar bereit und das letzte Puzzlestück für eine neu erstarke Knicks-Mannschaft, die endlich mal wieder auf dem Platz für Furore sorgen wird.