14 Dezember 2011




Die Los Angeles Clippers machten am Montag inmitten von Tradeverhandlungen mit den New Orleans/NBA Hornets einen überraschenden Rückzieher. Ein weiterer Chris Paul Trade platzte wie Eier, die zu lange gekocht werden. Die Meinungen über die Strategie der Teams gingen weit auseinander. Hat das LAC-Management richtig gehandelt? Oder einen Riesenfehler begangen, CP3 nicht für den geforderten Gegenwert nach Tinseltown zu holen? Zwei Sichtweisen in der bekannten Rubrik 'Double-Doubles'. Teil 1 heute von meinem geschätzten Kollegen Malte Arndt (NBA-Blog). Teil 2: ich.


1. Die Clippers machen einen grossen Fehler


LeBron James. Dwyane Wade. Dwight Howard. Chris Paul. Wenn man über die besten Spieler der Liga spricht, fallen ihre Namen zuerst und das auch völlig zurecht. Dabei bekleiden Howard und Paul die beiden kritischsten Positionen eines Basketballteams, von denen aus am meisten Einfluss auf Wohl und Wehe des Teams ausgeübt werden kann. Dass Paul der ohne Wenn und Aber beste Aufbau ist, den die Liga in einer Zeit sieht, in der diese Position so hochkarätig wie selten zuvor besetzt ist (der letzte derartige Clash of the Titans unter Point Guards? Die 80er mit Tiny Archibald, John Stockton, Isiah Thomas und natürlich Magic Johnson) – was sagt uns das? Richtig, wir reden hier über einen todsicheren Hall of Famer. Vermutlich über den besten Aufbau, seit Isiah Thomas die Liga verlassen hat. Wie gut genau er ist, können wir nur an großartigen Playoff-Leistungen erahnen, die ein grausiges Hornets-Team sogar bis an den Rand der Western Conference Finals brachten (in einer Saison, als der Westen so hochkarätig wie selten besetzt war). So there.

Cleveland Cavaliers. Minnesota Timberwolves. Toronto Raptors. Los Angeles Clippers. Wenn man über die miesesten Teams der Liga-Historie redet, fallen ihre Namen zuerst und das völlig zurecht. Das Teamlogo der Clippers steht im Duden neben den Wörtern Versager, Verlier, Lachnummer (der Liga). Selten bis nie hat sich die Franchise erfolgreich gezeigt, nachdem man nach Los Angeles zog. Der Beinahe-Einzug in die Western Conference Finals 2006 mutet wie ein Betriebsunfall an, sonst verbindet man mit den Clippers eher das grausige Coaching Mike Dunleavys, den Olowakandi-Pick und natürlich die Peinlichkeiten, die Besitzer Donald Sperling über seine Franchise hereinbrechen lässt. Diese Franchise ist Hohn und Spott der Liga, Spieler unterschreiben freiwillig woanders für weniger Geld, die Lage war meistens aussichtslos. So there.

Was wir in diesen Tagen erleben, ist ein Wunder, quasi eine Revolution in der Geschichte der NBA: Die Clippers könnten einen gewaltigen Schritt Richtung Spitze der Western Conference machen. Sie könnten einen der besten Aufbauspieler in seiner Prime (!!!) holen, die das Spiel gesehen hat. Und der Preis ist klar benannt: Eric Gordon, Chris Kaman, Al-Faruq Aminu, Eric Bledsoe, Minnesotas Erstrundenpick 2012, vielleicht den Erstrundenpick der Clippers 2013. Mit anderen Worten: Ein absoluter No-Brainer. Wieso? Der Deal ließe sich schnell auf folgenden Streitpunkt runterbrechen: Sind der Minnesota-Pick und Eric Gordon zu viel für Paul? Alle anderen sollten problemlos entbehrlich sein. Und natürlich wäre auch der Rest nicht zu viel verlangt. Wieso? Ganz einfach.

Eric Gordon scheint zwar plötzlich für die halbe Welt die Reinkarnation von Michael Jordan zu sein, aber bislang ist er nicht einmal All Star. Er ist ein talentierter Guard, keine Frage, aber niemand weiß, wie er sich entwickeln wird: Ist er reiner Scorer? Kann er seine Mitspieler besser machen? Haut er sich auch in der Verteidigung rein? Ist er ein echter Leader? Keiner weiß es, wir können es nur abschätzen. Die ultimativen Fragen lauten aber: Wird Gordon eines Tages MVP-Kandidat? Kann man mit ihm als Franchise-Spieler eine Meisterschaft holen? Ich denke nein, zumindest ist es aber sehr unsicher. Bei Paul kann man beide Fragen bejahen, ohne mit der Wimper zu zucken. Auch die Hoffnung, dass Minnesotas Draftpick den Superstar bringt, sollte gering sein: Spieler wie Paul findet man alle zehn, zwanzig Jahre im Draft – und ganz gewiss nicht in 2012, zumindest nicht auf Aufbau. Man gibt also Unsicherheiten ab, Hoffnungen auf einen langsamen, nachhaltigen Rebuild, dessen Gelingen in den Sternen steht, und nimmt die Abkürzung, um zwei MVP-Kandidaten in einem Team zu vereinen. Was habe ich verpasst?

Aber die Clippers wären natürlich nicht die Clippers, wenn sie den Deal an freaking Eric Bledsoe scheitern lassen würden. Jener Bledsoe, der bei einem Trade Pauls im Point Guard Depth Chart Nummer Vier hinter Paul, Mo Williams und Chauncey Billups wäre. Jener Bledsoe, der zwei Monate verletzt sein wird. Jener Bledsoe, dem eine Karriere als Rollenspieler bevorsteht. Und das soll verhindern, Paul zu holen? Wie blöd kann man sein? Noch unverständlicher wird das alles für mich, wenn Paul versichert hat, dass er seine Spieleroption aufhebt und definitiv(!) bis mindestens 2013 bleiben würde. Man hat zwei Jahre, um ein Team um Paul und Griffin zu formen. Man hat mit Butler, Billups, Williams, Jordan, Foye und Gomes Spieler, die auch in jeder anderen Rotation der Liga stehen würden. Man hat einen Westen, der so offen ist wie seit Weiland Stockalones Zeiten nicht mehr – die Lakers verschenken ihr Tafelsilber an direkte Konkurrenten, die Thunder sind alles andere als haushoher Topfavorit, Dallas ist alt und hat große Teile des Meisterschaftsteams verloren, die Grizzlies müssen sich noch beweisen, San Antonio muss sich neu erfinden. Mit anderen Worten: Man wäre bestimmt nicht der Topfavorit in diesem Jahr, hätte aber definitiv eine Chance auf einen tiefen Playoff-Run (nur OKC und die Lakers sehe ich vor den Clippers mit Paul). Man hat einen Sommer lang Zeit, das Team sinnvoll zu ergänzen, Griffin langfristig zu binden und 2012/13 tatsächlich um die NBA-Meisterschaft mitzuspielen. Die Clippers!!!! Das darf es eigentlich nicht geben. Da ist mir auch jegliches Risiko mit Pauls Knien egal – man katapultiert sich sofort dorthin, wo der Rebuild im besten Falle hinführt.

Abschließend noch eine Sache: die Clippers galten schon einmal als das aufstrebende Team der Liga – Anfang der Nuller Jahre. Mit Brand, Quentin Richardson, Lamar Odom, Shaun Livingston, Darius Miles. Man hatte die Chance, Kobe Bryant zu kriegen, was scheiterte. Der Rest ist Geschichte. Was damals aber nicht der Fehler der Clippers war (Bryant bootete O’Neal aus und blieb ein Laker), ist es heute auf jeden Fall. Paul liegt auf dem Silbertablett vor ihnen, sie müssen nur zugreifen. Der Preis ist nicht zu hoch, nicht für einen Spieler der Güteklasse Paul. Und die historische Chance, die den Clippers dargeboten wird, scheitert an deren Unwillen, Eric Bledsoe abzugeben. The NBA: Where the Clippers happens.


2. Manager Neil Olshey hat alles richtig gemacht


Die Los Angeles Clippers haben zur Abwechslung mal vollkommen richtig gehandelt, als sie am Montag inmitten der Tradeverhandlungen mit den NBA/David Stern Hornets den Telefonhörer auflegten. Es war aus allen Richtungen betrachtet ein für die Clippers erstaunlich durchdachter und weitsichtiger Move, der das neue Selbstbewusstsein beim anderen LA Team unterstreicht.

Macht keinen Fehler: der neue Manager Neil Olshey hat's faustdick hinter den Ohren. Kaum ein anderes Team hat während der Offseason bessere Arbeit geleistet und seinen Aktienkurs so stark verbessert. Zu einem ohnehin schon vielversprechenden Nukleus um Griffin und Gordon sind am Wochenende Caron Butler und Chauncey Billups hinzu gestossen. Schon länger war klar, dass auch Free Agent Center DeAndre Jordan langfristig gehalten wird – trotz heftiger 11 Millionen pro Jahr ein No-Brainer Move des Managements. Jordan ist jung, Blake Griffin's bester Freund im Team und defensiv schon jetzt ein Star (10 Rebounds, 2.5 Blocks PER36 Minuten).

Spätestens mit dem Billups-Signing sind die Clippers zu einem sicheren Playoff-Team avanciert. Der Status Quo ist vielversprechend. Mit zwei Stars in Frontcourt und Backcourt (Gordon/Griffin), einer beinharten Center-Rotation (Jordan/Kaman), drei soliden Point Guards (Billups/Mo Williams/Bledsoe) und Vielseitigkeit auf dem Flügel (Butler/Aminu/Gomes) verfügt die Mannschaft über die richtige Mischung aus jungen Beinen, Erfahrung und Tiefe. Vor allem in dem 'Fleischwolf 2011/12 Saison' ein nicht zu verachtender Luxus, durch den die Klipper viele Spiele gewinnen werden, einfach weil sie jünger und frischer sind als ihre Gegner. Oder um's anders zu sagen: Los Angeles ist eines der grössten und tiefsten Teams der gesamten Liga. Und ich meine nicht die Lakers. Auch finanziell ist man hervorragend aufgestellt. Nachdem Olshey gestern alle Vertrags-Kaninchen aus dem Hut gezogen hat (Billups für nur 2 Mio $ vom Amnestie-Tisch zu ziehen, bevor er wenig später den Salary Cap mit der Jordan-Verlängerung übersteigt, war perfektes Management), zeigt das Lohnbuch für die kommende Saison knappe 66 Mio. $ an. Im Sommer 2012 werden dank auslaufender Verträge wieder 18 Mio. frei, die man dann re-investieren kann. Mit Kaman's auslaufendem Deal und einer Reihe junger Spieler im mittleren Verdienstbereich verfügt Olshey zudem über eine Fülle von Trade-Material. Ganz zu schweigen von den eigenen Draft-Picks und – noch viel wichtiger – dem ungeschützen Erstrundenpick der Minnesota Timberwolves in 2012. Einem sicheren Top-10 Pick im tiefsten Draft seit der Steinzeit.

Kein Wunder, dass die NBA da gierig wurde. Hornets-Manager Dell Demps, der bis zum gestrigen Tag die Verhandlungen mit den Clippers führte, hatte sich mit Olshey auf ein kompaktes Paket geeinigt, das beiden Parteien geholfen hätte: Kaman, Aminu, Bledsoe und ein weiterer Baustein im Tausch für Chris Paul. In einer exakten Kopie des am Freitag geplatzten Blockbuster-Trades mit den Lakers und Hornets mischte sich dann wieder die Ligazentrale ein und liess den Bully raushängen. Die Forderungen von Stu Jackson (dem Mann, der als GM die Vancouver Grizzlies erst in den Ruin und dann aus der Stadt trieb), wurden im Verlauf der Gespräche immer absurder und lauteten gegen Ende des Tages: Kaman, Aminu, Bledsoe plus Eric Gordon plus Minnesota's Pick. Olshey legte einfach auf. Und tat damit genau das Richtige.

Die NBA scheint die eigene Situation völlig misszuinterpretieren. Der Markt für Chris Paul ist seit dem Veto zusammengeschrumpft wie ein verschimmelnder Pilz. Kein Team in einem grossen Markt kann für Paul gerade das bieten, was die NBA sehen will: Cap-Entlastung, junges Talent und Draft-Picks in einem Karton. New York, die Lakers, Dallas, Miami, Orlando oder Chicago sind allesamt aus dem Rennen. Einzig und allein die Clippers kommen für diesen Deal in Frage. Und sie wissen das. Und können sich deshalb zurück lehnen und David Stern und seine Bully-Armee schwitzen lassen. Wozu die eigene Zukunft aufs Spiel setzen, für ein potentielles CP3-Leasing, das im dümmsten Fall in 18 Monaten schon wieder endet. Einer der Hauptgründe für sein bestätigtes Interesse an den Clips war laut Paul “die Aussicht, mit den zwei G's (Gordon & Griffin) Ball spielen zu können". Jedoch bliebe von dem oben skizzierten Nukleus nicht mehr viel übrig nach so einem Trade.

Clippers jetzt: (PG)Billups/Mo/Bledsoe (SG)Gordon/Foye (SF)Butler/Aminu/Gomes (PF)Griffin/Cook (C)Kaman/Jordan
Draft-Pick (Minnesota)


Clippers nach d. Trade: (PG)Paul/Billups (SG)Foye (SF)Butler/Gomes (PF)Griffin/Cook (C)Jordan

So funktioniert faires Verhandeln: man gibt und nimmt, bewegt sich flexibel hin und her, bis irgendwann die Schmerzgrenze erreicht ist. Und die hat die NBA ganz klar überschritten. Es ging nicht darum, dass nach Gordon gefragt wurde. Es ging nicht um den Draft-Pick. Und es ging nicht um Eric Bledsoe. Sie waren alle im Gespräch. Aber wenn mein Angebot das einzig verfügbare ist, dir die Suppe bis zum Hals steht, und du trotzdem gierig wirst und alles haben willst, dann sage ich: “Danke, aber Nein danke!”

Natürlich wollen die Clippers Paul. So ein Point Guard kommt alle 20 Jahre mal daher. Wer hier schon den ein oder anderen Artikel überflogen hat, weiss sicher, dass CP3 für mich der beste Einser der Liga ist. Und mir das Wohl der Clippers sogar am Herzen liegt. Aber für ihn all meine Pokerchips auf den Tisch zu schmeissen, obwohl mir die Zukunft mit ein bisschen Geduld, Glück und Verstand offen steht, wäre töricht. Zumal ich Paul doch nicht einmal langfristig binden kann. Und auch mit ihm und Blake alleine nicht um den Titel mitspiele. Wozu also 'all in' gehen, wenn der Gegner kaum noch was in der Bank hat? Und ich einen Full House auf der Hand. Da warte ich doch lieber ab, bis die NBA wieder anruft und vernünftigen Handel treiben will. Und das ist sicherlich schon bald. Oder ich warte gleich bis nächsten Sommer, um Chris Paul dann als Free Agent mit offenen Armen zu empfangen. Als letztes Puzzleteil in einem jetzt schon gefährlichen Team...Alles wird gut!