11 Dezember 2011


Erinnert sich jemand an letzten Winter? Es müsste in etwa um die gleiche Zeit im Dezember gewesen sein. Die NBA hatte gerade die New Orleans Hornets gekauft, sie dem knausrigen Vorbesitzer George Shinn abgenommen, um langfristig nicht nur die Franchise, sondern vor allem den Basketball-Standort New Orleans/Louisiana zu retten. Phil Jackson, Peyote-paffender Philosoph in Diensten der Los Angeles Lakers und ganz nebenbei bester Übungsleiter aller Zeiten, hielt das damals für eine ganz miese Idee und prophezeite Unheil. "Ich weiss nicht, ob sich New Orleans ein Team leisten kann. Wer trifft dort jetzt die Entscheidungen? Was, wenn Chris Paul mal getradet werden muss? Das könnte viele Leute in der Liga irritieren." Weise gesprochen, oh grosser Zen-Meister!

Genau so kam es dann nämlich auch, genau ein Jahr später. Der gestern verbotene Blockbuster-Deal zwischen New Orleans, Los Angeles und Houston schlägt immer noch hohe Wellen. Das Internet brauchte neue Leitungen, denn es brach unter dem Ansturm kollektiver Empörung zeitweise zusammen. Und das völlig zurecht. So etwas hat es in der Geschichte der NBA noch nie gegeben. Die Auswirkungen sind folgenschwer. Das ohnehin schon ungemütliche 'CP3 in NO' Kapitel, es ist zum Desaster ausgeartet.

Der Lockout war nie mehr als der Kampf zwischen den Mächtigen der Liga und denen, die sie allgemein als "Fussvolk" bezeichnen. Narzisstische, vollkommen entrückte Geschäftsmänner mit Gott-Komplex wollten sowohl die monetären Zugeständnisse (die bekamen sie von den Spielern auch, insgesamt 3 Milliarden Dollar Reingewinn) als auch systemisch tiefgreifende Veränderungen. Es konnte aber nur eines sein. So funktioniert ein Kompromiss nun mal: eins für Dich, und eins für mich. Die Besitzer entschieden sich letztendlich für das Geld - wofür denn auch sonst? Noch bevor die Tinte auf dem neu ratifizierten Tarifvertrag getrocknet war und während man sich gegenseitig zuprostete, begriffen sie, dass sich irgendwie nichts wirklich geändert hatte - Dwight Howard, Deron Williams und Chris Paul weigerten sich allesamt, ihre aktuellen Verträge zu verlängern. Noch so einen FA-Sommer wie 2010 würden die Mächtigen nicht ertragen. So ein Mist! Das hätte doch das neue CBA geklärt haben sollen.

Das Management der New Orleans Hornets, eine kompetente Truppe um GM Dell Demps, Coach Monty Williams und Vorsitzender Jac Sperling, waren auf diesen Herbst/Winter schon lange vorbereitet. Wohlwissend, dass es Chris Paul angesichts schlechter sportlicher Perspektiven nicht mehr lange im Bayou halten würde, hatte man zahllose Tradeszenarien durchgespielt und war bereit, zu handeln. Solange man könnte, wollte man noch einen adäquaten Gegenwert für den scheidenden Franchise-PG einholen. Die Handlungsbefugnis, und zwar die vollständige, uneingeschränkte, die hatte man schon letzten Winter von ganz oben erteilt bekommen.

"We just formally own the team. As far as roster moves, if management recommends it, we'll approve it!" (David Stern, 2010)

Im festen Glauben, am sprichwörtlichen Steuer zu sitzen, hatte es
Demps also irgendwie geschafft, das marode Team (nur 5 Spieler stehen momentan im Kader, man musste 9 D-Leaguer/Free Agents ins Camp einladen) mit nur einem genialen Move komplett umzustrukturieren. Er hatte vier Starter erhalten (einen Double-Double PF, einen 20 PPG Shooting Guard, den vielseitigsten Big Man der Liga und einen der besseren Nachwuchs-PGs, der mal in einem Playoff-Spiel 23 Punkte in einem Viertel erzielte). Ganz zu schweigen von zwei weiteren Draft-Picks in einem der tiefsten Draft-Jahrgänge aller Zeiten (2012). 6 Spieler also, im Tausch für einen, der im Sommer für nichts ziehen darf. Ein Hammer-Deal. Für die Liga-Diktatoren nicht gut genug. Sie intervenierten.

Wer tatsächlich glaubt, dass die Entscheidung, den Deal abzublasen, auch nur im Geringsten mit "basketballverwandten Beweggründen" zu tun hat, und nichts mit dem geleakten, tragisch-komischen Comic-Sans Brief von Dan Gilbert, der freut sich sicherlich auch auf den Weihnachtsmann. Es geht weiterhin um Macht, und nur darum. Für die Besitzer, die dem Exodus von Starspielern in die Metropolen ein für alle mal ein Riegel vorschieben wollten, den Moment aber eindeutig verpasst haben (wenn's um Ausgeglichenheit geht, warum hat man sich nie ernsthaft mit Franchise-Tags und Hard Caps beschäftigt, anstatt sich nur über BRI zu streiten?), war der gelungene Blockbuster-Trade ein Schlag mitten ins Gesicht. Sie konnten die sportlichen Implikationen für alle beteiligten Teams nicht erkennen, denn das würde basketballerischen IQ voraussetzen, zumindest jedoch die Fähigkeit, richtig zuzusehen und angemessen urteilen zu können (Stichwort: verblödete, überteuerte Verträge für dritte und vierte Angriffsoptionen).

Houston arbeitet seit drei Jahren auf diesem Herbst hin. Mit Pau Gasol hatte man endlich wieder den Franchise-Center an Land gezogen, der ein fragiler Yao Ming nie werden konnte. Der zusätzliche Cap Space war für Nene vorgesehen. Ein Gasol-Nene Frontcourt mit Kyle Lowry auf der Eins? Stark. Die Lakers haben aus ihrer Affinität zu Paul nie einen Hehl gemacht. Sie nahmen sogar in Kauf, dass sie mittelfristig insgesamt an Qualität einbüssen würden ohne den langen, versierten Frontcourt, der ihr Erfolgsgarant war/ist. Sie gingen bewusst das Risiko ein, in dieser Konstellation nichts mit dem Conference Finale zu tun zu haben, solange sie sich langfristig für eine Zeit nach Kobe Bryant positionieren konnten.

Dass Männer wie Gilbert und die anderen Besitzer hier dennoch Verdunkelung vermuten, zeigt nur, wie beschränkt sie denken. Und weil diese kleinen, verbitterten Milliardärs-Mädchen auf ihre Freundinnen, die vielleicht ein bisschen kreativer, ein bisschen visionärer mit ihren teuren Spielsachen umzugehen wissen, chronisch eifersüchtig sind, wurde es eben hysterisch. Dass man es sich als NBA im Nachhinein hinzudrehen versucht, ist fahrlässig und absolut unprofessionell. Der Machtmissbrauch an dieser Stelle ist abscheulich. Es erinnert an korrupte Fantasy-Ligen, in denen alle Trades ge-veto-ed werden, weil die restlichen Besitzer neidisch werden und den Dan Gilbert raushängen lassen (übrigens: wenn Eure Fantasy-Liga immer noch Vetos erlaubt, hängt ihr bei Level 1 fest. Werdet erwachsen!).

Es wurde hier also versucht, ein Exempel zu statuieren. Nur ist nicht klar, welche Lehren daraus gezogen werden müssen. Nicht nur, dass man gleich drei Teams massiv benachteiligt, indem man alle involvierten Parteien (Spieler, Trainer, Management) in eine extrem peinliche Situation versetzt und deren zukünftige Verhandlungsposition erheblich schwächt. Man hat durch diese niederträchtige Entscheidung auch einen folgenschweren Präzedenzfall geschaffen, der den letzten verbliebenen Funken Glaubwürdigkeit in Luft auflöst (falls man an so etwas in Verbindung mit der NBA überhaupt noch glaubt. Für mich persönlich ist das seit 20 Jahren nichts als ein grosser, bunter, rastloser Zirkus...inklusive Illusionisten, Affen, Clowns und Freaks.)

Dass die Liga niemals die Hornets hätte kaufen dürfen, ist offensichtlich. Der Interessens-Konflikt ist einfach gigantisch, vor allem wenn man sich - wie jetzt geschehen - in die Arbeit der Hornets-Angestellten einmischt. Wie geht's weiter? Dürfen die Hornissen in Zukunft überhaupt traden? Muss Chris Paul bleiben, um dann im Sommer frei und umsonst abzuwandern? Darf er wechseln, aber eben nicht nach LA, NY, Dallas oder in einen anderen Big Market? Wieso funktioniert denn der angesetzte David West S&T mit Boston, der an diesem Wochenende über die Bühne gehen wird, ohne Probleme? Ich bin überzeugt, dass David Stern in den nächsten Tagen einen Rückzieher machen wird, und einen ähnlichen, wenngleich leicht modifizierten Deal über die Bühne gehen lässt, um sein Gesicht zu wahren. Darum auch das Statement, er hätte als de-facto Hornets-Besitzer entschieden, mit dem Hinweis, man möge den Hornissen jüngere Spieler und mehr Draft-Picks zusenden. Ein Wink mit dem Zaunpfahl, gewiss. Der Schaden aber, der ist eindeutig angerichtet. Da brauchst du für den Spott nicht mehr zu sorgen, denn der kommt ganz von selbst. Und es wird immer offensichtlicher: die NBA hat den Verstand verloren.