30 Dezember 2011


Stell Dir vor, die Phoenix Suns hätten vor vier Jahren Michael Redd verpflichtet. Den vermutlich besten Distanzschützen jener Zeit einem Nash-Amare-Marion-Diaw Nukleus beizumischen, hätte für Phoenix wohl Conference Titel zur Folge gehabt. Mehrzahl, wohlgemerkt. Vier Jahre später aber, Ende 2011, ist die Neuakquisition der Suns nicht viel mehr als eine kleine Randnotiz. Redd unterschrieb heute in der Wüste von Arizona einen garantierten Ein-Jahres-Vertrag zum Veteranen-Schleuderpreis.

Die kritischen Stimmen wurden laut im Laufe des Tages. Viele Beobachter schienen das Signing nicht nachvollziehen zu können. "Wieso geht er nicht lieber zu einem Contender? Was wollen die Suns denn mit so einem? Der hat doch nichts mehr drauf." So oder so ähnlich klangen die häufigsten Gedankenspiele. Nicht so vorschnell, Basketball-Philosophen dieser Welt.

Stell Dir vor, du wirst in der zweiten Runde gedraftet (43. Pick) und absolvierst in deiner ersten Profisaison 35 Minuten. Insgesamt. Arbeitest dann wie ein Besessener an deinem Spiel und wirst zu einem der tödlichsten Scorer der Liga. Als reiner Jumpshooter. Steigerst deinen Scoring-Output sechs Jahre in Folge, bis auf 26.7 PPG in 2006/07. Wirst All-Star, All-NBA Teamer, gewinnst Gold bei den Olympischen Spielen. Du bist auf dem Höhepunkt deiner Karriere, im besten Alter (28), verdienst eine Stange Geld. Und von einem Tag auf den anderen ist alles weg!

Redd erlitt im Januar 2009 einen doppelten Kreuzbandriss im Knie. Nachdem er sich unter Reha-Qualen zurück gekämpft hatte, rissen ihm fast auf die Woche genau ein Jahr später wieder beide Kreuzbänder - im selben Knie. Erst gegen Ende der letzten Saison '10/11 gab der Shooting Guard sein Comeback bei den Milwaukee Bucks, absolvierte 10 Partien und war überglücklich, überhaupt wieder auf dem Court stehen zu können - nach 185 verpassten Spielen in drei Jahren. Es war aber absehbar, dass der ehemalige Franchise-Player in den Zukunftsplanungen der Hirsche keine Rolle mehr spielen würde. Der Free Agent generierte nur mildes Interesse auf dem freien Markt. Alle Contender schienen zu zaudern, was durchaus verständlich war. Redd absolvierte in Phoenix ein Probe-Workout, sah dabei wohl richtig gut aus, und wurde heute prompt unter Vertrag genommen.

"Eine Wiedergeburt. Die letzten drei Jahre waren eine Achterbahnfahrt, ich war am Boden. Heute ist ein neuer Tag für mich. Ich bin begeistert", freute sich Redd über die Chance, die ihm die Suns geben wollen. In knapp zwei Wochen will der Shooting Guard für seinen ersten Einsatz spielerisch und konditionell auf der Höhe sein. Seine Entscheidung pro-Phoenix fällte der 32-jährige auch mit Blick auf die sportmedizinische Abteilung der Sonnen, der mit Abstand besten ligaweit. Die Docs in Phoenix haben bereits die Karrieren von Grant Hill und Steve Nash wiederbelebt, die beide bis in ihre Mitt-50er weiter spielen werden. Im Idealfall hat auch Redd noch genug Basketball im Tank und erlebt in der Abgeschiedenheit der Wüste seine eigene kleine Renaissance.

Aus Suns-Sicht kann man das Signing nicht kritisieren. Das Team präsentierte sich in den bisherigen zwei Spielen in fürchterlicher Verfassung. Die etatmässigen Shooting Guards Jared Dudley und Shannon Brown sehen überfordert aus. Phoenix trifft den Korb nicht (83 Punkte im Schnitt). Und von ausserhalb der Dreierlinie wäre momentan wohl schon das Brett ein zu kleines Ziel (nur 19% Trefferquote). Kein NBA-Kader scheint weniger spielerisches Talent zu beherbergen als die 2012er Suns-Edition. Einen Karriere-20PPG-Scorer für's Minimalgehalt zu verpflichten, der dank seiner Treffsicherheit von aussen die gegnerische Defensive stretcht und Platz machen kann für Nash & co. ist - in der jetzigen Situation des Clubs - ein vollkommen legitimer Schachzug. Potentielles Win-Win Signing für alle Parteien. Wenn nicht, kräht sowieso kein Hahn mehr danach.