19 Dezember 2011


Anstatt des üblichen Preseason-Marathons mit Summer League, langem Trainingscamp und 8 Testspielen beehrt uns die Liga in diesem Jahr mit einem Schleudergang von Vorbereitung. Alles geht ruck zuck. Spieler hatten nach teilweise 7 Monaten Pause gerade mal eine Woche Zeit, sich wieder ins Team zu finden. In nur zwei Freundschaftsmatches soll der letzte Feinschliff erfolgen. Viel Glück dabei! Mehr denn je eignen sich die Preseason-Partien in 2011 also nur für eine einzige Sache: Rookies checken. Coaches müssen sich ja ohne die ausgedehnten Trainingssessions im Sommer irgendwie ein Bild über Leistungsstand und Kompatibilität ihrer Jungprofis machen, analysieren, wie sie in die Rotation passen. Ein erster, kompakter Blick auf die eingesetzten Top-Frischlinge nach den 11 Partien des Wochenendes.


Kyrie Irving (Cleveland Cavaliers): kam zwar von der Bank, zeigte aber mit 21 Punkten sofort, dass er schon jetzt bester Spieler im Team ist. Zog das Tempo nach Belieben an, griff sich 6 Rebounds, versuchte seine Mitspieler einzusetzen und zog viele Fouls (13-15 FT). Die Ballverluste (5) werden eine Zeit lang bleiben, aber Irving ist eindeutig ein waschechter NBA Point Guard, der für die Cavs starten muss.

Derrick Williams (Minnesota Timberwolves): der explosivste und wohl vielseitigste Rookie zeigte sein Inside-Outside Game und beendete die Partie mit 14 Punkten in 21 Minuten Spielzeit. Die Dreier fielen mit Leichtigkeit, die spektakuläre Alley-Oop Connection mit Rubio steht bereits. Ich gehe davon aus, dass Neu-Coach Rick Adelman hauptsächlich mit einem Love-Williams-Beasley Frontcourt (seinen drei besten Spielern) operieren wird. Knapp 30 Minuten pro Partie bedeuten für dieses Biest den ROY Award - wie schon vor dem Draft angekündigt.

Tristan Thompson (Cleveland Cavaliers): der Nummer 4 Pick hatte grosse Schwierigkeiten in seinem Profidebut (5 Fouls in 22 Min), und ich befürchte, dass das Spiel für den jungen Big Man in dieser Wirbelwind-Saison zu schnell sein wird. Das Potential ist natürlich da (8 Rebs, 2 Blks). Der Weg bis zu einem effektiven NBA-Fünfer ist für Thompson aber noch lang.

Jan Vesely (Washington Wizards): 'Euro Blake Griffin' nannten sie den Tschechen in Europa, weil er am Korb die Plays auch in luftiger Höhe beenden kann. Und tatsächlich kommt Vesely's Athletik ihm in der NBA zugute. Die opportunistische Art, wie er gegen Philadelphia zu seinen Stats kam (7 Punkte, 3 Rebounds, 2 Steals in 22 Min.) lässt erahnen, dass er in der kommenden Saison zu einem effektiven Bankspieler in Washington's Uptempo Spiel wird.

Brandon Knight (Detroit Pistons): lieferte sich mit Kyrie Irving den ganzen Abend lang ein interessantes Duell auf der Eins. Knight wirkte auf mich schon recht abgeklärt, setzte seinen überlegenen Speed im richtigen Moment ein (9 Punkte) und suchte hauptsächlich seine Mitspieler (4 Assists). Wäre schade, wenn für Knight im vollgepackten Pistons-Backcourt (Gordon, Stuckey, Bynum) nur Wischmop-Zeit übrig bleibt.

Jimmer Fredette (Sacramento Kings): der beste College-Scorer der letzten Saison (28.9 PPG) durfte von Anfang an ran und zeigte sofort, warum die Kings ihn gedraftet hatten. Er scorte 21 Punkte (35 Min.), traf 4 von 6 Dreiern und schien der Aufgabe NBA mehr als gewachsen. Ob und wie der Jimmer mit dem Druck umgehen kann, wenn's erst richtig los geht, kann man nach einem Testspiel gegen die Warriors nicht sagen. Aber sein Wurf ist Gold wert.

Klay Thompson (Golden State Warriors): als wollte er den Trainerstab in nur 16 Minuten Einsatzzeit überzeugen, dass er genauso gut wie Curry und Ellis ist, chuckte der 11. Pick so ziemlich jeden Ball in Richtung Korb, der ihm in die Hände fiel. 4-10 aus dem Feld mit 3 Ballverlusten - da blieb für die Teamkollegen nicht viel übrig, wenn Thompson auf dem Feld stand. Coach Marc Jackson: "Er muss lernen, geduldiger zu sein."

Iman Shumpert (New York Knicks): viele hatten sich darüber gewundert, dass die Knicks allen Ernstes mit ihrem jungen und unerfahrenen Backcourt-Trio (Douglas-Fields-Shumpert) in die Saison starten wollten. Der Rookie-Guard zeigte am Samstag gegen die Nets, warum: Shumpert kann scoren (16 Pts in 26 Min.) und gut verteidigen. Es ist lang (1,96m) und agil. Zwar als Spielmacher ungeeignet, aber dank der heutigen Baron Davis Akquisition nicht weiter relevant. Shumpert schlüpft in die Rolle der Bank-Mikrowelle auf der Zwei und wird wohl Topscorer der zweiten Garde werden. Der'Shump' und die Knicks werden in der kommenden Saison für Furore sorgen.

Ricky Rubio (Minnesota Timberwolves): über keinen anderen Rookie gehen die Meinungen so stark auseinander. Der kleine Spanier spaltet die Gemüter zurecht: manche sehen in ihm die Reinkarnation von Jason Williams, andere prophezeien ihm eine kürzere NBA-Karriere als Raul Lopez. Am Samstag bewies der 21-jährige zumindest, dass ihm das schnelle Spiel in Amerika zugute kommt. Er traf den freien Mann (7 Assists) und passte gut auf den Ball auf (nur 1 TO), während die Wolves-Fans begeistert "Olé Olé Olé" skandierten. Wie überträgt sich seine Spielweise auf die reguläre Saison? Und kann das 80 Kilo-Leichtgewicht schweren Verletzungen aus dem Weg gehen? David Kahn will von alledem nichts hören.

Beachtlich:
Isaiah Thomas (Sacramento Kings, 60. Pick): 13 Pts, 3 Assists in 22 Min.
Jon Leuer (Milwaukee Bucks, 40. Pick): 18 Pts, 5 Reb in 22 Min.


Zum Schluss nochmal zur Erinnerung: es war das erste Spiel der Preseason. Starter fehlten ganz oder spielten kaum. Das Niveau in allen Partien war mies - ganz wie erwartet nach monatelanger Abstinenz und einer Woche Camp. Es wäre töricht, hieraus irgendwelche tiefgründigen Schlüsse ziehen zu wollen. Vergesst am besten alles, was ihr gelesen habt. Es war nur ein Preseason-Spiel.