15 Dezember 2011


"Was lange währt, wird am Ende gut", oder so ähnlich. Endlich. Nach tagelangen Nonstop-Gerüchten und drei geplatzten Trades haben die Los Angeles Clippers vor einer Stunde ihren Wunschspieler an Land gezogen. Chris Paul, der ab nächstem Wochenende Alley-Oop Lobs in Richtung Blake Griffin wirft, macht aus der einstigen Lachnummer instantan das spektakulärste Team der Liga. Die NBA-Filmemacher haben für LAC bereits jetzt vier bis fünf Plätze in den täglichen Top10-Highlight-Clips reserviert. Wer denkt, dass es um die Miami Heat in der letzten Saison eine Portion zu viel Hype gab, der sollte sich schon mal auf die Clippers-Edition 2011/12 gefasst machen. Eines ist klar: mit Griffin und Paul in der selben Lineup kehrt eine Marke Showtime-Basketball zurück, wie sie die Stadt der Engel seit den Tagen von Magic Johnson nicht mehr erlebt hat. Der Verein stiess allein in den letzten 24 Stunden mehr als 1000 zusätzliche Dauerkarten ab (basierend einzig und allein auf dem Gerücht, dass Paul wechseln könnte). Noch bevor der Text hier vollendet ist, werden alle Dauerkarten ausverkauft sein. Sitzplätze im Staples Center kann ich mir in Zukunft also wohl abschminken. Verdammt!

Der Preis für Paul war hoch. Nachdem die Liga im Zuge der zuletzt ins Stocken geratenen Gespräche zunächst die Los Angeles Lakers mit an den Verhandlungstisch holte (in dem Bestreben, die Clippers nervös zu machen), kamen sich beide Seiten schliesslich doch noch entgegen und einigten sich auf Eric Gordon, Chris Kaman, Al-Farouq Aminu und Minnesota's ungeschützten Erstrundenpick 2012. Ob die Schnellschiffe zu tief in den eigenen Geldbeutel gegriffen haben, darüber lässt sich streiten. Fakt ist, dass der Endpreis genau zwischen dem liegt, was mein Kollege Malte Arndt und ich gestern als für angemessen hielten. Dass Paul aus den Clippers nicht nur kurzfristig ein spektakuläreres, sondern langfristig ein besseres Team macht, darin waren wir uns beide trotz unterschiedlicher Ansätze einig.

Sieht man von der oben schon angesprochenen NBA2K12 Dauer-Partystimmung und PR-Mehreinnahmen auf allen Kanälen einmal ab, wird sich Paul's Einfluss vor allem auf dem Platz niederschlagen. Am meisten werden die zwei Grossen unter dem Korb profitieren. Schon ohne den besten Passgeber der Liga (Karriere 10 APG, Platz 1 ligaweit) waren die Trefferquoten von Blake Griffin (51%) und DeAndre Jordan (69%) astronomisch hoch. Mit Paul als persönlichem Assist-Butler? Ratet mal. Es wäre nicht weiter überraschend, wenn sich Jordan in nur zwei Jahren als All-Star Center aufdrängt.

Dank der gestrigen Chauncey Billups Akquisition und der Verpflichtung von Swingman Caron Butler verfügen die Klipper inklusive Paul nun über eine der stärksten Starting Fives der Liga. Billups' Fähigkeiten, den offenen Distanzwurf zu setzen, in Verbindung mit seinen Spielmacherqualitäten, machen ihn für mich trotz seines Alters zum effektivsten Shooting Guard des Teams. So oder so, man darf sich auf eine kleine Zwei-Guard-Lineup einstellen. Das Pick'n'Roll Spiel der Clippers mit Paul, Billups, Griffin und Jordan wird eine Augenweide sein. Butler passt dank seiner Vielseitigkeit perfekt mit hinzu - ein echter Scorer im 'glue guy' Gewand, der die vielen kleinen Dinge ungleich besser macht, als es Ryan Gomes oder Aminu je gekonnt hätten.

Natürlich weist der restliche Kader nun eklatante Schwächen auf. Die Backup Center-, Power Forward- und Shooting Guard-Positionen sind komplett verwaist. Es fehlt die Tiefe. Es fehlt Shooting. Es fehlt Länge. Diese Mankos, zusammen mit dem extrem kurzen Trainingscamp und drei neuen Startern, wird letztendlich auch eine Monster-Saison auf Anhieb verhindern. Man sollte also realistisch bleiben, und trotz aller Begeisterung die Kirche zumindest bis nächstes Jahr im Dorf lassen. Mit den Mavericks, Lakers, Thunder und Grizzlies kann man sich noch nicht messen. Alles andere als ein Playoff-Exit in Runde 1 wäre überraschend. Aber damit kann man in Clipper-Land 2012 vollkommen zufrieden sein. Man ist innerhalb von einer Woche vom Running Gag zu einem ernst zu nehmenden Player in der Western Conference mutiert. Man hat Mo Williams und Eric Bledsoe als Tradechips (Billups darf in der kommenden Saison nicht getradet werden). Man hat die Mini-MLE noch auf der Hand. Man ist meilenweit von der Luxussteuer entfernt. Und die Spieler werden Schlange stehen, um mit Paul und Griffin zusammen auf Korbjagd zu gehen. Ära der Superteams, und so...Mit ein paar personellen Feinjustierungen und weiterem Wachstum der jungen Talente kann hier ein Powerhouse heran reifen - ich kann gar nicht glauben, das ist das über die Clippers tatsächlich gerade geschrieben habe.

Auch die Hornets haben (fast) alles bekommen, was sie sich von diesem ermüdenden Verhandlungsmarathon erhofft hatten. Mit Eric Gordon (22.3 PPG letztes Jahr) hat man nun einen potentiellen All-Star auf der Zwei (neben Bryant der wohl beste SG im Westen), um den herum sich sicherlich etwas aufbauen lässt. Sicherlich nicht in Paul's Liga, aber David Stern's Taktik war schon lange bekannt: kompletter Neuaufbau, organisch, von ganz unten. Mit jungem Talent, schlanken Finanzbuch und massenweise Draft-Picks. Derer hat man jetzt zwei, vermutlich beide irgendwo unter den ersten 10 im kommenden Super-Draftjahrgang (Barnes, Drummond oder Davis wären exzellente Mosaikstücke fürs Rebuild). Kaman's Double-Double Potential und sein auslaufender 12 Millionen-Vertrag werden die Hornissen bis Februar in weitere junge Spieler plus Draft-Picks umwandeln. Und so bizarr es auf den ersten Blick anmutet: mit Jack-Gordon-Ariza-Okafor-Kaman dürften die Bees sogar ein paar Spiele gewinnen. Man kann darüber streiten, wie viel vom Oberbeamten und seiner Minion-Armee da hinter den Kulissen tatsächlich getrickst wurde, bis der neue Deal unter Dach und Fach war. Unterm Strich stehen die Hornissen weitaus besser da, als sie es nach dem Lakers-Rockets Blockbuster getan hätten. Auch wenn das Lakers-Fans sicherlich nicht hören wollen...


nbachef meint: Vorteil LA Clippers, Nachteil LA Lakers