12 Dezember 2011


Den ersten Coup dieser irrsinnigen Free Agent Periode haben bekanntlich die New York Knicks gelandet. Tyson Chandler wechselte ungehindert vom NBA-Champion Dallas Mavericks an den Hudson. Chandler wird dort die gleiche Rolle übernehmen, die er auch in Dallas innehatte: Verteidigen, Rebounden, die Zone verankern, und ein perfekter Teamkollege sein. Es steht ausser Frage, dass New York nun mit Chandler, Amare Stoudemire und Carmelo Anthony den besten Frontcourt der Liga stellt. "Aber nur auf dem Papier", so Chandler, der damit die Aussagen seines neuen Head Coaches Mike D'Antoni relativierte. "Unser Potenzial ist grenzenlos, wir müssen es nur abrufen."

Die Tatsache, dass der Neuzugang (eigentlich ein unrestricted Free Agent) via Sign & Trade aus Dallas kam, ist aus gleich mehreren Gründen entscheidend und löste eine Reihe von Folge-Transaktionen aus. Zunächst mussten die Knicks Platz unter dem Cap schaffen. Dafür nahmen sie die Washington Wizards zu Hilfe. Sie schickten Ronny Turiaf und dessen 4.4 Mio $ Deal in die Hauptstadt. Nach einer Reihe weiterer kleiner Beigaben von allen Seiten und dem "Veralmosen" von Chauncey Billups' Vertrag war dann genug Geld da, um Chandler in den MSG zu holen. Der genaue Deal:

zu New York: Tyson Chandler, Ahmad Nivins, Giorgos Printezis
zu Washington: Ronny Turiaf, 2 Zweitrundenpicks (NY & DAL), Cash
zu Dallas: Andy Rautins, Zweitrundenpick (WAS), Trade Exception (11 Mio $)


Aus finanzieller Sicht ist die Verpflichtung für New York alles andere als günstig. Chandler erhält in den nächsten 4 Jahren 58 Millionen Dollar. Viel Geld für einen offensiv limitierten Center, dessen Karrierewerte bei 8 Punkten und 9 Rebounds pro Partie liegen. (aber so ist das nunmal: mit einer Championship steigt auch der Mehrwert des Spielers automatisch an). Nimmt man noch Billups' Gehalt dazu, das die Knicks ja auch noch stemmen müssen, macht das nach Adam Riese ca. 72 Millionen $ bis zum Sommer 2015. Noch dümmer: New York hätte Billups während des Drafts für nur 4 Mio. aus dem Vertrag heraus kaufen können, zog aber die Teamoption und verlängerte. Das ist in etwa so, als würde man 10 Millionen Dollar anzünden und anschliessend im Klo versenken. Einem Besitzer wie James Dolan sind Finanzen aber vollkommen egal, weshalb wir uns lieber wieder dem sportlichen Teil widmen.

Kritiker des Deals weisen auf die jetzt eklatanten Schwächen der Knicks im Backcourt hin. Und sie haben ein valides Argument, denn ohne Billups muss der junge Toney Douglas (25) den Vollzeit-Aufbauspieler geben. Den Druck von seinem Guard will Coach Mike D'Antoni nehmen, indem er seine Angriffe hauptsächlich über Point-Forward Carmelo Anthony laufen lässt. Defensiv ist die Verpflichtung von Chandler natürlich Gold wert. Vor allem im Rebounding, wo die Knicks letztes Jahr unter den schwächsten fünf Mannschaften zu finden waren, und bei der Team-Defense. Der 2,16m Mann wurde Dritter bei der Wahl zum Verteidigungsspieler des Jahres und war massgeblich dafür verantwortlich, dass ein ehemals softes Dallas Team Ende Juni die NBA-Trophäe in den Himmel reckte. Man sollte nicht überrascht sein, wenn die Knicks einen Sprung unter die besten 10 Defensivteams der Liga machen.

Durch den S&T hat man sich im grossen Apfel ausserdem die Midlevel-Exception bewahrt, kann also rein theoretisch noch einen Veteranen (z.B. Crawford, Arenas oder Baron Davis) für die Guard-Positionen verpflichten. Alles in allem war Chandler der beste verfügbare Big Man auf dem diesjährigen Markt (Nene, Gasol und Jordan bleiben alle bei ihrem alten Verein). Da Center in der heutigen NBA viel rarer gesät sind als Guards, hat man aus Knicks-Sicht eines von zwei sportlichen Problemen (Backcourt und Defense/Rebounding) also nahezu ideal gelöst. Die Alternativen wären gewesen, auf Deron Williams, Dwight Howard oder Chris Paul in 2012 zu hoffen. Keine gute Idee. Obwohl den Knickerbockers nach wie vor noch eins, zwei passende Puzzlestücke zur Meisterschaftsedition fehlen, sind sie nach dem Chandler-Signing ein besseres Basketball-Team als zuvor. Das sieht auch Knicks-Experte Rob vom NYKnicksjournal so.

Dallas' Manager Donnie Nelson ist der eigentliche Gewinner des Tauschhandels. Obwohl die Mavericks Gefahr liefen, Chandler ohne Gegenwert an den freien Markt zu verlieren (Cuban wäre nie in der Lage gewesen, seinen Center finanziell zu halten), fädelte Nelson Junior einen Deal ein und erhielt so eine Trade Exception. Obwohl bei Sign & Trades so üblich, ist die Exception immer nur so gut wie der Folgetrade. Nelson wandelte sie nur einen Tag später in Lamar Odom um. Ein opportunistischer, durch und durch brillanter Move, der den amtierenden besten 6. Mann der Liga für umsonst nach Dallas lockt und den Abgang von Chandler abfängt.

Ronny Turiaf wird versuchen, einen Hauch von Professionalität nach Washington zu bringen und den Youngstern Javale McGee und Andray Blatche die Flausen auszutreiben. Viel Glück, Ronny...!


nbachef meint: Vorteil New York, Dallas