17 Januar 2012


Die üble Nachricht ereilte Hawks-Fans letztes Wochenende: der Brustmuskel von Forward/Center Al Horford riss im Spiel gegen die Indiana Pacers vom linken Schultergelenk ab und zwingt dem All-Star Big Man eine drei- bis viermonatigen Zwangspause auf. Eine erfolgreiche Reha würde - selbst bei optimalem Regenerationsverlauf - frühestens kurz vor den Playoffs beendet sein. Ob Atlanta zu jenem Zeitpunkt noch im Rennen um einen der begehrten Plätze ist, wird von mehreren Faktoren abhängen.

Der dezente, wenngleich nicht übermässige Erfolg der Falken in den letzten fünf Jahren, in denen man sich von 30 auf 37 auf 47 auf 53 Siege in '09/10 verbessern konnte, ehe man vergangene Saison mit 44-38 einen Schritt zurück machte, verdeutlicht das Dilemma, in dem dieses Team steckt. Das Bild wird noch klarer, wenn man die Playoff-Leistungen mit berücksichtigt (drei Zweitrunden-Exits in den letzten drei Jahren). Die Hawks sind und bleiben eine gute NBA-Mannschaft. Zum Sprung ganz nach oben reicht es trotzdem nie. Auch in dieser Saison schien das Optimum bei keiner anderen Eastern Conference Mannschaft so deutlich vorgezeichnet zu sein wie bei den Hawks: Playoff-Aus in Runde zwei. Wie soll Atlanta dieses Best-Case Szenario ohne Horford erreichen?

Obwohl er vor seiner Verletzung nicht die von ihm bekannten Zahlen auflegte (nur 12.4 Punkte und 7 Rebounds im Schnitt), galt der 25-jährige dennoch als interner 'Hawks-MVP', als wichtigster Spieler. Sein Coach Larry Drew nannte ihn schon immer den 'glue guy' des Teams. Er ist derjenige, der den Laden am Laufen hält, und als solcher am wenigsten entbehrlich. Tatsächlich gehört Horford dank seiner Pick-and-Pop Qualitäten und Wurfstärke zu den besten Bigs der Liga.

Zusammen mit Josh Smith stellt er einen beneidenswert talentierten Frontcourt: zwei grosse, dynamische, reboundstarke Big Men, die zwar nur selten auf ihren angestammten Positionen (SF bzw. PF) eingesetzt werden, aber dennoch erfolgreich ihren Mann stehen und die Hawks häufig zum Sieg führen. Macht keinen Fehler: trotz Joe Johnson, dessen Leistungen mit einem lächerlich-monströsen 124 Millionen $ Vertrag belohnt wurden, sind Smith und Horford das Perpetuum Mobile, das die Hawks in Bewegung hält.

Nun muss Atlanta die Produktivität seines etatmässigen Centers, der eigentlich keiner ist, irgendwie remplacieren. Obwohl Ersatzmann Zaza Pachulia (12.5 PPG/9.5 RPG) ähnlich hohe PER36 Karriere-Werte aufweist wie Horford (13.7 PPG/10.1 RPG), gibt es einen ganz bestimmten Grund, warum einer All-Star ist und der andere über die Backup-Rolle nie hinauskam: der Georgier foult so häufig wie kaum ein anderer NBA-Spieler und nimmt sich damit selbst aus dem Spiel. Auch sein Wurfniveau ist nicht ansatzweise auf dem Horford'schen, was ihn als Offensivoption nahezu komplett disqualifiziert.

Mit Internet-Star Ivan Johnson haben die Hawks zwar einen durchaus kapablen Backup-Forward, der seit Horford's Verletzung knapp 23 Minuten Spielzeit bekommt, und die mit durchschnittlich 8.7 Punkten und 6.7 Rebounds auch durchaus zu nutzen weiss. Aber der Rookie ist viel zu unkonstant, um sich auf seine Produktivität Abend für Abend verlassen zu können. Vladimir Radmanovic kann zwar dank seiner 2,08m auch auf Power Forward eingesetzt werden, ist aber eher als Marvin Williams Backup auf der Drei vorgesehen.

Das meiste wird wohl oder übel an J-Smoove hängen bleiben. Der Highflyer, der exzellent in die Saison gestartet ist, übernahm in den bisherigen drei Spielen ohne seinen Teamkollegen noch mehr Verantwortung als sonst und mauserte sich mit 22 Punkten, 12 Rebounds und 3 Assists im Schnitt zum neuen go to guy. Smith hätte schon letztes Jahr ins All-Star Team gehört. Spielt er weiter wie bisher, dürfte seiner ersten Nominierung nichts mehr im Wege stehen.

Ob das aber den Hawks in Punkto Playoff-Platzierung weiter hilft, bleibt ungeklärt. Die Vögel gewannen ohne Horford zwar alle drei Partien, hatten es dabei aber ausschließlich mit Kellerkindern zu tun (Charlotte, Minnesota, Toronto). Dank einer derzeitigen 10-4 Bilanz und einem versöhnlichen Januar-Ende (Cleveland, Detroit, New Orleans und Toronto unter den nächsten acht) ist es nicht unabwägig, Atlanta mit einer 60% Siegesquote in den Februar starten zu sehen.

Der Spielplan wird dann aber mit Memphis, Philly, Indiana, Orlando (2), Miami, LA Lakers, Portland, Chicago und New York unerbittlich (nur Golden State und Phoenix liegen unter der 50% Erfolgsquote). Und auch der März hat es in sich, bevor es dann im April wieder leichter wird. Insgesamt müssten zwischen Februar und April wohl noch knapp 20 Siege eingefahren werden, um sicher die Playoffs zu erreichen. Besonders pikant: mit dem momentanen Johnson-Williams-Smith-Pachulia Nukleus konnte Atlanta ohne Horford nur 39 von 104 Spielen gewinnen. Projiziert man diese 37% Quote auf die restliche Saison, kommen genau 19 Siege bei rum. Wohl zuwenig, selbst in der schwachen Eastern Conference, wo sich nur neun Teams um acht Playoff-Plätze streiten werden.

Eine letzte Möglichkeit bleibt natürlich noch: ein definitives Upgrade auf der Fünf via Trade. Reporter berichteten erst kürzlich nach einem Interview mit Hawks-Coach Drew von einem Spickzettel auf dessen Schreibtisch, auf dem die Center aller 30 NBA-Teams aufgelistet waren. Viel hat Atlanta freilich nicht zu bieten ausser Marvin Williams (23 Mio $ in den nächsten 3 Jahren) und dem auslaufenden 8 Millionen Vertrag von Kirk Hinrich. Ein definitiver Wunschspieler ist sicherlich Dwight Howard - dessen Verpflichtung betrachtet man aber zurecht als reine Utopie. Für einen anderen, Chris Kaman (14 Mio $), müsste man ein drittes Team einschalten, um junge Spieler und Draft-Picks für New Orleans zu erwerben. Boris Diaw ist in Charlotte verfügbar geworden. Und die einzigen Free Agents aus dem Markt sind Kyrylo Fesenko, DJ Mbenga und Rasheed Wallace. Nicht gerade Contender-Material.

Es scheint also, als müsste ein Frontcourt-Komitee aus einem dreierballernden Vielflieger, einem foulenden Georgier und einem 27-jährigen Rookie den langzeitverletzten All-Star Center in Atlanta ersetzen, bis dieser im April wieder ins Geschehen eingreifen darf. Die Playoff-Träume der Hawks könnten bis dahin bereits ausgeträumt sein.