22 Januar 2012



Die Denver Nuggets sind gerade im New Yorker Madison Square Garden zu Gast. Es ist das allererste Aufeinandertreffen zwischen diesen beiden Mannschaften, die zur letztjährigen Trade-Deadline im Februar für den Blockbuster-Deal der Saison sorgten. Insgesamt 12 Spieler, inklusive All-NBA-Forward Carmelo Anthony, wechselten damals den Verein (via 3-Team-Trade mit Minnesota) und veränderten nachhaltig die weitere Trajektorie der beiden Franchises, die sich seither in völlig unterschiedliche Richtungen entwickelt haben - nur nicht so, wie eigentlich erwartet.

Die Nuggets wurden damals als Leidtragende typisiert. Als weiterer Small-Market Club, der es nicht geschafft hatte, seinen Superstar glücklich zu machen und langfristig zu halten. Wie zuvor schon bei Lebron James, Chris Bosh und Amare Stoudemire. Wie bei Chris Paul in diesem Herbst. Und wie bei Dwight Howard, dessen bevorstehendes Abgangs-Drama uns in 2012 noch bestens enervieren unterhalten wird. Das höchste der Gefühle für die kleinen Märkte - so der allgemeine Tenor - ist ein kleiner Trostpreis, den es im Tausch für den ehemaligen Franchise Player abzustauben gibt. Ein junges Talent, vielleicht ein Bankspieler, ein paar Draft-Picks. Das war's dann aber meistens schon.

Den Knicks sagte man vor knapp einem Jahr voraus, dass sie den mit Abstand besten Spieler des Deals an Land gezogen hatten, einen echten Superstar, was meist als Indiz für einen gewonnenen Trade gewertet wird. Experten erwarteten, dass sich das Team mit einem Carmelo-Amare Nukleus quasi über Nacht, spätestens aber in dieser Saison, unter den vier besten Mannschaften der Conference positionieren und ernsthaft um den Titel im Osten mitspielen würde.

Nicht ganz. Während die Nuggets mit einer 11-5 Bilanz in die neue Saison gestartet sind, dümpelt New York mit 6-9 Siegen irgendwo im unteren Mittelmaß herum, auf der Suche nach einem Rettungsring, nach einer Identität, nach irgend einem Lebenszeichen. Besser noch: Denver hat seit dem Melo-Trade 70 Prozent seiner Spiele gewonnen (29-12), während die Knicks mehr als die Hälfte ihrer Partien verloren haben (20-23).

Die Klumpen machten damals das denkbar Beste aus ihrer Not. Sie mussten Anthony, einen gebürtigen New Yorker, ziehen lassen. Aber sie liessen sich Zeit, taktierten, pokerten, und trafen Knicks-Besitzer James Dolan während der Verhandlungen an dessen empfindlichster Stelle: seinem Ego! Dolan verlor die Geduld im wochenlangen Tauziehen um das richtige Tradepaket und setzte sich über all seine Manager, Berater und Scouts hinweg, nur um seinen Wunschspieler in den Big Apple zu holen. Das schaffte er letztendlich auch, aber der Preis stand in keinerlei Relation zum eigentlichen Produkt. New York hatte über Nacht vier Starter, einen Draft-Pick und jegliche Salary Cap Flexibilität verloren.

Der Knicks-Angriff, damals unter Offensiv-Guru Mike D'Antoni zu neuem Leben erwacht, lebte in 2011 von konstanter Ballbewegung, Speed, Vielseitigkeit und dem langen Ball. Mit Anthony, einem puren Isolationsscorer, verlottert die Offense seither zur One-Man Show. Anthony hat die zweithöchste Usage-Rate aller NBA-Spieler (36%). Heisst im Klartext: wenn der All-Star Forward auf dem Feld steht, geht mehr als jede dritte Aktion im Spiel ausschliesslich über ihn. Es fehlt jeglicher Ansatz von Spielkultur. Schlimmer noch: Amare Stoudemire, vor Melo's NY-Debut noch Heilsbringer einer ganzen Metropol-Region, ist im Angriff zum reinen Statisten degradiert worden und bekommt weniger Würfe als Rookie Iman Shumpert oder Landry Fields. Ohne konstantes Scoring, ohne adäquate Bankspieler und ohne verfügbare Trainingszeit in dieser Saison läuft New York ernste Gefahr, sich aus den Playoffs zu ballern, bevor die überhaupt begonnen haben.

Das alles kratzt George Karl und seine Nuggets überhaupt nicht. Die Probleme, die ein begnadeter Scorer wie Anthony ins Team bringt, kennt Karl nur zu gut. Er musste sich sieben Jahre lang damit herumschlagen. Karl und Anthony gerieten häufig aneinander, weil der Coach versuchte, seinem Superstar die Eigensinnigkeit auszutreiben, ihn zu mehr Teamspiel zu motivieren. Ohne Erfolg. Der Melo-Trade war für den Krebs-Bezwinger Karl dann wie eine Erlösung. Raus mit dem Ballstopper, dem Egoisten. Rein mit vier neuen Startern (Danilo Gallinari, Timofey Mozgov und Andre Miller, der für Raymond Felton aus Portland kam, sowie Free Agent Wilson Chandler). Karl hasste den Melo-Iso-Basketball der letzten Jahre. Nun spielen die Nuggets endlich wieder so, wie das seine erfolgreichsten Teams schon immer praktizierten: mit Überschall-Speed, Uneigennützigkeit und einem starken Kollektiv. Denver verteilt die meisten Assists und erzielt die fünf-meisten Punkte der NBA. Jeden Abend spielt sich ein anderer Akteur in den Vordergrund, erzielt die wichtigen Punkte zum Sieg. Das sind die Parallelen zu Karl's erfolgreichsten Mannschaften in Seattle und Milwaukee - die spielten regelmässig um Conference Titel mit.

"Wir sind sehr glücklich mit unserer derzeitigen Situation", fasst Karl die neue Stimmung in Denver zusammen. "Alles ist sehr positiv. Die ganze 'Melo Sache ist hier zum Glück Geschichte!"


Nachtrag: Denver gewinnt heute nach zweimaliger Verlängerung in New York 119-114 und reist mit 4-0 Siegen aus diesem 5-Tages Ostküstentrip wieder Richtung Westen. Sechs der sieben eingesetzten Spieler punkten heute zweistellig, kein Starter wirft mehr als 19 mal auf den Korb. Kontrastfarbe: Anthony trifft nur 10 von 30 aus dem Feld, leistet sich 6 Turnovers. Die Knicks haben jetzt 6 Spiele in Folge verloren.