22 Januar 2012


Das hatten sich die New Jersey Nets anders vorgestellt. Der Umzug nach Brooklyn ins brandneue, 1 Milliarde Dollar teure Barclays Center sollte im Herbst 2012 mit grossem Tamtam zelebriert werden. Bei allem finanziellen Mehrgewinn und der wirtschaftlichen Lukrativität, die eine Neueröffnung der Geschäftsräume im aufstrebenden New Yorker Stadtteil mit sich bringt: das wirkliche Produkt auf dem Basketballplatz ist letztendlich entscheidend. Und das sollte nach Vorstellung der Nets-Macher möglichst hip und sexy sein, stolz und stark wie Brooklyn selbst. Und erfolgreich.

Der russische Oligarch Mikhail Prokhorov hatte den Verein im Mai 2010 aufgekauft. Der Plan war, mindestens einen Megastar nach Jersey/Brooklyn zu lotsen, noch besser gleich zwei oder drei. Prokhorov verfolgte seine Vision von einem baldigen Meisterschaftsanwärter mit der ihm eigenen Zielstrebigkeit, buhlte offen und aggressiv um jeden verfügbaren Free Agent auf dem Markt. Lebron. Wade. Amare. Kein Erfolg. Der Fokus verlagerte sich auf 2012, das Jahr also, in dem Chris Paul, Deron Williams und Dwight Howard frei verhandelbar sind. Vergangenen Februar bot sich dem Russen eine seltene Chance: inmitten vereinsinterner Querelen bei den Utah Jazz bekamen die Nets einen der besten Point Guards der Liga auf dem Silbertablett serviert. Zwar musste New Jersey seinen hochgeschätzten Rookie-Forward Derrick Favors im Paket mit Devin Harris und zwei Erstrundenpicks abdrücken. Der organische Wiederaufbau á la Oklahoma City stand bei Prokhorov aber ohnehin nie hoch im Kurs.

Letzter, und wichtigster Teil des Plans: natürlich Dwight Howard. Seit Monaten schon gilt New Jersey als wahrscheinlichster Landeplatz für den Free Agent to be. Der beste Center der Liga soll, so die Vorstellung, mit Williams den gefährlichsten Inside-Outside Punch der NBA bilden und die Nets in Brooklyn als neue Supermacht etablieren. Die einzig relevante Frage in den Sümpfen von Newark scheint derzeit: soll man lieber ein Tradepaket für Howard schnüren, um auf 'Nummer Sicher' zu gehen? Oder kommt Howard im Sommer als Free Agent, weil D-Will und D12 bei einem ihrer gemeinsamen Abendessen ohnehin schon beschlossen haben, in Zukunft gemeinsame Sache zu machen?

Die Cap-Situation sieht ab Juli in der Tat vielversprechend aus: für 2012/13 stehen nur knapp 22 Millionen Dollar an Verbindlichkeiten an. Es wäre also ein leichtes, Williams und Howard mit Max-Deals unter Vertrag zu nehmen. Das Fundament eines künftigen NBA-Schwergewichts wäre ausbetoniert. Auf dem Flügel hat man Marshon Brooks, der sich bisher als die Rookie-Überraschung des Jahres entpuppt hat. Und Brook Lopez wäre noch im Kader. Der könnte entweder als Twin Tower neben Dwight auflaufen, oder via Trade eins bis zwei Komplementärspieler einbringen. Echt positiv gezeichnet, dieses Idealbild, das aus den Brooklyn Nets tatsächlich einen Contender macht. Als zweite Option bleibt der angesprochene Trade mit Orlando. Man wäre sicherlich Lopez los, ein paar Draftpicks, und wohl auch Kris Humphries und/oder Brooks. Der Weg zur Spitze der Conference wäre länger und verschnörkelter, liesse sich aber langfristig immer noch realisieren. Dank Williams und Howard.

Die Realität sieht allerdings düster aus. Nach dem Ausfall von Lopez sind die Nets zum reinen Perimeter-Team mutiert, das Abend für Abend komplett überfordert ist. Die 4-12 Bilanz gehört zu den schlechtesten der Liga, der Kader sowieso. Franchise-Spieler Williams, dem man dank seines Lockout-Engagements in der Türkei einen fliegenden Start und eine Monstersaison prophezeit hatte, spielt so schlecht wie seit seiner Rookie-Saison nicht mehr. Seine Trefferquote (38%) und Turnover-Rate (4.3 TOPG) waren nie schlechter. Die Schultern hängen, der Blick ist leer, D-Will scheint in Newark mental schon längst ausgecheckt zu haben. Vielleicht weiss er ja auch schon, was eigentlich unausweichlich ist: New Jersey wird ihn früher oder später traden müssen.

Was nämlich, wenn Howard gar nicht (Orlando sitzt die Angelegenheit im Moment aus) oder zu einem anderen Team (Los Angeles Lakers) getauscht wird, bevor die Wechselfrist am 15. März abläuft? In dem Fall müsste den Nets-Verantwortlichen klar sein, dass sie keinerlei Chance mehr haben, Williams zu halten. Er kann sich im Sommer als 'unrestricted Free Agent' den nächsten Arbeitgeber frei auswählen (realistisch: Dallas Mavericks). Im besten Fall findet New Jersey in den nächsten Wochen einen Tradepartner, der im Tausch für Williams' Vetragsverlängerung ein paar brauchbare Puzzlestücke für den Rebuild rüberwachsen lässt. Immer noch besser, als in einigen Monaten mit komplett leeren Händen dazustehen. So wie damals Cleveland und Toronto. Die Schicksale von Williams, Howard und den Brooklyn Nets sind auf's Engste miteinander verflochten. Nur überschneiden werden sie sich nie. Wird Zeit, der bitteren Realität ins Auge zu sehen: die Einweihungsparty in Brooklyn wird für die Nets weitaus weniger spektakulär, als geplant.