09 Januar 2012



Zum Wegducken. Anders kann man die Leistung der Wizards bei der 73-92 Demontage in eigener Halle gegen die Timberwolves nicht beschreiben. Peinlicher, lustloser und unprofessioneller geht's überhaupt nicht mehr. Washington krebst mit jetzt 8 Niederlagen aus den ersten acht Saisonspielen weiterhin auf dem letzten Tabellenplatz herum und läuft ernste Gefahr, die mieseste NBA-Erfolgsquote aller Zeiten (.110) zusammen zu tragen. Um das zu verhindern, müssten die Wiz mindestens acht Siege einfahren (das Äquivalent einer 9-73 Bilanz in dieser komprimierten Spielzeit). In der derzeitigen Konstellation wären bereits derer fünf ein mittelgrosses Basketballwunder.

Das wirklich Erstaunliche ist dabei, dass man unmöglich eine bestimmte Person isolieren und für die Misere der Wizards verantwortlich machen kann. Weder den Coach, noch einen Assistenztrainer, und schon gar nicht explizit einen einzigen Spieler oder zwei. Das gesamte Mannschaftskonstrukt korrodiert und schimmelt vor sich hin, weil Team-Besitzer Ted Leonsis und General Manager Ernie Grunfeld beim Legen des Fundaments gehörig gepfuscht haben. Inkompatible, infantile Spielertypen, zu viele Charakterschweine auf einem Haufen und zu wenig Basketball-Grips auf dem Court resultieren schnell in einer unaufhaltsamen Abwärtsspirale, deren Ende leicht absehbar aber schwer zu verkraften ist.

Nur zwei Tage nach dem phasenweise verheissungsvollen Auftritt gegen die New York Knicks verfielen die Wizards heute wieder in ihre altbekannte Selbstgefälligkeit und Lethargie zurück. Das 'floor spacing' gleicht dem einer Horde 5-jähriger beim Ball spielen. Für effektives Spacing benötigt man effiziente Werfer und intelligente Spielertypen, die ihre Angriffssets kennen, antizipieren und notfalls improvisieren können. Washington besitzt nichts dergleichen. Sobald es ins Halbfeld-Spiel geht, ist es mit diesem Team aus und vorbei. Jeder versucht, den schlechtesten Wurf seines Mannschaftskollegen (meist nach 1 bis maximal 2 Pässen) noch zu unterbieten. Nicht von ungefähr rangieren die Wizards bei der Trefferquote auf Platz 28 mit beschämenden 40% aus dem Feld.

Nach erstrebenswerten Mannschafts-Charakteristika wie Zusammenhalt, Kampfgeist und Leidenschaft sucht man im D.C. vegeblich. Die Zauberer verteilen gerade mal 15 Assists pro Partie (Platz 29) und sind damit nur minimal sozialer als die ebenso funktionsgestörten Sacramento Kings. In der Defensive habe ich selten zuvor so viele eklatante Zuordnungsfehler in solch kurzen Abständen erlebt. Ausboxen? Optional. Nach der Trap zurück weichen? Muss nicht sein. Dem Nebenspieler aushelfen? Nach mir die Sinflut. Ricky Rubio sezierte die Wizards-D mit der Präzision eines Gehirnchirurgs und verbuchte am heutigen Abend 14 Assists. Schaltet mal ein, wenn Washington das nächste mal live zu sehen ist, und zählt mal - nur für ein paar Minuten - die Fehler im System. Bleibt aber bitte nicht allzu lange drauf. Euer Basketball-Verstand würde nach spätestens einem Viertel implodieren.

Auf wen wälzt man im Sport solche Unzulänglichkeiten und mentalen Spieler-Defizienzen am liebsten ab? Auf den Trainer natürlich. Es wäre erstaunlich, wenn Flip Saunders noch lange in seinem Amt bleibt. Obwohl der 56-jährige weit über die Hälfte seiner 1154 NBA-Partien gewonnen hat und sicherlich zu den besseren Coaches der Liga zählt, schafft er es einfach nicht, zu solchen Holzköpfen wie Andray Blatche, Nick Young oder Jordan Crawford durchzudringen. Wen wundert's bei dem Mangel an Respekt, den die Jungspunde für ihr Coaching-Team übrig haben? Die wenigen Veteranen beim Hauptstadtclub, wie Rashard Lewis etwa, gehen lieber mit schlechtem Beispiel voran. Lewis geriet laut CSNWashington vor der Partie gegen Minnesota in einen Disput mit Assistant Coach Sam Cassell und entfernte sich anschliessend selbst vom Lineup-Zettel. Der 22 Millionen Dollar Rollenspieler (36% FG) hatte eigenmächtig entschieden, dass er "keine Lust auf diese Partie" hatte. Der abschliessende, fehlgeschlagene Versuch der PR-Abteilung, ein lädiertes Knie für Lewis' DNP verantwortlich machen zu wollen, passt ins triste und deprimierende Bild, die diese Franchise mal wieder von sich zeichnet.

Der Aufruhr unter Wizards-Fans ist zu einem riesigen Ballon angewachsen - verständlicherweise. Viele ärgern sich über die Lustlosigkeit der Rotationsspieler und darüber, dass man sich Spiel für Spiel resignierend zur Schlachtbank eskortieren lässt. Sie befürchten, als grösste Lachnummer aller Zeiten in die Rekordbücher einzugehen. Sie wundern sich, dass die wenigen Lichtblicke im Team wie Trevor Booker oder Chris Singleton nicht weitaus mehr Spielzeit bekommen als Lewis, Blatche oder Young. Sie wissen, dass man den Franchise-Spieler John Wall unmöglich fördern kann, solange man den Rest der Lineup permanent babysitten muss. Sie fragen sich, warum der Grieche Leonsis den Unterschied zwischen NBA-Basketball und NHL-Hockey noch immer nicht verstanden hat und weiterhin die falschen Business-Entscheidungen trifft. Und sie wollen endlich Köpfe rollen sehen. Den von Flip Saunders, und den von satten, faulen Typen wie Rashard, aber vor allem den von GM Grunfeld, der dieses elendige Personal überhaupt erst angesammelt hat.

Mit einer simplen Trainerentlassung oder einem kleinen Trade ist es hier auf jeden Fall nicht getan. Es muss schon etwas Grosses passieren, um in Washington die negativen Schwingungen aus dem Clubhaus und die permanenten Buhrufe aus dem Verizon Center zu vertreiben. Dieses Anti-Team verdient zur Zeit jeden einzelnen davon...