13 Januar 2012


Die New York Knicks präsentieren sich nach verheissungsvoller Offseason bisher als das ultimative Jekyll & Hyde Team. Ernst zu nehmender Meisterschaftskandidat? Oder eher Randbezirks-Playoff-Team inklusive automatischem Erstrundenaus? Rob Jerzy vom Knicksjournal und Onur Alagöz von Nothing but Net gehen mit mir zusammen der Sache mal auf den Grund.


Die Preseason-Euphorie im Madison Square Garden ist in Ernüchterung umgeschlagen. Was sind die grössten Probleme der New York Knicks?

NBACHEF: Point Guard Play. New York hat keine Aufbauspieler. Was einer 08/15 NBA-Offensive das Leben schon schwer genug machen würde, ist für ein Guard-lastiges D'Antoni-System verheerend. Weder Toney Douglas (33% FG, 1.6 Assist-to-Turnover Ratio) noch Rookie Iman Shumpert (42% FG, 1.4 A/TO Ratio) sind der Aufgabe gewachsen, weil beide keine Spielmacher sind. Statt dessen: zu viele Würfe, zu viele Ballverluste und zu wenig Assists. Nicht von ungefähr rangiert New York auf Platz 25 mit mickrigen 18 Vorlagen pro Spiel. Die Folge dieses Eigensinns: zu wenig Bewegung vorne. Qualitativ schlechte Würfe für das gesamte Team. Zu viel Dreiergeballer spät in der Shotclock (Platz 3 bei den Attempts) bei ganz miesen Quoten (Platz 23). Und frustrierte Stars, die ihre Touches nicht bekommen. Vielleicht kann tatsächlich Baron Davis dieses Team retten. Obwohl BD seine besten Tage hinter sich hat, ist sein Karriere-Assistwert (7.3) höher als der von Douglas und Shumpert zusammen. Genau die Dosis Playmaking also, die diese Mannschaft dringend braucht.

Rob Jerzy, NYKnicksjournal: Immer dann, wenn dir die ligaweiten Probleme (verursacht durch den Lockout) nicht genug sind, dann musst du dein Team systematisch umkrempeln. Die Knicks haben sich mit der Amnestierung von Billups, dem Trade von Turiaf und der Verpflichtung Chandler's selbst ein Loch gegraben. Welches D'Antoni-Team ist denn schon mal ohne einen Point Guard in die Saison gegangen? Und gerade bei einer Philosophie die die Ballrotation und Distanzwürfe favorisiert ist ein verkürztes Training Camp mit zig neuen Gesichtern im Kader natürlich tödlich. NY sah weder in der Offense noch in der Defense eingespielt aus, was Fans natürlich über D'Antoni's Kopf am Ende einer Lanze fantasieren ließ.

Onur Alagöz, Nothing but Net: Irgendwie fehlt es an allen Ecken und Enden. Das Gesamtkonzept der Knickerbockers ist nicht stimmig, die Spielertypen und der Coach passen nicht zueinander, es fehlen Rollenspieler, die bestimmte Arbeiten auf dem Parkett ohne Kompromisse verrichten. Das Team liegt in nahezu jeder relevanten Statistik im unteren Drittel der Liga. Mit Melo, Amar’e und Tyson Chandler kann man auf dem Papier den vielleicht mächtigsten Frontcourt der Liga aufweisen, in der Praxis sieht das Ganze aber anders aus. Die drei finden einfach ihren gemeinsamen Rhythmus nicht, keiner schaltet einen Gang höher, wenn es darauf ankommt. Vielleicht ist es eine Sache der Nerven, möglicherweise braucht das Team nach der extrem kurzen Vorbereitungszeit noch Vertrautheit und Sicherheit im Umgang miteinander. Was aber momentan im Big Apple fabriziert wird, hat nichts mit dem neuen Powerhouse im Osten zu tun, das sich die Jünger der Knicks vorgestellt hatten.

Ist Carmelo Anthony wirklich der Superstar, für den ihn alle halten? Kann er die Franchise ins gelobte Championship-Land führen?

Rob Jerzy, NYKnicksjournal: Ist er. Kann er. Gerade jetzt, wo sich die Knicks langsam fangen und wirklich guten Team-Basketball spielen. Melo geht den gleichen Prozess durch wie Kobe (was die Balance von Iso & Teamball betrifft) bzw. Paul Pierce, der in Boston erst durch seine Teamkollegen (KG) und durch einen Defensive Coordinator zum Verteidiger wurde.

NBACHEF: Na klar. Der 27-jährige ist ein absolutes Ausnahmetalent und zählt zu den besten puren Scorern, die der Sport je gesehen hat. Nur 4 aktive Spieler (LBJ, Durant, Kobe, Wade) und nur 13 Spieler überhaupt haben/hatten je einen höheren Karriere-Scoring-Schnitt als 24.9 PPG. Ich kann die Kritik an seiner Spielweise durchaus nachvollziehen. Aber im Basketball geht's immer noch darum, mehr Punkte zu erzielen als der Gegner. Wer irgend etwas von Playoff-Basketball versteht, der weiss, dass man ohne dominante erste Scoring-Option keinerlei Chancen auf einen Titel hat. Das war in den letzten 30 Jahren so, und wird es auch in Zukunft bleiben. Alle New Yorker Championship-Träume ruhen auf Anthony's Schultern.

Onur Alagöz, Nothing but Net: Carmelo Anthonys Leistungen und sein Potenzial scheinen sehr viel schwerer bewertbar zu sein als ursprünglich angenommen. In ihm steckt der leichtfüßigste und vielseitigste Scorer der Liga, er ist einer der besten Clutchakteure, die momentan in der NBA auflaufen und von nahezu keinem Spieler effektiv aufzuhalten. Dennoch… er ist kein James, Wade oder Kobe. Er dominiert Spiele nicht. Seine Spielweise ist nicht teamdienlich, teilweise sogar kontraproduktiv. Melos Art und Weise, den Ball im Angriff zu stoppen verhindert jeglichen Spielfluss. New Yorks Problematik, was ihren Aufbauspieler angeht, lässt Melos Scoring Output zwar in die Höhe schießen, aber dass die Offensive beinahe ausschließlich über ihn läuft, schadet dem Team. Melo ist zu gut, um die zweite Option im Angriff zu sein. Trotzdem bekomme ich das Gefühl nicht los, dass er auf einem Playground oder im Rucker Park besser aufgehoben wäre als in der Elite der NBA-Teams. Er ist kein emotionaler Leader, der das Spiel seiner Teamkameraden im Zweifelsfall aufwertet und anhebt. Könnte Melo sein Ego zurückstecken und den Ball mehr laufen lassen, statt Joe Johnson im Angriff zu imitieren, wäre NYK schon mal immens geholfen.

Hat man in New York mit dem Carmelo-Trade vor knapp einem Jahr die falsche Entscheidung getroffen?

Onur Alagöz, Nothing but Net: Eine alte Binsenweisheit besagt ja, dass man alle aufgeben muss, um einen Superstar an Land zu ziehen. Melo ist erst 27, befindet sich im besten Basketballalter und spielt in seiner Heimatstadt, was ihn normalerweise anspornen sollte. Es hat jedoch den Anschein, dass New York tatsächlich zu viel im Paket in die Rocky Mountains verstaut hat. Wie bereits oben beschrieben, fehlt es vorne und hinten an Rollenspielern, sowie an einem anständigen Point Guard. Man hat keine Stopper in der Defensive. Wilson Chandler hätte hier Abhilfe geschaffen. Ordentliche und konstante Shooter sucht man im Kader vergebens. Gallinari und Felton anyone? Es sind keine Spieler da, die die Drecksarbeit verrichten, Charges ziehen, rebounden, die zweite Garde anführen. Und nicht nur das. Durch den Melo-Trade hat man sich den finanziellen Spielraum genommen, um punktuell die Lücken in der Rotation zu stopfen. Die Denver Nuggets haben eine Bilanz von 24 Siegen zu 11 Niederlagen aufzuweisen, seitdem das Melodrama ein Ende nahm. Die Bilanz der Knicks? 19-18.

Rob Jerzy, NYKnicksjournal: Ja und nein. Nein, weil man immer die Chance auf einen Superstar ergreifen muss. Melo in New York ist richtig. Fraglich ist nur, ob mehr Geduld vielleicht besser gewesen wäre. Anthony hätte als Free Agent nach NY kommen können und Spieler wie Felton und Gallo (*Love-ya*) wären noch hier. Andererseits hätte man dann nicht Chandler unter Vertrag nehmen können.

NBACHEF: Die Verpflichtung war vollkommen richtig. Man bekommt nur einmal im Jahrzehnt die Gelegenheit, einen solch grossen Fisch an Land zu ziehen (ausser, man heisst Los Angeles Lakers). Waren Gallinari, Felton, Chandler und Mozgov zu viel des Guten? Definitiv. Der Schnitzer geht aber ganz exklusiv auf die Narrenkappe des inkompetent-blödsinnigen James Dolan, dem inmitten von wochenlangen Verhandlungen einfach der Geduldsfaden riss. Anstatt seinen damaligen GM Donnie Walsh den Deal zu Ende bringen zu lassen, hijackte der MSG-Mussolini die Gespräche und gab viel zu früh grünes Licht. Dummer Teambesitzer, dumm für NY, das mit etwas mehr Geschmeidigkeit vielleicht Felton, zumindest aber Chandler hätte behalten können.

Was ist mit Defense? Wieso verpufft das Tyson Chandler Signing?

NBACHEF: Tut es gar nicht. Diese Mannschaft wird zwar die '90er Jahre Knicks von Pat Riley sicherlich nie in Verlegenheit bringen können. Aber checkt mal diese Stats: letztes Jahr rangierte NY sowohl bei den kassierten Punkten (105.7/Platz 28) als auch im Defensivrating (110.1/Platz 22) ganz weit unten. In dieser Saison kassieren die Knickerbockers nur noch 93.7 Punkte pro Abend (Platz 12) und stehen im Def. Rating (kassierte Punkte pro 100 Angriffe) sogar auf Platz 7. Obwohl dieser Ausschnitt nach nur zwei Wochen sicherlich mit Vorsicht zu geniessen ist, fällt dennoch auf, dass Chandler einen deutlichen Einfluss auf die Defensive ausübt, ähnlich wie letztes Jahr bei den Mavericks. "Gut Ding will Weile haben". Wenn man bedenkt, dass mit ex-Hawks-Coach Mike Woodson ein neuer Defensivkoordinator nach New York kam, dessen neue Strategie wegen fehlender Vorbereitungszeit noch lange nicht greifen kann, und mit Jared Jeffries der beste Verteidiger des Teams immer noch verletzt fehlt, erkennt man hoffentlich das Licht am Ende des bisherigen '7 Seconds & no D' Tunnels.

Rob Jerzy, NYKnicksjournal: Zu Beginn war genau dies der Fall. Die Team Defense war nicht existent und die Spieler liefen herum wie Hühner ohne Kopf. Chandler war das Security Blanket unterm Korb und kassierte die Fouls. Mittlerweile stellt sich erhoffter Erfolg ein. Chandler dirigiert, die Flügelspieler sind enger an ihren Leuten dran und die Hilfe ist sinnvoll organisiert. Der beste Moment - nach dem Sieg gegen Philly - um über die Defense der Knicks zu sprechen

Onur Alagöz, Nothing but Net: Chandler findet seinen Platz nicht im System von D’Antoni. Er ist kein herausragender Shotblocker oder Eins-gegen-Eins-Defender. Irgendwie scheint seine größte Qualität, die Kommunikation, unterzugehen, und er schafft es einfach nicht, STAT und Melo zum Verteidigen zu animieren. Toney Douglas auf der Eins könnte in den Arenen Spaniens Stiere jagen und notorische Defensivallergiker wie Mike Bibby lassen ohnehin nicht mit sich reden. Hauptsächlich liegt es jedoch daran, dass D’Antoni einfach keine Ahnung von „D“ hat. Sicherlich, Rick Carlisle war auch kein Tom Thibodeau, aber bei Dallas stimmte das Teamkonzept in der Verteidigung. Die Rotationen waren schnell, man machte die Zone dicht, der Einsatz war da. Bei New York? Das Gegenteil. Keiner rennt, alle stehen sich gegenseitig im Weg, niemand weiß so Recht, wie die Struktur in der Verteidigung sein sollte. Ändert man die Spielphilosophie – und den Trainer – wird sich auch Chandlers Impact endlich deutlich machen.

Ist Mike D'Antoni der falsche Coach für die Knickerbockers? Kann man in dieser Konstellation langfristig echte Erfolge feiern?

Rob Jerzy, NYKnicksjournal: Die Offseason Aktionen (Chauncey, Chandler) ließen mich sofort eines denken: TRIANGLE OFFENSE .... ein krasser Inside/High Post Spieler (STAT) und ein Scorer vom Flügel (Melo). Dazu ein Spot-up Shooter auf der 1. Dem Trainer wurde es nie leicht gemacht, sein System umzusetzen, andererseits war er wiederum stets beratungsresistent, was Anpassungen betraf. In den letzten Spielen sieht man jedoch genau diese geforderten Anpassungen in der Offense und Defense. Die Knicks spielen schon lange keinen D'Antoni-Ball mehr - und haben damit derzeit Erfolg. Der Saisonverlauf und die nachhaltigen Veränderungen in der Philosophie entscheiden über MDA's Zukunft. Meine Einschätzung ist jedoch, dass er keinen neuen Vertrag erhalten wird.

Onur Alagöz, Nothing but Net: Ja. Nein. Was in der Wüste von Arizona geschehen ist, war ein perfektes Zusammenspiel zwischen „7-Seconds-or-less“-D’Antoni, Steve Nashs außerirdischen Fastbreakpassfähigkeiten und athletischen Flügeln, die ineinandergriffen wie Rädchen in einer Schweizer Uhr. D’Antoni muss raus. Melos Spielweise wird sich nicht grundlegend verändern, D’Antonis Coachingphilosophie auch nicht. Es muss ein Coach her, der dem Team eine Mentalität einprägt, wie es die Boston Celtics unter Rivers und Thibodeau hatten: Team first, Team last. Den Frontcourt in Einklang bringen und den Backcourt richtig verwerten. Alles zugegeben schwerer als Eddy Currys linker Arm. Will man jedoch langfristig erfolgreich sein und auch in naher Zukunft schmucke Fingerringe präsentieren, führt meiner Meinung nach kein Weg daran vorbei, D’Antonis Papiere fertig zu machen.

NBACHEF: Der latente Hass der New Yorker Anhänger auf D'Antoni hat ja schon Tradition. Und die Stimmen der vielen Kritiker werden sicher nicht leiser werden in dieser Saison, in der man sich selbst zu einem der Mitfavoriten erklärt hat. Die zwei grössten Probleme bleiben aber nach wie vor bestehen. Der Kader ist zwar in der Spitze sehr Star-lastig, in der Breite aber einer der miesesten weit und breit. Und ohne Guards geht eben gar nichts. Bevor man also die Guillotine auf die 7th Avenue hinaus rollt, sollte man fairerweise die Frage stellen, wieviele verfügbare Coaches einen besseren Job als 'Pringles' machen könnten. Solange Phil Jackson nicht an die MSG-Tür klopft (durchaus möglich in 1-2 Jahren), schlage ich vor, dass man mit D'Antoni noch mindestens diese Saison zu Ende spielt und die Situation im Sommer dann neu evaluiert.

Wo stehen die Knicks am Ende der Saison?

Onur Alagöz, Nothing but Net: In den Playoffs. Melo und Stoudemire sind individuell viel zu gut, um komplett abzutauchen. Auch der Selbstfindungsprozess wird nicht ewig dauern. Wenn man aber über die erste Runde hinaus will, muss sich was ändern in Metropolis. Gegen die Heats, Bulls, 76ers, Celtics, Pacers und Orlandos dieser Welt wird man es in einer 7-Spiele-Serie schwer haben. Es ist viel zu tun. Im Zweifelsfall wird wohl alles wieder Isiah Thomas-esque über den Haufen geschmissen und von vorne begonnen. Schade für die Fans im Madison Square Garden. Es gab Zeiten, da war dies das Mekka der Basketballwelt, jetzt gleicht es eher dem Cirque-de-Soleil.

NBACHEF: Liefern sich mit Philly und Boston einen bis zum Schluss spannenden Dreikampf in der Atlantic Division. Baron Davis (oder ein prominenterer PG-Neuzugang) ordnet das Angriffschaos und führt die Knicks in einem fulminanten Endspurt zum ersten Divisions-Titel seit 1994. Dank Heimvorteil übersteht NY die erste Playoff-Runde, scheitert aber dann im Conference Halbfinale an Chicago oder Miami.

Rob Jerzy, NYKnicksjournal: Spielen sie so wie momentan, ist Platz 4 im Osten drin.