06 Januar 2012


Washington Wizards: die Wizards im derzeitigen Zustand definieren Wackness vollkommen neu. Im Gegensatz zu den New Jersey Nets sind alle Schlüsselspieler in der Hauptstadt gesund. Auch das Talentlevel ist mit John Wall, Javale McGee, Jordan Crawford, Andray Blatche und Nick Young ungleich höher als im New Yorker Sumpf. Aber die Wizards verlieren ein Spiel nach dem anderen (0-6) und bleiben in den neuen Saison als einziges Team noch ohne Sieg. Sie sind bei den erzielten Punkten und den Assists unterirdisch (Platz 29), die offensive Effizienz ist auf einem historischen Tief (nur 89 Punkte per 100 Ballbesitze), und die Trefferquote ist suizidgefährdend mies (39% als Team!). Blatche, der neu ernannte "Teamleader", beschwerte sich schon nach der ersten Partie öffentlich über "völlig falsche Anspiele ausserhalb des Low Post". Wall, dem viele einen Sprung unter die besten fünf Point Guards der Liga prophezeit hatten, wirkt auf dem Platz wie Oskar aus der Sesamstrasse und kann nicht wachsen, solange sich die Kindersendung um ihn herum nicht ändert. Crawford und Young liefern sich ein Nonstop-Duell um den schlechtesten verfügbaren Jumpshot. Jeder macht was er will, vorne wie hinten. Keiner vertraut sich, keiner spielt für den anderen. Es existiert keine Hierarchie, kein erkennbares System, und kein Veteran weit und breit, der eine klare Richtung vorgeben könnte. Der Coach wirkt überfordert, und wenn die Protagonisten hier nicht schnellstens einen anderen gemeinsamen Nenner finden, als Abend für Abend vom Platz gefegt zu werden, wird die Saison lang und peinlich. So hatte man sich das mit dem Neuanfang sicher nicht vorgestellt.

Andray Blatche: wie jeden Sommer machten auch vor dieser Saison Gerüchte über einen physisch und psychisch veränderten Blatche die Runde. Er hätte an seiner Fitness gearbeitet, hätte sein Babyspeck abtrainiert, hätte eine Reihe neuer Moves auf Lager. Bla Bla Bla Blatche bleibt auch in seinem jetzt 7. Profijahr ein immens talentierter Big Man mit massiven Persönlichkeits- und Einstellungsdefiziten, und deshalb immer noch weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. In einem rigiden System, bei einem erfahrenen Team mit klaren Strukturen und als 6. Mann könnte Blatche vielleicht wie ein 2010er Lamar Odom sein volles Skillset entfalten. Ein Chaos wie in Washington bringt in ihm nur die schlechtesten Eigenschaften hervor. Seine Mischung aus ineffektiver Offensive (12 PPG, 38% FG) und Matador-Defensive machen ihn zum schlechtesten Rotationsspieler bei den Wizards: gegnerische Power Forwards erzielen über 20 Punkte und 13 Rebounds pro Spiel bei 60% aus dem Feld. Ein Stuhl in der Zone würde bessere Arbeit leisten als 'Babybrain Blatche'.

Dorell Wright: What a difference a year makes. Noch vor einem Jahr liess Dorrell Wright in der Bay Area dank seines Spiels haufenweise Kinnladen herunterklappen. Der Small Forward netzte die meisten Dreier der Liga ein (194), wurde dritter bei der Wahl zum Most Improved Player, und legte mit 16.4 Punkten, 4.3 Rebounds und 3 Assists pro Spiel neue persönliche Bestwerte auf. "Will the real Dorell Wright please stand up?" Der 26-jährige jagt bisher vergeblich seiner Form und seinem Schuss hinterher. Er trifft nur 29 Prozent seiner Wurfversuche und kommt auf sehr langweilige 5.5 Punkte pro Partie. Sein Selbstvertrauen ist dermassen weg, dass er in den letzten zwei Spielen auf gerade mal 6 Würfe aus dem Feld kam. Zusammen genommen.

Dallas Mavericks: wer ist dieses Team? Anscheinend wurde ein bisschen zu lange und ausgelassen gefeiert in Texas, denn die Mavericks scheinen noch im Winterschlaf zu sein. Kein amtierender Champion seit den Post-Jordan-Ära Chicago Bulls (mit Kukoc und Ron Harper als Franchise Spielern) startete jemals schlechter in seine Titelverteidigungsmission als die 1-4 Mavericks. Spieler wirken unaustrainiert und müde. Acht Profis spielen seit mehr als 10 Jahren in der NBA. Vorne läuft also alles exklusiv über Jumpshots (78% aller Wurfversuche), die aber nicht fallen wollen (nur 42% Trefferquote, Platz 22). Dallas gehört bei der offensiven und defensiven Effizienz zu den zehn miesesten Teams der Liga. In der Zone fehlt Chandler an allen Ecken und Enden. Lamar Odom ist immer noch in Los Angeles. Dirk ist auf sich allein gestellt. Vince Carter? Kein Kommentar. Und Siege gegen Toronto und Phoenix können nicht darüber hinweg täuschen, dass die Mavs in dieser Form einem weiteren Erstrundenexit entgegen blicken.

Lamar Odom: wer ist dieser Typ? Bisher hielt ich Lamar Odom für einen der vielseitigsten Spieler der gesamten Liga. 2,08m gross, beweglich, ballsicher, mit einem Auge, wie es sich viele Spielmacher heute nur wünschen. Der ideale Ergänzungsspieler für jedes Championship-Team. Bester 6. Mann der Liga, aber skillsmässig absolut auf Starter-Niveau. Schade nur, dass Odom ganz offensichtlich ein Pflänzchen ist. Wer nach 12 Jahren Profisein nicht begriffen hat, dass in den Chefetagen 'Business Never Personal' die oberste Maxime ist, während des Trainingscamps dem Team fern bleibt, mit dem er 2 Titel gewonnen und seine grössten sportlichen Erfolge gefeiert hat, damit indirekt einen Trade für abgestandene Luft einfordert und bei seinem neuen Arbeitgeber zu keinem Zeitpunkt mental auf der Höhe ist, der hat echte Allüren. Ich hatte Odom immer für das Gegenteil gehalten, aber die Heirat mit einer Kardashian hat auch aus ihm offensichtlich eine Drama-Queen gemacht. Ob sich Dallas angesichts von jämmerlichen 6.7 Pts und 4.3 Reb bei 26% aus dem Feld und einem der miesesten PERs der Liga (1.84) die abgegebene Trade Exception zurück wünscht?

Jason Richardson: Man sagt, der körperliche Verfall kommt schneller, wenn man jenseits der 30 ist. Auf manche trifft die Binsenweisheit zu, auf andere gar nicht. Richardson ist "manche", nicht "andere". Den Saisonstart des Magic-Starters als miserabel zu bezeichnen, wäre unfair, dem Wort miserabel gegenüber. Bei gerade mal 8.7 PPG und Trefferquoten jenseits von gut und böse (36% aus dem Feld, 22% Dreier, 57% von der Linie) wird schnell klar, dass J-Rich mehr und mehr nur noch ein Schatten seines alten Selbst ist. Die Stats werden sicherlich etwas steigen - so mies ist der Mann keineswegs (Karriere 17.9 PPG, 44% FG). Aber seine Explosivität scheint verschwunden. Alles wirkt gehemmt, wenn man ihn auf dem Platz sieht. Sein Spiel lebte stets von einer Mischung aus sicherem Distanzwurf und Slasher-Qualitäten. Zum Korb zieht J-Rich kaum noch, und wenn der Wurf nicht fällt, ist er auf dem Court nicht zu gebrauchen. Nicht die Art zweite Option, die man sich in Orlando gewünscht hat, um Dwight Howard zum Bleiben zu motivieren.

Sacramento Kings: die hatte ich schon vor der Entlassung von Coach Paul Westphal auf der Liste. Zwei blutjunge Franchise-Spieler (Cousins und Evans), die weder spielerisch, noch mental gefestigt genug sind, um die Verantwortung schultern zu können. Ein Konglomerat an ähnlichen Spielertypen, balldominierenden Flügeln und untersetzten Big Men. Ein halblibanesisches Besitzerduo, dass vergeblich versuchte, im Stadtsenat einen Gesetzesbeschluss zur Erhöhung von Steuergeldern zu verabschieden, um eine neue Arena durch die Bewohner von Sacramento finanzieren zu lassen - also selbst keinen müden Cent dafür ausgeben zu müssen (und dann damit drohte, nach Las Vegas oder Anaheim umzuziehen, falls das Gesetz abgelehnt würde). Die Standortfrage ist immer noch nicht geklärt, was hinter den Kulissen für reichlich Chaos sorgt. Der alte Coach wurde nach internen Dauerfehden mit den Spielern gefeuert. Der neue Coach Keith Smart wird alle Hände voll zu tun haben, um diese Ansammlung von Chaoselementen auf dem Court zu einem harmonischen Ganzen zu ordnen. Man sollte keine grosse Verbesserung der mageren 29% Siegquote erwarten. Playoffs? Vielleicht ja dann irgendwann, in Anaheim...

Mark Jackson/Golden State Warriors: Mark Jackson, der Neu-Coach, manövriert sich überraschend schnell auf das selbe Unerträglichkeits-Level wie Mark Jackson, der TV-Kommentator. "Hand down, man down" wird in der Warriors-Umkleide wohl zu häufig gepredigt. Von dem angekündigten Defensiv-Monster Golden State war bisher jedenfalls nicht viel zu sehen. Die Dubs fingen es sich vier mal in sechs Partien dreistellig ein. Die 2-4 Bilanz ist ebensowenig berauschend wie Jackson's planlose Wechselspielchen. Ich versteh' ja, dass die Vorbereitung kurz war, und man als neuer Coach ein paar Dinge ausprobieren muss. Aber die Rotation von Spiel zu Spiel komplett durchzuschütteln, kann nicht Sinn der Sache sein. Das ist schlechtes Coaching. Den Vogel schiessen die Warriors und Jackson aber in der Personalie Stephen Curry ab: wenn sich mein wichtigster Spieler, der schon in der Vergangenheit mit gravierenden Sprunggelenksverletzungen zu kämpfen hatte, innerhalb von zwei Wochen zwei weitere Verletzungen am gleichen Fuss zuzieht, dann tue ich alles nur Erdenkliche, um meine Investition langfristig zu schützen - und schicke ihn auf gar keinen Fall einen Tag später weitere 30 Minuten auf's Parkett, um ihm dabei zuzusehen, wie er wieder umknickt. "Mama, there goes that man!"

Russell Westbrook: wir können alle nur mutmaßen, was mit Russell Westbrook nicht stimmt. Ich denke, er will weiterhin im Alleingang versuchen, die ganze Welt von seinen Superstar-Qualitäten zu überzeugen. Und ist dabei keiner. Kaum ein Spieler dominiert den Ball so sehr wie der junge Thunder-PG, keiner ist weniger dafür geeignet. Anstatt seine überragende Schnelligkeit und Athletik punktuell einzusetzen, will Westbrick bei jedem zweiten Angriff mit dem Kopf durch die Wand. Die primäre Aufgabe eines Spielmachers - das Spiel seines Teams zu machen - hat Westbrook immer noch nicht verstanden. Und wird es wohl auch nie. Seine Turnover-Rate (5.0) ist in den Himmel geschossen. Seine Trefferquote (39%) ist so schlecht wie noch nie. Und sein Assist-Wert (5.3) ist eines Point Guards nicht würdig. Über das Verhältnis zu Kevin Durant kann ich aus der Ferne nichts sagen. Aber eines kann ich mit Gewissheit bestätigen: solange die tickende Zeitbombe Russell Westbrook die Zügel des Thunder-Spiels in seinen zappeligen Händen hält, steht der Championship-Traum in Oklahoma City auf ganz wackeligen Beinen. Und wird wohl ewig nur ein Traum bleiben.

NBA Basketball: der Basketball, in den ich mich seinerzeit verguckt hatte, war hart, intensiv, mit gnadenloser Defensive und offensivem Spielfluss. Die Liga hielt sich lieber vornehm zurück, anstatt bei jeder Gelegenheit den harten PR-Hammer zu schwingen. Der Sport stand - bei allem Theater nebenbei - immer im Mittelpunkt. Der Basketball, der uns bisher präsentiert wird, ist qualitativ auf dem niedrigstem Stand seit der Steinzeit. Die Plays sind unausgereift, Spieler wissen nicht, wo sie stehen müssen, und die Quoten sind mieser als Horror-Streifen nachts auf Kabel 1. Die Defensive erinnert viel zu oft an spanischen Stierkampf. Die Refs können zwischen Offensivfoul und Schrittfehler nicht unterscheiden, auch weil sie keine Ahnung haben, was eigentlich was ist. Und weil man jedes Elend wie selbstverständlich gewinnbringend vermarkten muss, ist der League-Pass Preis höher als je zuvor. Denn weniger Games in mieserer Qualität muss gleich höheres Produktentgelt sein. Wer hat nochmal gesagt, der Lockout hätte keine Folgen?


Honorable Mentions: Memphis Grizzlies, Channing Frye, New Jersey Nets, Enes Kanter, Mike D'Antoni/New York Knicks (eigenes Kapitel kommt als extra Story)