23 Februar 2012



Boston Celtics Point Guard Rajon Rondo wurde gestern als Ersatz für den verletzten Joe Johnson ins Eastern Conference All Star Team nachnominiert. Der 26-Jährige darf somit zum dritten mal in Folge seinen Verein beim jährlichen Showevent repräsentieren. Ein Grossteil der NBA-Diaspora ist empört über die Wahl, die in keiner Relation zu den Geschehnissen der laufenden Saison zu stehen scheint. Ihr Ärger ist gut nachvollziehbar. Hier die 5 wichtigsten Gründe, die gegen Rondo's Berufung sprechen:

Die Celtics sind ein Mittelklasse-Team, das 7 seiner letzten 8 verloren hat. Das ehemalige Schwergewicht liegt mit einer miesen 15-17 Bilanz abgeschlagen auf Platz 8 in der Eastern Conference Tabelle, weit entfernt von den eigenen Championship-Ambitionen. Der Rückstand auf die führenden Bulls und Heat beträgt schon jetzt 10.5 Siege. Allein die grottige Qualität im Osten gewährleistet der Mannschaft von Doc Rivers eine Playoff-Platzierung. Müssten die Kobolde in der linken Conference antreten - wo die Spielqualität und der Schwierigkeitsgrad ungleich höher sind - stünden sie momentan auf Platz 12, hinter Teams wie Utah oder Minnesota. Inwiefern es solch ein Club verdient hat, gleich zwei All-Stars nach Orlando zu schicken, bleibt eines der grossen Mysterien unserer Zeit.

Zumal Josh Smith von den Atlanta Hawks die einzig logische Nachnominierung für Joe Johnson gewesen sein kann. Der Forward, der hier bereits im Vorfeld als klar All-Star würdig klassifiziert wurde, hat sich in diesem Jahr endgültig und für alle sichtbar zum wichtigsten Spieler der Vögel aufgeschwungen. 16 Punkte, 10 Rebounds, 4 Assists, 1.6 Steals und 2.5 Blocks im Schnitt - der Mann macht alles in Atlanta und beeinträchtigt Spiele vorne wie hinten gleichermaßen. Die Hawks sind auch nach dem Ausfall von All-Star Al Horford zumindest relevant geblieben und haben zur Halbzeit 4 Siege mehr als Boston auf dem Konto. Dennoch dürfen die Kobolde gleich zwei Spieler zum ASG abbestellen. Atlanta: null. (Und bevor jetzt wieder die Positions-Argumente bemüht werden: Pierce ist SG/SF, könnte also locker auf Johnson's Zwei ausweichen).

Rondo hat bereits 10 Partien wegen Verletzung oder - schlimmer noch - Spielsperren verpasst. Macht also nach Adam Riese fast ein Drittel der bisherigen Saison. Und zu behaupten, er wäre Boston's wichtigster Akteur und massgeblich am bisherigen - zugegeben mässigen - Erfolg beteiligt, wäre vermessen. Als die Celtics Ende Januar auf ihn verzichten mussten, gewannen sie 6 von 8 Partien, ihre beste und einzige echte Winning Streak in '11/12. Mit Rondo, dem angeblichen All-Star Guard, dem "Dominator" auf der Eins, wie ihn vor allem in Deutschland viele fälschlicherweise sehen, kommt Boston's Erfolgsquote noch schlechter daher, als sie ohnehin schon ist: 9 Siege, 13 Niederlagen. Also .409 in der Prozentkolumne. Das ist Milwaukee Bucks Niveau.

Der Celtics Guard legt keine überragenden Statistiken auf. Oberflächlich gesehen lesen sich 14.8 Punkte, 4.9 Rebounds, 9.5 Assists und 1.6 Steals natürlich recht ansehnlich. Die Vorlagen kommen wie gewohnt in Massen. Aber mit dem wohl besten Celtics-Scorer aller Zeiten auf dem einen Flügel und dem besten Dreipunkte-Werfer in der Geschichte des Spiels auf dem anderen würde selbst Earl Watson 10 Assists pro Abend einfahren. Ein für mich viel wichtigerer Indikator für Spielmacher-Effizienz ist die Assists/Turnover Quote. Und da liegt Rondo mit "nur" 2.56 auf Platz 15, hinter Leuten wie Jarrett Jack und Ramon Sessions. Überhaupt springen mir beim Durchforsten der Gamelogs aus dieser Saison nur 5 wirklich gute Rondo-Spiele ins Auge: die beiden Triple Doubles gegen Washington und Chicago, die beiden Spiele ganz zu Beginn gegen New York und Miami, und der 35-Punkte Ausbruch im TD Garden gegen Detroit. Checkt die Logs, überzeugt euch selbst!

Rondo zeigt in seinem jetzt 6. NBA-Jahr immer noch kein echtes Wachstum in seinem Game. Ja, er nimmt mehr Würfe als je zuvor (11.9 pro Partie), was mehr dem rapiden Leistungsabfall der anderen Celtics verschuldet ist. Aber seine Quote ist die drittschlechteste seiner bisherigen Karriere. Die Freiwurfquote (62%) ist nach wie vor unterirdisch, vor allem für einen Point Guard. Er leistet sich mehr Ballverluste und klaut hinten weniger Bälle als je zuvor. Und selbst die Vorlagen liegen unter dem Niveau der letzten zwei Jahre. Sein Wurf ist immer noch fragwürdig. Einfach die Zone zu kleistern und ihn werfen lassen ist - erschreckenderweise - immer noch eine erfolgreiche Taktik, auf die er sich nie einzustellen gelernt hat. Insgesamt wirkt der 1,85m Guard mitnichten wie der designierte Franchise-Spieler, für den ihn einige ausmachen, was Gerüchte über einen möglichen Trade in den kommenden Wochen/Monaten nährt. Ich war schon immer der Ansicht, dass Rondo mehr von den drei Hall of Famern um ihn herum profitiert hat, als anders herum. Die Tatsache, dass die grossen Drei zusammen 105 Jahre auf ihren müden Beinen mit sich herum schleppen, Rondo es aber nicht schafft, sein Spiel auf ein neues Level zu hieven, ist unter anderem für Boston's Misere mit verantwortlich. Ach ja: und dass der junge Celtic den Anforderungen und der Verantwortung eines Franchise-Spielers nicht gewachsen ist, dürfte spätestens die feige Ballwurf-Aktion letzte Woche zementiert haben. Egal, wie mies es gerade läuft: so lässt man seine Mannschaft nicht im Stich.


Alles in allem liest sich das sicherlich schlimmer, als es im Endeffekt ist. Rondo bleibt trotz seiner Schwachstellen natürlich einer der zehn besten Einser in der NBA. Ihn aber in diesem Jahr ins All-Star Team zu berufen, ist nicht in Ordnung. Zumal andere Spieler bessere Statistiken aufweisen und sich um den Erfolg ihrer Teams verdienter gemacht haben. Und bitte hört mir endlich mit den "Rondo, bester Point Guard der Liga" Kalauern auf. Nicht mehr in diesem Leben...