05 Februar 2012


Die zehn Starter für das diesjährige All-Star Game in Orlando/Florida stehen seit einigen Tagen offiziell fest. Die sieben Reservespieler pro Conference werden am kommenden Donnerstag bekannt gegeben. Die konstante Zurückweisung einiger wohlverdienter Profis durch die National Basketball Association hat ja vor dem Showevent im Februar schon Tradition. Auch 2012 wird der ein oder andere Spieler zugunsten eines verbrauchten, alternden ex-Stars zu Hause bleiben müssen (...oh, hi, Tim Duncan).

Ohne politisch korrekte Formulierungen, Marketing-Schwachsinn oder weiteres Federlesen also hier an dieser Stelle die 14 Reservespieler, die ihre Conference in Orlando wirklich repräsentieren sollten: All-Star Backups, NBCHF Edition. Jeweils drei Big Men, drei Guards und eine positionsunabhängige Nominierung pro Küste.



EASTERN CONFERENCE

Deron Williams (New Jersey Nets): 20.2 PPG, 8.2 APG

Nach durchwachsenem Saisonstart hat sich D-Will wieder in All-Star Form gespielt und sich einmal mehr als Elite Point Guard etabliert. Obwohl von gegnerischen Defensiven routinemässig gedoppelt und mit einer der schlechtesten Statisten-Lineups der Liga ausgestattet, legt der 27-jährige regelmässig seine patentierten 20/10 Double-Doubles auf's Parkett und hält die notorisch schwachen Nets so im Alleingang in der Nähe der Eastern Conference Playoff-Plätze.

Joe Johnson (Atlanta Hawks): 18.6 PPG, 4.0 RPG

So in etwa hatten sich die Hawks das vorgestellt, als sie Double-J den 120 Millionen Monstervertrag in den Rachen warfen: der All-Star schulterte nach dem Ausfall des verletzten Al Horford die extra Verantwortung in Atlanta und führte sein Team zu 9 Siegen aus den letzten 14 Partien. Nicht nur offensiv hat der Guard-Forward ein paar Gänge zugelegt. Vor allem in der Defensive ist Johnson eine echte Mauer geworden und zu einem der besten Perimeter-Verteidiger der Liga avanciert, an dem sich seine Gegner Abend für Abend die Zähne ausbeissen.

Paul Pierce (Boston Celtics): 18.5 PPG, 5.5 RPG, 5.5 APG

Die Zeiten, in denen Boston die halbe Mannschaft zum ASG schickte, gehören der Vergangenheit an. Paul Pierce hebt sich von den restlichen Celtics in dieser Saison aber dadurch ab, dass er gesund (sorry, Rondo) und effektiv geblieben ist. 'The Truth' macht bisher alles für die Kobolde: er punktet (10 Spiele mit 20+ Pts), er reboundet (12 Partien mit 5+ Reb) und gibt den Playmaker (schon 14 Partien mit mindestens 5 Ast). Man muss kein Astrophysiker sein, um den Impact des ehemaligen Finals-MVP zu kalkulieren. Ohne Pierce wäre Boston (13-10) von einem Playoff-Platz meilenweit entfernt.

Chris Bosh (Miami Heat): 20 PPG, 7.7 RPG, 52% FG

Obwohl 'Sidekick Bosh' meist nur die schwachen Reststrahlen des hellen Rampenlichtes in Miami abbekommt, gehört das fünfte Rad am Heat-Karnevalswagen nach wie vor zu den besten Big Men der Eastern Conference. Während Wade's verletzungsbedingtem Ausfall war es Bosh, der sein Spiel auf eine neue Stufe hievte und Miami mit einem 8-1 Zwischenspurt auf Platz 1 in der Southwest Division führte.

Brandon Jennings (Milwaukee Bucks): 19.9 PPG, 5.4 APG

Hört, hört...Brandon Jennings. Was, Jennings? In der Tat. Der 22-jährige, der in der Vergangenheit meist durch seine Unbeständigkeit und Fehleranfälligkeit glänzte, hat sich in seiner jetzt dritten Profisaison zum uneingeschränkten Anführer der Milwaukee Bucks gemausert. Sein Spiel wirkt reifer, effizienter. Er hat die schlechten Würfe abgestellt (43% FG) und sein Scoring-Schnitt um fast 4 PPG gesteigert. Nur drei PGs ligaweit (Rose, D-Will, Westbrook) erzielen mehr Punkte als Jennings, der die aufstrebenden Bucks auf einen Playoff-Platz geschossen hat.

Josh Smith (Atlanta Hawks): 15 PPG, 9 RPG, 2.1 BLK

Wer sich in der Blog-Bäckerei ein wenig auskennt, weiss Bescheid über Smoove's skandalöse Behandlung seitens der Liga und seine chronische ASG Nichtbeachtung zugunsten mittelmässigerer Spieler. Eigentlich ein Witz, denn Smith ist seit Jahren das Rückgrat, das die Falken stabilisiert. Seine All-Around Qualitäten als 'glue guy' und bester Verteidiger im Team sind massgeblich an Atlanta's Erfolgen beteiligt. Dass die NBA es auch in diesem Jahr wieder schaffen wird, den zweitbesten Frontcourt-Verteidiger nach Dwight Howard aussen vor zu lassen, spricht Bände über die mentale Beschaffenheit der Liga.

Andre Iguodala (Philadelphia 76ers): 12.8 PPG, 6.8 RPG, 5.2 APG, 1.8 STL

Eigentlich wollte ich keinen Sixer nominieren - zu ausgeglichen und tief besetzt scheint das Team, welches den momentanen Erfolg (Platz 3 in der EC) möglich macht. Ein Blick auf die Alternativen (Granger/Hibbert) bestärkte mich letztendlich doch in dem Entschluss, 'Iggy Hop' zu seinem 1. All-Star Spiel überhaupt zu schicken. Der Grund: Iguodala ist der Klebstoff, der die 76ers zusammen hält. Der vielseitige Forward macht vorne und hinten von allem etwas, und davon meist mehr als die anderen. Und er ist der heimliche Anführer einer jungen Truppe, die zu den grössten Überraschungen der Saison zählt - und die durch Iguodala's Nominierung so honoriert werden soll.

Abfuhr: Rajon Rondo, Roy Hibbert, Amare Stoudemire, Ryan Anderson, Kyrie Irving, Lou Williams, Ray Allen, Danny Granger



WESTERN CONFERENCE

Kevin Love (Minnesota Timberwolves): 25 PPG, 13.7 RPG

Love, die lebende Double-Double Maschine (22 in 24 Partien) aus Los Angeles, gehört zu der Sorte Spieler, deren Nominierung die Gemüter spaltet. Die einen bezeichnen ihn als besten Power Forward der Liga und würden sein Old School Game liebend gerne in der ASG-Startformation bewundern. Andere wiederum sind der Ansicht, dass er zwar spektakulärere Spieler gibt, aber kaum einen härteren Arbeiter auf dem Parkett, und Love dementsprechend als Reservist für die nächsten 6 bis 7 Jahre gebucht sein muss. Dass Love (2. im Rebounding, 4. im Scoring) einer der 24 besten NBA-Spieler ist, darin sind sich aber alle einig.

Lamarcus Aldridge (Portland Trail Blazers): 23.1 PPG, 8.8 RPG, 52% FG

Portland stürmte mit 7-2 Siegen in die neue Saison. Obwohl die restlichen Trail Blazers mittlerweile wieder zur Erde zurück gekehrt sind, gleitet LMA immer noch durch den All-Star Orbit und hat sich seine erste Nominierung redlich verdient. Nicht nur, weil er die Lücke nach dem Abtreten von Franchise-Anker Brandon Roy nahtlos geschlossen hat. Sondern vor allem, weil er trotz extrem hohem Nutzerwert zu den effizientesten Spielern der Liga gehört (23 Punkte pro Spiel bei 52% aus dem Feld) und die Blazers mitten im Verfolgerpulk der Western Conference positioniert hat.

Marc Gasol (Memphis Grizzlies): 15 PPG, 10.5 RPG, 2.3 BLK

Angesichts der alles andere als dominanten Los Angeles Lakers kann man es nicht verantworten, drei Laker-Boys nach Orlando zu schicken. Und weil die beiden Gasols nach Bynum die mit Abstand besten Center der Conference sind, gibt es nur eine logische Schlussfolgerung: der jüngere Marc bekommt zum ersten Mal das Privileg, seine Mannschaft beim jährlichen Schaulaufen repräsentieren zu dürfen. Der 27-jährige Spanier validiert seinen heftigen Free Agent Vertrag mit einem Double-Double im Schnitt und starker Zonenpräsenz (2.3 Blocks pro Spiel). Auch ohne den immer noch verletzten Zach Randolph hängen die Grizzlies dank Marc im Zentrum bei .500 herum und flirten mit den Playoffs.

Paul Millsap (Utah Jazz): 16.8 PPG, 9.5 RPG, 53% FG

Die Entscheidung zwischen Paul Millsap und Al Jefferson fiel nicht sonderlich schwer. Millsap, der im Sommer ordentlich abspeckte, meldete sich in Topform im Jazz-Trainingscamp zurück und etablierte sich von Anbeginn der Saison als mächtigstes Instrument in Utah's Big Band. Der 26-jährige besticht bisher durch die effizienteste Profisaison seiner Karriere, räumt mit knapp 10 Rebounds pro Spiel gehörig am Brett auf (schon 9 Double-Doubles in 22 Partien) und ist zum go to guy beim überraschend starken Jazz avanciert. Obwohl Millsap sich diesen Platz also redlich verdient hat, wird die NBA ihm den wohl zugunsten eines bisher enttäuschenden Veteranen wie Nowitzki oder Duncan vorenthalten.

Russell Westbrook (Oklahoma City Thunder): 21.7 PPG, 5.7 APG

Ja, er wirft zu viel. Er hat keine Ahnung, wie man ein Basketball-Team effektiv lenkt. Er will lieber mit dem Kopf durch die Wand, als um die Wand herum. Und seine Turnover-Rate ist absurd hoch, insbesondere für einen Point Guard. Aber der Thunder wäre ohne Westbrook nicht da, wo er jetzt steht - an der Spitze der Western Conference. Die beste Bilanz der Liga (18-5) und phasenweise dominanter Ball verdeutlichen, dass OKC dank des subtil-effizienten Spiels von Kevin Durant und James Harden in den nächsten Jahren um Titel mistpielen wird. Das ganz laute Donner-Grollen einer Championship wird aber nur ein reifer Westbrook auslösen können.

Steve Nash (Phoenix Suns): 14.5 PPG, 10.0 APG, 55% FG

In einem Alter, in dem sich andere Menschen so langsam über Gehhilfen und Gelenkprotesen informieren lassen, liefert der unsterbliche Steve Nash in Phoenix immer noch All-Star Statistiken ab - und das, obwohl der Kader der Suns zu den talentfreiesten der gesamten Liga zählt. Dass man mit 38 Jahren gegen eine Reihe grösserer, stärkerer, schnellerer Point Guards immer noch ein Double Double pro Abend auflegt, weit mehr als die Hälfte seiner Würfe trifft und die Liga bei den Assists anführt, beweist zweierlei: erstens, dass Steve Nash kein Mensch ist. Und zweitens, dass man diesen Playmaker-Roboter wohl auf Lebenszeit beim jährlichen All-Star Event antreffen wird. Völlig zurecht!

Tony Parker (San Antonio Spurs): 18.1 PPG, 7.7 APG

Den kleinen Franzosen habe ich nominiert, weil San Antonio es auch ohne den verletzten Manu Ginobili und den immer älter werdenden Tim Duncan irgendwie geschafft hat, in der Southwest Division auf Platz 1 zu überwintern. Neben der bemerkenswerten Kadertiefe und Greg Popovich's Coaching-Tricks ist der bisherige Erfolg vor allem Parker's Verdienst. Der 29-jährige war - bis auf wenige Ausnahmen - immer Topscorer oder bester Assistgeber seines Teams. Das schnelle Spurs-Spiel läuft meist über ihn, und irgend jemand muss das drittbeste West-Team beim jährlichen Schaulaufen repräsentieren. Parker macht eindeutig am meisten Sinn.

Abfuhr: Kyle Lowry, Danilo Gallinari, Pau Gasol, Dirk Nowitzki, Tim Duncan, Rudy Gay, James Harden, Ricky Rubio



Nachtrag: das sind meine ganz persönlichen All-Star Picks für 2012. Wie jedes Jahr liegt mein Fokus auf einer Mischung aus individuellen Leistungen, Stats, tonnenweise Videomaterial und quantifizierbarem Teamerfolg - Spieler der Wizards und Bobcats haben also überhaupt keine Chance. Bei manchen Teams, die vor allem durch ihre Ausgeglichenheit und Tiefe glänzen (Philadelphia, Indiana, Denver, San Antonio) war es möglich, einen bestimmten Spieler zu isolieren (Parker, Iguodala) und so das Team zu honorieren. Bei anderen Mannschaften war das nicht möglich (z.B Granger/Hibbert), ohne gleich beide mitnehmen zu müssen. Es können nur 7 Backups pro Conference nominiert werden - da bleiben automatisch welche auf der Strecke, die einen Trip nach Orlando verdient hätten. Meine Picks habe ich - vor allem gegenüber anderen Kandidaten aus der gleichen Conference - versucht zu rechtfertigen, entweder statistisch oder mit Blick auf die jeweilige Teamsituation. Wer z.B. Kyle Lowry vor Tony Parker im Westen sieht, hat sicherlich ein paar valide Argumente - vernachlässigt dann aber den Teamerfolg der Spurs. Letzten Endes sollte eine All-Star Nominierung immer den Status Quo wiederspiegeln. Darum fehlen verletzte Spieler wie Rajon Rondo ebenso wie der bisher absolut enttäuschende Dirk Nowitzki - ganz gleich, ob es sich dabei um den amtierenden Finals-MVP handelt. Durchaus klar, dass die National Basketball Association trotz des Katastrophen-Starts einen Weg finden wird, den Deutschen dennoch einzuberufen - und damit wieder einmal einem jüngeren, verdienteren Spieler den Weg verbaut. Bevor ihr aber fragt: einen Platz im diesjährigen Kader hat Nowitzki (17.2 PPG, 6 RPG, 45% FG) angesichts seiner schwächsten Leistungen seit seiner Rookie-Saison im letzten Jahrtausend nicht verdient. Ihr dürft mich natürlich gerne vom Gegenteil überzeugen. Kommentiert drauf los...