13 Februar 2012



JR Smith steht unmittelbar vor seiner Rückkehr in die NBA. Der Shooting Guard, der vergangenen Herbst in einer Nacht und Nebel Aktion nach China gewechselt war, nur um sich dort in einer Wechselsperren-Bredouille wiederzufinden (eine geniale Idee von Smith, wie so viele zuvor), wird am kommenden Mittwoch in die USA zurück kehren, wo er dann als 'Unrestricted Free Agent' mit jeder Mannschaft frei verhandeln darf. Sein aktuelles Team, die Zhejiang Golden Bulls, verpasste den Sprung in die chinesischen Playoffs und muss den Vertrag des 26-Jährigen terminieren.

Smith spielte seine Gegner im Land der Mitte reihenweise an die Wand. Er erzielte 35 Punkte, 7 Rebounds und 4 Assists im Schnitt bei über 50% aus dem Feld. Der Qualitätsunterschied war einfach zu gross. Sein im Vorfeld erklärtes Ziel, in jeder Partie ein Triple Double aufzulegen, verpasste er zwar. Dafür geriet er schon mal mit Mannschaftskollegen, Trainern und den gegnerischen Fans aneinander. Überhaupt war seine Zeit in China von Heimweh und vielen Eskapaden geprägt - ganz so, wie man es von Smith mittlerweile gewohnt ist. Diese kurze, intensive Episode in seiner Karriere zeigte mal wieder, was Coaches und Entscheidungsträger in der NBA schon seit 7 Jahren das Gehirn zermartert: der explosive 1,98m Mann ist unfassbar talentiert, aber auch unfassbar einfältig und eigenwillig. Kontakt auf eigene Gefahr!

Das wird die unzähligen NBA-Teams, die noch Platz im Kader und unter dem Salary Cap haben, natürlich nicht daran hindern, in der kommenden Woche alles für eine Verpflichtung des begnadeten Scorers zu tun. Immerhin bringt es Smith in seiner Profikarriere auf knapp 13 Punkte im Schnitt. In den letzten drei Jahren scorte er acht mal 30 Punkte oder mehr, davon vier mal mindestens 40 (darunter ein 45 Punkte Edelstein inklusive 11 Dreier). Instant Offense Kaffee. Ein echter Shooter, mit weniger Gewissen als Erinnerungsvermögen und Gehirnzellen ausgestattet. So eine Bank-Mikrowelle kann Spiele, ja sogar Playoff-Serien entscheiden.

Insgesamt drei Teams haben sich aus dem Pulk an Interessenten heraus kristallisiert. Da sind zunächst die Los Angeles Lakers. Ein ehemaliges Schwergewicht, das mehr und mehr wie ein Mittelkasse-Team daher kommt, vor allem weil der Talentabfall hinter Kobe Bryant, Pau Gasol und Andrew Bynum gewaltig ist. Die Ersatzbank der Lakers gehört zum miesesten, was die NBA in den letzten Jahren zu bieten hatte und verspielt routinemässig hohe Führungen. Ein Scorer wie Smith käme dem Rekordchampion also gelegen. Die Rolle wäre für ihn prädestiniert, er hätte als klare erste Option von der Bank grünes Licht zu ballern, was das Zeug hält - so eine Arbeitsumschreibung stösst bei Smith natürlich auf offenes Gehör. Allerdings steht den Lakers nur noch das Veteran's Minimum (ca. 1 Mio. $) zur Verfügung.

Das Veteranen-Minimum ist auch für den Stadtrivalen Los Angeles Clippers das maximal Machbare, finanziell gesehen. Dafür klafft bei den Clippers nach dem Saison-Aus des etatmässigen Starters Chauncey Billups ein grosses Loch auf der Shooting Guard Position. Randy Foye scheint nicht die Lösung zu sein, die man in LA langfristig anstrebt. Smith wäre als Starter ein klares Upgrade gegenüber Foye, weil er athletischer, ein besserer Schütze und ein besserer Scorer ist. Weitere Vorteile: Smith hat bereits mit Chauncey Billups und Kenyon Martin in Denver zusammen gespielt, sowie mit Chris Paul in New Orleans. Alle drei sind aktiv an der Rekrutierung des Enigmas beteiligt - für manche Beobachter ein Hauptgrund, die Clippers als neue NBA-Heimat von Smith zu favorisieren.

Ein Aspekt, den man aber bei JR nie aussen vor lassen darf, ist der monetäre. Der geht einher mit dem 'Bling', also dem Glanz-Effekt. Und genau da kommen die New York Knicks ins Spiel. Sie können - als einziges der interessierten Teams - die Mini-Midlevel Exception aufbieten und Smith damit knapp 2.5 Millionen in dieser Saison auf's Konto überweisen (immerhin knapp das Dreifache, weil das Veteranen-Minimum seit Dezember graduell abnimmt, die MMLE aber erst nach dem 10. Februar partitioniert wird). Auch sportlich scheint die Aufgabe in New York sehr attraktiv. Die Knickerbockers reiten momentan die gigantische Jeremy Lin Erfolgs-Monsterwelle und scheinen das deprimierende Tal der Tränen endgültig verlassen zu haben. Ein Shooter wie Smith (1.8 Dreier im Schnitt) ist für ein Mike D'Antoni System wie geschaffen und fügt einem plötzlich gefährlichen Knicks-System eine weitere unberechenbare Dimension hinzu. Eines ist sicher: es gäbe kaum einen Wurf, der kein guter Wurf wäre. Schon verlockend für einen Gunner seines Kalibers! Amare Stoudemire kehrt diese Woche zurück, Carmelo Anthony gegen Ende des Monats. Man kann sich bereits ausmalen, wie verheerend eine eingespielte Lin-Smith-Anthony-Stoudemire-Chandler Lineup für den Rest der Eastern Conference wohl wäre. Diese sportliche Aussicht, gepaart mit Smith's Herkunft (in New Jersey geboren und aufgewachsen) und dem finanziellen Mehrgewinn in der famosesten Stadt der Welt macht die Knicks zum absoluten Spitzenkandidaten. "Ja, er ist einer dieser besonderen Spieler", sagt seine ehemaliger Teamkollege Carmelo Anthony über ihn. "Wenn es passiert, dann passiert es. Ich würde mich freuen!"