20 Februar 2012



Steve Nash ist im Reinen. Mit sich. Seinem Leben in Arizona, wo seine Kinder zur Schule gehen. Und mit seiner Rolle bei den mittelmässigen Phoenix Suns, die aller Voraussicht nach die Playoffs verpassen werden in dieser Saison. Das Team aus dem Wüstenstaat hat bisher nur 12 seiner 31 Spiele gewonnen und hinkt im Rennen um die besten acht Western Conference Plätze schon jetzt fünf Siege hinterher. Man muss nicht Malachias sein, um zu erkennen, dass die Saison der Suns am 25. April beendet sein wird. Ob der 38-jährige Point Guard dann noch im Kader steht, ist eines der am kontroversesten diskutierten Themen weit und breit.

Nash ist im letzten Jahr seiner 2009 unterzeichneten Vertragsverlängerung. Es ist unüblich, dass ein kleiner Guard im fortgeschrittenen Alter solches Interesse generiert. Denn seien wir mal ehrlich: Opas werden für gewöhnlich nicht mit Meisterschaftspuzzles und Blockbuster-Trades in Verbindung gebracht. Aber genau hier kommt der Nash-Faktor ins Spiel. Dieses Basketball-Alien, aufgewachsen wohl irgendwo in der Nähe eines kanadischen Kernkraft-Reaktors, ist einer der fittesten Spieler der NBA-Geschichte. Seine Workouts und die Art und Weise, wie er seinen Körper zu einer hocheffizienten Spielmacher-Maschine getrimmt hat, geniessen mittlerweile Legenden-Status. Es ist einfach nicht normal, die Liga in einer 16. Profisaison immer noch bei den Assists anzuführen (10.9) und dabei die zweibeste Offensivoption eines Teams zu sein.

Noch aussergewöhnlicher ist Nash's Treffsicherheit. Mit 55% aus dem Feld belegt er ligaweit Platz 6 - der einzige Guard unter den Top 14. Zum Vergleich: kein Guard seit John Stockton 1986/87 hat je besser getroffen. Nash's Assist-Rate (Anteil an allen Pässen, die zum direkten Korberfolg führen, während er auf dem Platz steht) liegt bei astronomischen 58%, mit grossem Abstand vor den nächsten Point Guards im Feld. Auch das wäre - sollte der Kanadier seine Rate bis zum Saisonende halten - der höchste Wert aller Zeiten. Worauf ich also hinaus will: ungeachtet der besonderen Aufmerksamkeit, die der Situation des zweimaligen MVP's entgegen gebracht wird, spielt der unter dem Radar eine ganz und gar historische Saison. Eine für die Rekordbücher. Nur geht das alles angesichts des miserablen Teams um ihn herum völlig unter. Getreu dem Motto: wenn irgendwo ein Baum umfällt, und keiner hört's, macht er dann Lärm?

Die Suns sind grottenschlecht. Die aktuelle Edition hat mit der Mannschaft, die vor weniger als zwei Jahren noch das Conference Finale erreichte, überhaupt nichts mehr gemeinsam. Trotz Nash's Brillanz hat Phoenix so ziemlich alle Qualitäten seiner ehemals überragenden Offensive verloren und belegt dort nur noch Platz 20. Die Defensive ist noch schlechter (Platz 24) und lässt im Schnitt weit über 100 Gegenpunkte pro Abend zu. Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte: ohne den Hall of Famer hätten die Wüstensonnen in etwa genauso viele Siege auf dem Konto wie die Charlotte Bobcats. Was eindrucksvoll beweist, dass Phoenix an einer entscheidenden Wegkreuzung angekommen ist. Weiter geradeaus in Richtung Niemandsland, oder vielleicht doch mal abbiegen und irgendwo ankommen?

Der Rebuild hätte schon längst eingeleitet werden müssen, aber solange Nash die Zügel fest in der Hand hält, wird das Pferd weiter reiten wie bisher. Das Hauptproblem liegt bei Teambesitzer Robert Sarver und General Manager Lance Blanks. Die haben keinen blassen Schimmer, wie es eigentlich weiter gehen soll. Der knausrige Sarver, vom spielerischen Erfolg der Nash-Ära verblendet, hatte auch nach dem erfolgreichen Playoff-Run 2010 das Gefühl, das Erreichte irgendwie duplizieren zu können. Dass so etwas mit billigen Neueinkäufen wie Shannon Brown oder Sebastian Telfair nicht gelingen kann, stellt er wohl erst jetzt fest. "Wir sind kein talentierter Haufen", machte Nash in seinem gewohnt diplomatischen Ton erst kürzlich klar.

Ein ebenso grosses Problem scheint aber auch Nash's Persönlichkeit zu sein - seine Uneigennützigkeit und seine unendliche Loyalität stehen ihm hier wohl selbst im Weg. "Ich finde, ich schulde es meinen Teamkollegen und den Fans, hier zu bleiben. Ich will für sie kämpfen und alles geben. Es ist nicht meine Art, beim Management einen Trade einzufordern." Verdammt, Steve, du altruistischer, integerer, herzensguter Mistkerl! Solange Nash also nicht von sich aus in der Chefetage vorbei schaut, um sein Abschiedsgesuch einzureichen, werden Sarver, Blanks und co. nicht den Mut aufbringen, ihn zu verscherbeln. Dabei verlieren alle: das Team, die Fans, und nicht zuletzt Steve Nash, der Point Guard, der den Unterschied macht.

Der 8-fache All-Star wird im Sommer Free Agent. Und könnte dann ohne Gegenzug bei einem Contender anheuern. Für kleines Geld bei den Los Angeles Lakers etwa, die einen Floor General wie ihn mit Kusshand aufnehmen würden. Warum ihn also nicht in den nächsten Wochen zu einem Team traden, das dringenden Bedarf auf der Eins hat? Zum Beispiel nach Orlando oder zu den Portland Trail Blazers im Tausch für eins, zwei brauchbare Nachwuchsspieler plus ein paar Draft-Picks, um so den eigenen Wiederaufbau voran zu treiben? Bei aller Sentimentalität, die ein Spieler mit einem Verein verbindet - was in Nash's Fall eindeutig nachvollziehbar ist - so muss eine Franchise doch immer nach vorne blicken. Ist ja nicht so, als hätte es Meisterschaften geregnet, als wäre der kleine Kanadier der letzte Dinosaurier einer Suns-Ära, an die man sich auch in zwei hundert Jahren noch gross erinnern wird. Sein Spiel ist immer noch eine Augenweide. Für obig genannte Mannschaften könnte er den Unterschied ausmachen zwischen einem Erstrunden-Aus und einem Trip ins Conference-Finale. Und wie mein Bruder Mike, ein echter Nash-Experte und Riesen-Fan, mal trefflich formulierte: einen der besten Point Guards aller Zeiten will man auf seine letzten Tage definitiv lieber um Meisterschaften spielen als bei einem NBA-Kellerkind versauern sehen.

"Ich fühle mich grossartig und will noch mindestens ein paar Jährchen spielen", wurde Nash erst letzte Woche zitiert. Also bitte, Phoenix Suns: Erweist Eurem Franchise-Spieler den Respekt, den er sich nach 10 Jahren Schweiss, Blut und Tränen verdient hat. Lasst ihn ziehen und jetzt gewinnen. Gebt ihm die Chance auf den Ring, die ihr zusammen nie hattet. Und helft Euch selbst dabei, Euch für Morgen bestens aufzustellen und selbst wieder ein Winner zu werden. Haltet nicht unnötig an der Vergangenheit fest. Die Zukunft ist jetzt. Free Steve Nash!