29 Februar 2012




Das All-Star Wochenende ist Vergangenheit - die erste Saisonhälfte bereits Geschichte. Fast alle NBA-Teams (mit Ausnahme der Clippers, Jazz, Warriors, Cavs und Bobcats) haben mindestens 33 Spiele absolviert und lassen sich mit hohen Erwartungen auf den zweiten Abschnitt ein (ausser Charlotte, natürlich). Nach einer Wirbelsturm-ähnlichen Halbzeit eins, die in neuem Rekordtempo neue Geschichten und sensationelle Storylines produzierte, hier ein kleiner Ausblick auf den Playoff-Push in den nächsten acht Wochen und einige faszinierende Nebenhandlungen.


Nonstop D12 Tradeszenarien

Jetzt, da die Trade-Deadline nur noch knappe zwei Wochen entfernt ist, sollte man eine rasche Beschleunigung der Gerüchtefrequenz erwarten. Ein Spieler von Dwight Howard's Format taucht nicht jedes Jahr auf dem Markt auf. Die Aufregung ist also verständlich. Je nachdem, wo der beste Center der Liga nach dem 15. März auflaufen wird, könnte er die gesamte NBA-Hierarchie über Nacht auf den Kopf stellen. In New Jersey/Brooklyn würde er an der Seite von Deron Williams einen weiteren Contender auf die Eastern Conference Bühne hieven. In Los Angeles würde er eine weitere Lakers-Dynastie in den nächsten 10 Jahren ermöglichen, auch nach dem Abgang von Kobe Bryant. Und falls er in Orlando bleibt, wird man zwangsweise mit weiteren Upgrades des Magic-Managements rechnen müssen. Oder aber, Dallas knackt im Sommer den Jackpot und angelt sich D12 und Deron Williams. Macht euch auf eine wilde Achterbahnfahrt gefasst - und lasst bis Mitte März den Computer aus, wenn euch die Dwight-Gerüchte schon jetzt zum Hals heraus hängen.


Weitere Teams suchen nach Upgrades

Die Los Angeles Lakers sind seit dem geplatzten Chris Paul Blockbuster-Trade fast wöchentlich in den Schlagzeilen, und immer geht es um die notwendigen Renovierungsarbeiten an einem in der Breite schwach aufgestellten Kader. Point Guard und Small Forward müssten ebenso dringend verbessert werden wie die unproduktivste Ersatzbank der Liga, wenn man im Meisterschaftskampf ein ernstes Wörtchen mitreden will. Die Phoenix Suns werden gut überlegen müssen, wie sie mit ihrem Franchise Spieler Steve Nash verfahren wollen. Genug Interesse an einem Hall of Fame Point Guard, der eine historische Saison spielt und die Liga bei den Assists anführt, ist jedenfalls da. Indiana hat sich im Osten als schärfster Verfolger der Bulls und Heat positioniert. Das tiefe und ausgeglichen besetzte Team verfügt zudem über das meiste Geld unter dem Salary Cap und könnte sich mit einer spektakulären Verpflichtung endgültig im Herausforderer-Kreis festsetzen. Und dann sind da noch die Houston Rockets, die zur Deadline fast schon aus Prinzip tätig werden und immer wieder erfolgreichen Trade-Kaninchen aus dem Hut zaubern.


Das Ende in Boston

Die Celtics haben bisher nur 15 ihrer 32 Partien gewonnen und hängen in der Eastern Conference meilenweit hinterher. Mit der Titelvergabe wird dieses Team in dieser Form nichts zu tun haben. Da die Playoffs im schwachen Osten aber fast schon sicher sind, bleibt die entscheidende und schon häufig diskutierte Frage: wagen die Kobolde mit ihrer Altherrenmannschaft einen letzten Run oder holt GM Danny Ainge schon jetzt die grosse Abrissbirne aus seinem Schrank, um das Team dem Erdboden gleich zu machen? Die Verträge von Ray Allen und Kevin Garnett laufen im Sommer aus. Paul Pierce wird dieses Jahr 35. Rajon Rondo ist nicht der Franchise-Spieler, um den man in Boston langfristig etwas aufbauen will. Und der Rest des Teams gleicht einer D-League Ersatzbank. Die nächsten Partien nach der All-Star Pause werden die weitere Strategie in Beantown entscheidend mit prägen.


Battle of LA

Wer immer noch daran zweifelt, dass Chris Paul's Name in jeder ernsthaften MVP-Konversation fallen muss, der sollte sich einmal vor Augen führen, was CP3 mit den Clippers angestellt hat. Das "andere LA-Team" hat sich zur Saisonpause als drittbestes Team im Westen und Tabellenführer in der Pacific Division etabliert - nach gerade mal 38 Siegen in den vergangenen zwei Jahren zusammen. Die Lakers (momentan 1.5 Siege Rückstand) wollen den Platz an der Sonne freilich nicht so schnell abtreten und werden im März und April alles daran setzen, mit ihrer Erfahrung in der Crunchtime den fünften Divisionstitel in Folge zu erringen. Am 4. April steigt das dritte und letzte direkte Aufeinandertreffen der Tinseltown-Teams während der regulären Saison. Ein Wiedersehen in den Playoffs wäre die Kirsche auf dem LA-Sahnehäufchen.


Ballert Lin die Knicks zum Division-Titel?

Beim Baseball ist es nicht selten, dass ein Rookie-Pitcher während seiner ersten 5-10 Partien immense Erfolge feiert. Die Strikeout-Rate ist hoch, das Earned Run Average niedrig. Teams haben seine Pitches noch nie gesehen, können ihn noch nicht lesen, und so dominiert er zunächst eine 9er-Lineup nach der anderen. Bis er dann wenige Tage später (beim Baseball wird jeden Tag gespielt, insgesamt 162 Partien pro Saison) wieder gegen das selbe Team ran muss. Die Bälle fliegen ihm jetzt nur so um die Ohren, der Gegner hat sich angepasst. Nur die wirklich guten Pitcher schaffen es, ihr Spiel ihrerseits wieder umzustellen und so langfristig in der Startformation zu überleben. Jeremy Lin ist jetzt der Rookie-Pitcher und bereit für Runde 2. Er wird sicherlich niemanden mehr überraschen. Die Scouting-Teams haben sich auf ihn eingestellt und ihre Gamepläne dementsprechend justiert. Dank Lin's Fähigkeiten im Pick'n Roll und seiner intelligenten Art, das Spiel zu lesen, wird er die verjüngten Knickerbockers aber schnurstracks in Richtung Playoffs führen, eventuell sogar zu Heimvorteil in Runde 1. Denn: von den viertplatzierten 76ers trennt New York nur noch 4 Siege. Es wird ein heisser Kampf mit Boston und Philadelphia um die Atlantic-Krone.


Minnesota auf Playoff-Kurs

Bevor man den Autor in der Luft zerreissen will, weil der David Kahn in der Vergangenheit immer wieder scharf kritisiert hat: der jetzige Erfolg hat einzig und allein mit Head Coach Rick Adelman zu tun. Ohne Adelman würden die Timberwolves weiterhin um die goldene Ananas mitspielen, verlasst euch drauf. Weil aber einer der erfolgreichsten NBA-Coaches aller Zeiten (963 Karriere-Siege) sein unorthodoxes Spiel-System nach Minnesota exportierte, wo er den vielen jungen Spielern eine Defensivmentalität und Achtsamkeit im Umgang mit dem Ball vermittelt hat, klopfen die Wölfe bereits in diesem Jahr an die Playoff-Tür. Mit 17 Siegen vor der All-Star Pause haben die Wolves schon jetzt ihre 2010/11 Bilanz egalisiert und sich bis auf 1 Sieg an West-Platz 8 heran geschlichen. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob der grosse Sprung für Minnesota noch nicht zu früh kommt. Der Spielplan im März wird unerbittlich, 13 der nächsten 19 Partien finden auswärts statt. Sollten die Wolves Anfang aber April immer noch im Playoff-Rennen sein, schaffen sie die Postseason.


Party-Crasher

Der unbekannte Kandidat vor den letztjährigen Playoffs war ganz klar Dallas. Irgendwie traute man den Mavericks den ganz grossen Erfolg nicht zu. Die Vergangenheit hatte misstrauisch gemacht. Aber die Qualität war nicht von der Hand zu weisen. Das Team erreichte im entscheidenden Moment - in den Playoffs - seinen spielerischen Höhepunkt, machte von Woche zu Woche eine weitere Tetris-Reihe voll und räumte letztendlich mit einem langen Deutschen das komplette Feld leer. Auch in diesem Jahr lauern die Pferdchen, etwas versteckt hinter den ganz grossen Storys, auf ihren grossen Aufgalopp im Mai. Das Team von Rick Carlisle lebt, mehr als alle anderen, von seinem Flow, von Ballbewegung, Spielfluss und einem geschmeidigen Ineinandergreifen der einzelnen Zahnrädchen. Dass nach der ausgefallenen Vorbereitung bei einem zu Saisonbeginn faulen Nowitzki noch nicht alles rund lief, beunruhigte in Dallas niemanden. Jetzt, da Dirk wieder seine alte Form gefunden hat, kommt auch die Offensive langsam in Fahrt. Die Verteidigung verblüfft mit dem drittbesten Rating der Liga, auch ohne Tyson Chandler. Wenn die einzelnen Elemente bis Ende April wieder synchronisiert sind, die Kondition wieder steht und die Würfe fallen, winkt ein weiterer Playoff-Durchmarsch durch den wilden, weit offenen NBA-Westen.


Der Kampf um die Awards

Wirklich spannend scheint es ja dieses Jahr nicht zu werden. Der Rookie des Jahres Award (Kyrie Irving), der DPOY (Dwight Howard), der MIP (Jeremy Lin) und der für den besten 6. Mann (James Harden) sind schon jetzt in trockenen Tüchern. Einzig und allein der Kampf um die Scoring-Krone (Kobe Bryant, Kevin Durant, Lebron James) und der um den am schlechtesten quantifizierbaren Preis (MVP) sind noch offen. Obwohl Lebron James zur Zeit die Nase vorn hat und den Award gewinnen würde, wenn die Saison jetzt zu Ende wäre, sollte man den Wade-Verletzungsfaktor in Hälfte eins und die Tatsache, dass eine "neue Story" bei der Vergabe des Preises für den wertvollsten Spieler immer gerne gehört wird, nicht ausser Acht lassen. Kevin Durant, Chris Paul und Kobe Bryant sind mit im Rennen - je nachdem, wo ihre jeweiligen Teams am Ende der Saison landen.


Die Comeback-Teams

Portland und Denver rasten beide wie von der Tarantel gestochen in die neue Saison, nur um von Verletzungen (Nuggets) oder Inkonstanz (Trail Blazers) heimgesucht zu werden. Philadelphia wirkte einen Monat lang wie ein ernst zu nehmender Herausforderer dank der besten Offensive und Defensive gleichermassen, verlor aber vor der Pause fünf Spiele in Folge. Und Atlanta weigerte sich unmittelbar nach der schweren Schulterverletzung von All-Star Big Man Al Horford, in den Standings abzurutschen, nur um dann im Februar mit 8 von 12 Niederlagen die vorläufige Quittung zu erhalten. Die Blazers suchen nach Upgrades auf der Eins, um wieder zur Uptempo-Macht zu werden, die Gegner dank ihrer Länge und Athletik dominieren kann. Die Nuggets warten sehnsüchtig auf die Rückkehr ihrer Leistungsträger und Topscorer Nene und Danilo Gallinari, und werden wohl zusätzlich China-Heimkehrer Wilson Chandler integrieren. Philly hofft, in der zermürbenden zweiten Hälfte dank seines beneidenswert tiefen Kaders wieder angreifen zu können. Und Atlanta rechnet sich in der ersten Playoffrunde mit einem gesunden Al Horford so einiges aus - muss für's Weiterkommen aber dringend Platz 7 oder 8 vermeiden. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob der Lärm, den man aus diesen vier Städten zwischenzeitlich vernommen hatte, ein ernst zu nehmendes Signal war oder langfristig ignoriert werden kann.


Besserer Basketball

Die erste Saisonhälfte war brutal. Dank vollgepacktem Spielplan, gepaart mit einer nicht vorhandenen Saisonvorbereitung inklusive Mini-Camp, wurden die Fans mit dem schlechtesten On-Court Produkt seit den wilden 50ern "verwöhnt". Die Trefferquoten waren im Keller, die Spielsysteme zum Teil auf Harlem Globetrotters Niveau. Das wird sich alles ändern. Je weiter wir uns in den März und später dann April hinein bewegen, je näher die Playoffs rücken, desto schärfer werden die Rotationen, desto präziser die Pässe und desto besser die Wurfauswahl. Die wirklich guten Teams werden für Mai und Juni fein justieren und uns mit phasenweise berauschendem Basketball verwöhnen. Haltet euch einfach nur von Wizards/Bobcats Partien fern...