10 Februar 2012


"Wenn du denkst, es geht nichts mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her." Vor weniger als einer Woche war Jeremy Lin noch ein Nobody am hintersten Ende der Knicks-Bank. Eine Nachlese. Ein Spieler, dessen Vertrag nicht garantiert war, der bei Geschwistern und Teamkollegen auf der Couch übernachten musste, weil seine NBA-Karriere am seidenen Faden hing. Sechs Tage und vier Siege später ist sein Name in aller Munde. Dank der elektronischen Dauerbestrahlung in unserer zutiefst mediatisierten Welt das NBA-Gesprächsthema überhaupt. Fernsehen. Video. Zeitung. Newsflash. Twitter. Blogs. Raps. T-Shirts. Zeitung. Twitter. Blogs. Wo man auch hinsieht oder hinhört dieser Tage, #Lin-sanity kreuz und quer.

Die Vergangenheit hat mich gelehrt, bei potentiellen Eintagsfliege-Szenarien immer entspannt zu bleiben, zu beobachten und zunächst Fakten zu sammeln, bevor ich mich zu einem Urteil verleiten lasse. Objektivität ist bei dem, was ich tue, oft empfehlenswert. Die selbe Taktik habe ich in den vergangenen sechs Tagen auch bei Lin angewandt - obwohl es von Spiel zu Spiel härter wurde, nicht die Beherrschung zu verlieren. 25 und 7 (von der Bank) gegen New Jersey. 28 und 8 (in seinem ersten Start) gegen Utah. 23 und 10 gegen Washington. Während der heutigen Explosion gegen die LA Lakers (38 Punkte, 7 Assists) hatte ich genug gesehen. Es musste raus.

Ein ungedrafteter Point Guard mit taiwanesischen Wurzeln, vom Harvard College, der vor dieser Saison von gleich zwei Teams (Golden State und Houston) gecuttet wurde und Mitte Januar noch in der D-League spielte, erhält eine einzige Minimal-Chance und entpuppt sich auf der grössten Basketball-Bühne der Welt als Heilsbringer einer gebeutelten Franchise? Der Stoff wäre selbst für einen Hollywood Feelgood Streifen zu kitschig. Also wer genau ist dieser Lin, und wieso will er in diesen Tagen unser minutiös festgefahrenes Weltbild vollkommen aus seiner Verankerung reissen?

"Genau das hier ist es", sagte ein überwältigter Youngster nach seinem Monstergame gegen die Lakers. "Ich lebe meinen Traum. Alles hat seine Gründe." Der Mensch Jeremy Lin ist bescheiden, smart und ein harter Arbeiter. Als Harvard-Absolvent hatte er es schon immer doppelt schwer, weil Harvard-Absolventen in der NBA eigentlich nichts zu suchen haben. Er wurde übergangen, arbeitete aber weiter hart an seinem Spiel. Aufstehen um 6:30 Uhr, drei Traningseinheiten am Tag, das volle Programm. Er bekam weder von den Warriors, noch in Houston eine Chance. Blieb aber trotzdem in Alarmbereitschaft. Er kam als Notnagel zu den Knicks, weil denen die Point Guards und Ideen ausgingen. Und die Playoff-Chancen zu schwinden begannen. Vor Lin's erstem Vollzeiteinsatz befand sich New York im freien Fall, mit 11 Niederlagen aus seinen letzten 13 Partien, einer demoralisierten Mannschaft, dilettantischem Guard Play und täglichen Lynchmord-Aufrufen der Presse gegen Head Coach Mike D'Antoni. Der war zunächst skeptisch, ob er das Lin-Experiment tatsächlich wagen sollte. Er hatte ihn ja noch nie wirklich spielen gesehen. Aber 'Pringles' hatte alles andere bereits ausprobiert. "Gib' mir einfach nur eine Chance", hatte Lin seinem Trainer gesagt. In einer Mischung aus Gleichgültigkeit, Hoffnung und purer Verzweiflung - sein Kopf lag ja quasi schon unter dem Guillotinebeil - rief D'Antoni vergangenen Samstag Lin's Namen ans Ende der Bank. Der Rest ist Geschichte.



Bevor man Lin jetzt als nächsten grossen Point Guard anpreist und ihn auf eine Stufe mit Isiah Thomas, Steve Nash oder Chris Paul stellen will, muss man ein paar Schritte Abstand nehmen und realistisch bleiben. Lin ist kein Star. Fünf Minuten Internet-Ruhm machen aus Dir nicht gleich Michael Jackson. Die beste Basketball-Liga der Welt hat in den letzten 70 Jahren ein komplexes Talent-Früherkennungssystem etabliert, durch dessen Scouting-Raster kaum jemand hindurch fällt. Bis auf wenige Ausnahmen (Manu Ginobili, Gilbert Arenas, Michael Redd) schaffen nicht einmal Zweitrunden-Picks später den Sprung unter die All-Star Elite. Als ungedrafteter Spieler? Unmöglich. Der 29 Punkte/8 Assists Heissluftballon, den Lin in der letzten Woche durchschnittlich aufsteigen liess, kommt früher oder später wieder zur Erde zurück. What goes up, must come down. Aber es ist durchaus zu diskutieren, ob vielleicht ethnologische Vorurteile und überhastete, veraltete Evaluationsmethoden eine bessere, fairere Analyse seiner Fähigkeiten im Vorfeld verhinderten.

Denn: Lin' Erfolgsrezept ist keine Mogelpackung. Neben den oben angesprochenen menschlichen Vorzügen (Gehirn. Leidenschaft. Harte Arbeit.) sind seine Basketball-Skills echt. Er ist schnell, kann dribbeln, werfen und passen. Er hält den Kopf stets hoch und sucht primär den Pass zu einem freien Mitspieler. "Er ist wirklich gut. Er hat eine Point Guard Mentalität, er spielt das Spiel richtig", sagt sein Coach über ihn. In der Tat passt der 23-jährige Kalifornier zu den Knicks wie die sprichwörtliche Faust auf's Auge. Er wirkt leichtfüssig, mobil und kreativ. Der Ball läuft, die Offensive flutscht. Auch, oder gerade weil ein Carmelo Anthony zur Zeit verletzt fehlt, sieht man Team-Basketball bei den Knickerbockers. Aufregenden, uneigennützigen, emotionalen Ball. Die gesamte Mannschaft wirkt elektrisiert, aus dem Winterschlaf erwacht. Der Dominoeffekt ist verblüffend. Spieler geben ein bisschen mehr, hängen sich in der Verteidigung rein, sprinten beim Fastbreak nach vorne, weil sie wissen, dass Lin sie in den richtigen Spots bedienen wird. Plötzlich brechen alle Dämme, das D'Antoni Konzept geht voll auf. Pick'n Rolls, Drive and Kicks, freie Dreier en masse. New York ist kaum wieder zu erkennen.

Die Frage ist natürlich, wie das alles weitergehen soll im Big Apple, wenn in den nächsten zwei Wochen zunächst Amare Stoudemire und später dann Carmelo Anthony zurück ins Team stossen. Während ein Stoudemire (und folglich New York) sicherlich von Lin's Fähigkeiten im Two-Man Game profitieren wird, lauert in 'Melo's Isolationsgehabe eine Gefahr für die neu gefundene Teamidentität. Eins ist klar: der Superstar wird sich anpassen müssen. Auch als Weakside-Option kann Anthony locker 20 Punkte pro Abend einnetzen - ohne den Ball permanent in den Händen zu halten und die restlichen Knickerbockers so zu Statisten zu degradieren. Schafft er das, ist für NY nicht nur der Heimvorteil realistisch, sondern Blau-Orange avanciert in den Playoffs plötzlich zu einem ganz gefährlichen Gegner, den man nicht unterschätzen sollte.

Jeremy Shu-How Lin, ein ungedrafteter US-Taiwanese, hat innerhalb von sechs Tagen die Welt auf den Kopf gestellt. Er hat im Alleingang D'Antoni's Arsch gerettet, die verloren geglaubte Saison der Knickerbockers wiederbelebt, ein ganzes Team und eine ganze Stadt verjüngt. Dabei so ganz nebenbei der NBA ein paar extra Millionen Dollar in die ohnehin schon prall gefüllten Kassen gespült und unzähligen Asiaten ein neues Selbstbewusstsein verpasst. Alles in allem also seit letzten Samstag mehr bewerkstelligt als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben. Im Endeffekt ist es also egal, ob Jeremy Lin sich in Zukunft zum Starting Point Guard eines Contenders entwickeln oder in weniger als drei Wochen wieder in der Obskurität verschwinden wird. Der kometenhafte Aufstieg dieses völlig unbekannten Underdogs gehört schon jetzt zu den besten Storys, die die NBA je geschrieben hat. Never give up...