05 Februar 2012


Die Los Angeles Clippers haben sich am Freitag die Dienste von Free Agent Big Man Kenyon Martin gesichert. Der 34-jährige ex All-Star verstärkt ab kommender Woche als Backup-Forward den dünnen Ersatz-Frontcourt der Clippers.

Der Veteran spielte letztes Jahr noch für die Denver Nuggets und war einer der wenigen NBA-Akteure (und einer von drei Nuggets insgesamt), die für die Dauer des Lockouts in China anheuerten. Der chinesische Basketball-Verband, der sich am liebsten jeden NBA-Spieler unter den Nagel gerissen hätte (und auch kurz davor war, das zu erreichen, bevor die NBA intervenierte), stellte schnell sicher, dass die prominenten Free Agents Martin, JR Smith, Wilson Chandler und Aaron Brooks ihre Verträge honorieren müssen und erst nach Ablauf der chinesischen Saison in die USA zurück kehren dürften. Martin terminierte dennoch seinen Vertrag mit den Xinjiang Guanghui Flying Tigers und verliess den Club noch vor Weihnachten (21.12.) in gegenseitigem Einvernehmen. Ein kleiner Trick beim Erwerb der offiziellen Freigabepapiere erwirkte dann eine endgültige Freisetzung durch die FIBA: Martin und seine Anwälte hatten das Gesuch direkt vor Silvester an den chinesischen Basketballverband geschickt. Der hatte aufgrund der anstehenden Feiertage nicht innerhalb der vorgesehen 7-Tages-Frist darauf geantwortet - was die FIBA gemäss ihren Statuten automatisch als vollständige Vertragserfüllung interpretierte und Martin daraufhin freistellte. Obwohl die Chinesen offiziell Protest gegen die FIBA-Rechtsprechung eingelegt haben, werden sie damit nicht durchkommen. Martin hat bereits einen neuen NBA-Verein gefunden - sehr zum Leidwesen seiner Landsmänner Smith, Chandler und Brooks, die in China widerwillig ihre Verträge zu Ende spielen müssen.

Mehrere Playoff-Teams waren am 11-Jahres-Veteranen interessiert. Aber sowohl die San Antonio Spurs, Atlanta Hawks, Miami Heat als auch die Los Angeles Lakers hatten entweder nur das Veteranen-Minimum oder irreguläre Spielzeit anzubieten. Die New York Knicks wollten sich lieber auf ihre klaffende Point Guard Lücke konzentrieren. So machten also die Clippers das Rennen. Martin unterschrieb in Tinseltown für die Mini-Midlevel Exception (2.5 Mio $), eine Ausnahmeregelung, die Luxussteuer-Teams pro Saison eine Verpflichtung in dieser finanziellen Grössenordnung gestattet. Martin wurde stark von seinem ehemaligen Nuggets-Teamkollegen Chauncey Billups rekrutiert und polstert die erfahrene und immer tiefer werdende Spielerdecke der Clippers weiter auf. Man meint es ernst mit den Championship-Ambitionen beim "anderen" LA-Team. Das Martin-Signing beweist das eindrucksvoll.

Obwohl K-Mart's beste Tage schon längst im Rückspiegel verschwunden sind, verdeutlichen seine Karrierewerte (13.5 PPG, 7.2 RPG, 1.2 BLK, 1.2 STL) bei genauerem Hinsehen, wie er seinem neuen Team helfen wird. Martin gehört seit einem guten Jahrzehnt zu den agilsten und effektivsten Verteidigern der NBA. Er liebt die Defensive und verfügt trotz seines Alters immer noch über schnelle Beine und Füsse. Viele haben vergessen, dass Martin seinerzeit der wohl athletischste Big Man der Liga war. Das muss er 2012 in Lob Angeles natürlich nicht mehr sein. Obwohl er sicherlich den ein oder anderen Highlight-Slam abliefern und den Clippers Dunk-o-Meter noch schneller in die Höhe treiben wird, liegt Martin's Wert für die Contender-Clips in seinem Impact von der Bank. Hinter Blake Griffin und DeAndre Jordan hat Los Angeles ein klaffendes Big Man Problem. Brian Cook, Reggie Evans (seine Rebound-Arbeit in Ehren), Solomon Jones und Ryan Gomes stellten bisher die wohl erbärmlichste Ersatzrotation der Liga. Das Quartett ist so schlecht, dass Coach Vinny del Negro immer öfters versucht, mindestens einen Frontcourt-Starter zu jedem Zeitpunkt auf dem Parkett zu halten. Die eklatante Ersatzschwäche hat LA schon die eine oder andere hohe Führung gekostet.

Ein kleiner Blick auf die Offensiv-/Defensivratings mit Griffin/Jordan und ohne die zwei bestätigt die Nutzlosigkeit der Bank-Bigs:

mit Griffin/Jordan
Offensiv-Rating: 109.1
Defensiv-Rating: 99.0

ohne Griffin/Jordan
Offensiv-Rating: 94.2
Defensiv-Rating: 110.4

Selbst, wenn nur einer der beiden Highflyer auf der Bank Platz nehmen muss, leidet das gesamte Clippers-Spiel. Trotz einer 14-7 Bilanz und Platz 2 in der Western Conference ist durchaus noch Platz für Verbesserungen da. Da kommt ein Kenyon Martin wie gelegen. Nicht nur, dass er als Defensivspezialist und guter Rebounder das notorisch schwache Spiel der Clippers unter den Brettern (Platz 25) verbessern wird. Seine Toughness und Garstigkeit werden Griffin und Jordan beschützen - in den Playoffs gegen grosse, physische Teams wie die Lakers, Jazz oder Thunder ein riesengrosser Vorteil. In der Offensive ist Martin sowohl im Pick'n'Roll (Stichwort: Aggressivität auf dem Weg direkt zum Korb) als auch im Pick'n'Pop effektiv (sein Jumpshot ist zwar hässlich, sitzt aber auf 4-5 Metern erstaunlich sicher). Auch als Weakside-Gefahr sowie als Passgeber direkt in der Zone avanciert K-Mart auf Anhieb zu einem der besten Spieler seines Teams. Alles in allem wird der Neuzugang viele der Minuten, die bisher auf der Vier und Fünf an Cook, Jones und Gomes gingen, absorbieren. Selbst, wenn Martin keine eigenen Statistiken akkumuliert, hilft er den Clippers alleine schon dadurch, dass die Dilettanten wieder auf die Bank befördert werden. Zieht man zudem den recht hohen Basketball-IQ, seine Ruppigkeit, Professionalität und wilde Entschlossenheit in Betracht, muss man der Akquisition der Los Angeles Clippers absolute Bestnoten attestieren. Bei diesem Preis besteht absolut kein Risiko. Die Ertragschancen sind umso höher. Ein weiterer genialer Schachzug von GM Neil Olshey - dem jetzt schon mit Abstand besten Manager der Saison 2011/12.