10 Februar 2012


Dirk Nowitzki hat also seine 11. All-Star Teilnahme im Sack. Dass der 33-jährige trotz Katastrophenstart und zweitmiesesten Karriere-Stats nominiert werden würde, hatte sich in den letzten Tagen ja immer mehr angebahnt. Wie berichtet, setzte sich vor allem sein Coach Rick Carlisle massiv für ihn ein und telefonierte sein komplettes Coaching-Adressbuch durch, in der Hoffnung, den Dirkster so nach Orlando zu bekommen. Plan aufgegangen, Rick!

Die restlichen Reservisten in der Western Conference decken sich eins zu eins mit den NBACHEF Empfehlungen von letzter Woche, welche natürlich im Vorfeld geschlossen an alle 30 Head Coaches gemailt wurden: Kevin Love, Lamarcus Aldridge, Marc Gasol, Steve Nash, Russell Westbrook und Tony Parker sind alle mit am Start. Aldridge und Gasol dürfen beide zum ersten Mal in ihrer Karriere mit zum Frühjahrs-Showdown. Das freut mich.

Nicht berücksichtigt wurde dagegen Paul Millsap. Und das ärgert mich. Nicht nur, weil der Jazz-Forward sich in seinen bisher fünften Profisaison immer weiter verbessert hat und in Utah zum absoluten Führungsspieler heran gereift ist. Millsap gehört auch zu den effizientesten und - nüchtern betrachtet - statistisch besten Spielern der Liga. Nowitzki kann ihm bisher jedenfalls nicht ansatzweise das Wasser reichen. Zum Vergleich: der Deutsche bringt es selbst nach seinem kleinen Mini-Lauf in der letzten Woche auf gerade mal 17.6 Punkte und 6.2 Rebounds im Schnitt. Defensivstatistiken sucht man bei Nowitzki ohnehin vergeblich. Millsap dagegen erzielt bisher 16.5 Punkte pro Abend bei fantastischen 52% aus dem Feld, krallt sich 9.7 Rebounds, holt dazu noch 1.4 Steals und fast einen Block pro Partie. Aber es geht noch weiter. Sieht man sich das sogenannte Player Efficiency Rating von Stats-Guru John Hollinger an, findet man Millsap unter den bisher effektivsten Spielern der Liga auf Platz 11. Nowitzki? Platz 50, irgendwo hinter Tiago Splitter und Carlos Boozer.

Millsap: 16.5 PTS, 9.7 REB, 2.0 AST, 1.4 STL, 0.8 BLK, 52% FG, 24.28 PER
Dirk: 17.6 PTS, 6.2 REB, 2.3 AST, 0.8 STL, 0.5 BLK, 46% FG, 19.29 PER

Ja, aber dann muss doch wenigstens der übertragene Wert auf's Team in die Berücksichtigung mit eingeflossen sein, oder? Völlig daneben. Selbst, wenn man für Statistiken, Sabermetrics und abstruse Zahlenspielereien überhaupt nichts übrig hat, wird man beim einfachen Betrachten der Games festgestellt haben, dass Millsap's Wert für den Jazz ungleich höher ist als der von Nowitzki. Dallas gewann sogar 3 seiner 4 Partien, als der Würzburger letzte Woche wegen Konditionsproblemen beurlaubt wurde. Und auch bei den restlichen 12 Mavs-Siegen bekleckerte sich der vor knapp 8 Monaten noch beste Basketballspieler der Welt nicht gerade mit Ruhm. Ich will "uns Dirk" mitnichten seine Superstar-Qualitäten absprechen - das habe ich in dieser Saison immer ausdrücklich betont. Auch bin ich davon überzeugt, dass Nummer 41 seine stärksten Monate noch vor sich hat und bald wieder zu 'Mister Unstoppable' mutieren wird. Aber egal, wie man's dreht und wendet: seine Ernennung über Millsap lässt sich mit keinem Argument dieser Welt rechtfertigen. Weder dominiert Dallas seine Conference oder Division (1 Niederlage, und man rutscht von WC-Platz 6 in die Lotterie hinab), noch hat man sich irgendwelche Privilegien automatisch verdient. Eine All-Star Nominierung sollte immer eine Momentaufnahme bleiben. Ansonsten können wir nämlich gleich zu dem 'Lifetime Achievement Award' übergehen, wie ich ihn bereits gefordert hatte.

Vielleicht liegt aber auch genau darin die Krux: es gibt keine expliziten Ansagen, keine deutlich gezogenen Linien, keine Anhaltspunkte und keine klaren Definitionen dafür, was einen All-Star letztlich ausmacht. Oder wie die Positionen eigentlich verteilt sind. Daran verzweifeln Journalisten, Fans und neutrale Beobachter bereits seit Jahrzehnten. Und die National Basketball Association wird einen Teufel tun, das Konundrum zu entwirren. Je trüber die Vorgaben, desto leichter lassen sich die Regeln verbiegen. Mal weist man auf den Teamerfolg hin und nominiert gleich vier Spieler aus einer Mannschaft. Mal lädt man Spieler mit dominanten Statistiken ein und stellt richtig, dass sich All-Star Skills und eine 15% Siegesquote gegenseitig bestens vertragen. So wird - wenn überhaupt - mal so, mal so argumentiert, und andere müssen diese Schwammigkeit und Willkür ausbaden.

Spieler wie Josh Smith zum Beispiel, dessen Nichtbeachtung bei der Vergabe der All-Star Plätze mittlerweile zum Running Gag mutiert ist. Smith ist einer der besten Two-Way Spieler der Liga - also einer, der sowohl vorne als auch hinten ein Spiel auf so viele Arten beeinflussen kann. Seine Defensive ist seit Jahren elitär (wir reden von Top-5 Niveau, ligaweit). Seine Kombination aus Rebounds (8.9), Steals (1.5) und Blocks (2.0) ist so irre wie selten. Mit 15.6 Punkten und 3.2 Assists ist 'Smoove' aber auch an Atlanta's Angriffsspiel entscheidend beteiligt - und das, obwohl er in Offensivsets nur selten berücksichtigt wird. Manche argumentieren sogar, dass Smith der Hauptgrund für die zweitbeste Hawks-Bilanz (17-9) seit 14 Jahren ist. Obwohl er ausserhalb seiner angestammten Position spielen muss und der legendäre Zaza Pachulia die zweitbeste Frontcourt-Option im Team bleibt.

Smith's Teamkollege Joe Johnson schaffte den Cut natürlich - wie schon letzte Saison. Das geht natürlich in Ordnung. Chris Bosh, Deron Williams, Andre Iguodala und Paul Pierce sind ebenfalls gesetzt. Und auch mit der ersten Karriere-Nominierung von Luol Deng habe ich kein Problem, solange Smith berücksichtigt worden wäre (und das, obwohl der Bulle knapp ein Drittel der bisherigen Saison verletzt ausfiel und dem Falken statistisch nicht das Wasser reichen kann). Was aber entschieden zu weit geht, ist Roy Hibbert vor Smith. Das schiesst wirklich den sprichwörtlichen Vogel ab. Hibbert spielt mit 13.6 PPG und 9.9 PRG seine beste Profisaison, keine Frage. Ihn aber deswegen bevorzugt zu behandeln, ist eine Farce. Das Center-Argument zieht nicht, den Greg Monroe (16.4 PPG, 10 RPG) ist schon jetzt ein besserer Fünfer als Hibbert - statistisch und auch prinzipiell betrachtet. Das Pacers-Argument zieht ebenfalls nicht, denn Hibbert ist höchstens der drittbeste Spieler in Indiana (nach Granger und George). Wenn man also auf Biegen und Brechen einen Repräsentanten aus einem solch ausgeglichenen Team nominieren musste, warum gerade ihn? Und warum werden die Pacers bevorzugt behandelt, die Rockets, Nuggets und Jazz aber überhaupt nicht berücksichtigt? Macht irgendwie alles keinen Sinn, oder?

Vielleicht soll es das aber auch nie. Vielleicht sind Spieler wie Smith einfach dazu verdammt, Jahr für Jahr übergangen zu werden, weil die NBA sich lieber um marketingstrategische Implikationen ihrer Nominierungen bemüht als um Transparenz und Fairness. Wen interessiert das alles noch, wenn das Spektakel später wieder über Millionen Bildschirme flackert? Wie unendlich ironisch, dass gerade Millsap und Smith der ganzen Zirkus-Idee dabei viel zuträglicher wären als es Nowitzki und Hibbert je sein könnten. Unsere Lieblingsliga eben. 'Where Politics & Bullshit happens'...

Namhafte Nichtberücksichtigungen: Paul Millsap, Josh Smith, Brandon Jennings, Kyle Lowry, Danilo Gallinari, Monta Ellis, Rudy Gay, Greg Monroe, Tyson Chandler, Ricky Rubio, Kyrie Irving, James Harden, Ryan Anderson, Pau Gasol, Ray Allen, Amare Stoudemire, Joakim Noah, Rajon Rondo, Ty Lawson