23 März 2012


Indiana Hoosiers (4) vs. Kentucky Wildcats (1)

Die grosse Nebenstory beim mit Spannung erwarteten Rematch zwischen Indiana und Kentucky? Natürlich der Sieg der Hoosiers vor etwas mehr als drei Monaten. Damals dominierte IU über lange Strecken und fügte den Wildcats eine von insgesamt nur zwei Niederlagen in der gesamten Saison zu dank eines Buzzer Beaters von Christian Watford. Für viele Beobachter war es ein letztes Indiz dafür, dass Indiana's Comeback aus der Obskurität eines in Ungnade gefallenen Basketballprogramms erfolgreich abgeschlossen war. Seither haben sich aber viele Dinge geändert. Allen voran die jungen Wildcats, die unter Trainerlegende John Calipari von Spiel zu Spiel besser wurden und mit 34-2 Siegen eine fast perfekte Saison ablieferten. Ich kann mich an die Partie damals noch gut erinnern, denn die NBA-Saison hatte noch gar nicht begonnen. Anthony Davis geriet schnell in Foulprobleme, Freshman Point Guard Marquis Teague verlor häufig den Ball, und UK traf nur zwei Dreier im gesamten Spielverlauf. Das wäre, grob zusammen gefasst, schon der Schlachtplan für Indiana, um die Überraschung zu wiederholen.

Die Hoosiers haben seither aber 8 Partien verloren und sind von einem Elite Eight Team meilenweit entfernt. Freshman Center Cody Zeller müsste Davis schon eins zu eins Paroli bieten, und Jordan Hulls mehrere Dreier einstreuen, um überhaupt im Spiel zu bleiben. Das würde IU aber immer noch nicht reichen. Davis (14.3 PPG, 10.1 RPG, 4.6 BLK) gilt allgemein als dominantester College-Spieler überhaupt und sicherer Nummer 1 Pick im kommenden NBA-Draft. Teague hat sich zu einem der Führungsspieler auf der Eins gemausert, die Calipari's Teams schon immer so gefährlich gemacht haben. Und als wäre das noch nicht genug, können die Wildkatzen weitere zukünftige Profis wie Michael Kidd-Gilchrist, Terrence Jones, Doron Lamb oder Darius Miller aufbieten. Das extrem junge Team (fünf der sechs wichtigsten Akteure sind Freshman oder Sophomore) ist zu einer Abrissbirne mutiert und scheint jederzeit ein paar Gänge höher schalten zu können. Die Defensive ist ausgezeichnet und gestattet nur 37% aus dem Feld. Die hoch motivierte und spielerisch überlegene Truppe sinnt auf Rache und wird Indiana heute nach allen Regeln der Kunst auseinander nehmen. Alles andere als der nationale Titel wäre eine Tragödie...wie immer im basketballverrückten Kentucky.


Xavier Musketeers (10) vs. Baylor Bears (3)

Baylor's Perry Jones III. ist einer der grössten College-Talente des Landes, ein 2,11m grosser Überathlet, der seinen Fähigkeiten eigentlich nur selbst im Weg stehen kann. Obwohl der Sophomore als sicherer Lotteriepick gehandelt wird, liess er in den ersten beiden Spielen des NCAA Turniers jegliche Aggressivität vermissen und ging bisher unter (nur 9 Punkte insgesamt). Gegen South Dakota State und Colorado war sein Totalausfall nicht weiter folgenschwer. Gegen Xavier brauchen ihn die Bears aber in Hochform. Brady Heslip wird nicht wieder 9 von 12 Dreiern versenken wie in der Runde der letzten 32. Und Freshman Quincy Miller nicht die gesamte Arbeit im Frontcourt alleine erledigen können. Baylor verfügt aber über die Sorte Länge und Athletik, die Matchup-Alpträume beschert. Das Rebounding ist exzellent, die 1-1-3 Zone kann zuweilen unerbittlich sein, und vorne haben die Bären zahlreiche Optionen, wie sie zuschlagen können. Topscorer Pierre Jackson und Quincy Acy komplettieren die potente Starting Lineup mit allen fünf Spielern im zweistelligen Punktebereich.

Gegen dieses Starensemble nehmen sich die Musketiere aus Cincinnati, Ohio recht bescheiden aus. Als niedrig geranktes Mid-Major Programm traut ihnen kaum jemand den grossen Wurf zu. Allerdings steht Xavier bereits zum vierten Mal in den letzten fünf Jahren unter den letzten 16 Teams der Liga - eine Quote, die nur Kansas, Michigan State und North Carolina aufweisen können. Wenn sie also schon da sind, dann sicherlich nicht als Zaungäste. Der Backcourt mit dem routinierten Senior Tu Holloway (17.4 PPG) und Mark Lyons (15 PPG) wird den Gegner nonstop unter Druck setzen. Senior Center Kenny Frease zeigte gegen Lehigh in der letzten Runde seine bisher beste Partie (25 Punkte, 12 Rebounds) und wird als Schlüsselspieler dem langen Bears-Frontcourt Paroli bieten müssen. Xavier verteidigt traditionell hart - eine Eigenschaft, die sich das Programm seit Jahrzehnten auf die Fahnenstange geschrieben und NBA-Profis wie David West, Brian Grant und Tyrone Hill hervor gebracht hat - und könnte so den talentierteren Big12 Gegner aus der Fassung bringen. Baylor kommt mit körperlicher Härte nicht immer gut zurecht. Wenn die Musketeers es schaffen, das Selbstvertrauen der labilen Bears ins Wanken zu bringen, und die Inside-Outside Kombination Frease und Holloway/Lyons heute funktioniert, komplettieren die Underdogs ihre Aschenputtel-Geschichte 2012.


North Carolina Tar Heels (1) vs. Ohio Bobcats (13)

Auf dem Papier sieht die Angelegenheit zwischen dem Underdog aus Ohio und dem Powerhouse North Carolina ziemlich eindeutig aus. Die Bobcats konnten zuletzt 1964 zwei NCAA Turnierspiele in Folge gewinnen. NC gewann im gleichen Zeitraum dagegen schon vier mal die nationale College-Meisterschaft, zuletzt 2009. Auch in diesem Jahr galten die Tar Heels lange als grosser Favorit dank Power-Offense, einer tiefen Lineup, vier Riesen unter den Körben und einem legendären Coach (Roy Williams) an der Seitenlinie. Die Hoffnungen erlitten aber in der letzten Partie einen herben Dämpfer, denn Point Guard Kendall Marshall brach sich mehrere Handknochen und ist für den weiteren Turnierverlauf gehandicapt. Marshall war der Motor, der das Spiel der Fersen am Laufen hielt und an insgesamt mehr als einem Viertel aller Aktionen direkt beteiligt. Das klaffende Loch auf der Eins wollen die Bobcats nun schamlos ausnutzen, und die Gelegenheit scheint günstig. Ohio spielt eine aggressive Defensive, die hervorragend Ballverluste produziert (4. Platz bei den Steals). Gegen den dezimierten Tar Heels Backcourt eine hervorragende Waffe. Die offensive Verantwortung wird auf den Schultern von Topscorer DJ Cooper lasten (14.9 PPG), während der game plan vor allem ein Dreierbombardement vorsieht.

Darin dürfte gegen North Carolina auch die einzig realistische Upset-Chance liegen, denn das ACC-Schwergewicht agiert in einer ganz anderen Kategorie, bildlich gesprochen. Der Frontcourt mit den kommenden NBA-Rookies Harrison Barnes und Tyler Zeller, plus John Henson und James McAdoo, ist gigantisch und dominiert allein schon durch seine schiere Grösse. Zeller und Henson pflücken zusammen 20 Rebounds pro Partie und wühlen vor allem am offensiven Brett meist ungestört. NC liebt das schnelle Spiel und agiert in einem furiosen Tempo über 40 Minuten. Die Gegner kommen meistens nicht hinterher, und wenn doch, werden sie in der Zone einfach übermannt. Gegen Creighton und Vermont gewannen die Tar Heels mit durchschnittlich 16.5 Punkten Vorsprung. Die Frage wird sein, ob Marshall überhaupt eingesetzt wird - ich tippe mal auf nein - und wie sein Fehlen die Taktik von Williams beeinflusst. Setzt er die unerfahrenen Guards Stillman White und Justin Watts ein? Oder lässt er 2,04m Allrounder Barnes die Aufbauarbeit übernehmen? Insgesamt ist dieses taktische Schmankerl aber schon eher für das Elite Eight und ein potentielles Matchup mit den Kansas Jayhawks relevant. Gegen Ohio werden die zahlreichen Offensivwaffen auch ohne Marshall zum Weiterkommen reichen.


North Carolina State Wolfpack (11) vs. Kansas Jayhawks (2)

Wolfpack Coach Mark Gottfried hat ein starkes Team um seine ausgeglichene Startformation geformt. Angeführt von CJ Leslie, der sich in den letzten Wochen enorm gesteigert und die Hauptverantwortung übernommen hat (17 Punkte und 10 Rebounds im Schnitt), sowie Big Man Richard Howell (11 PPG, 9 RPG), schalteten die Wölfe auf dem Weg ins Sweet 16 die besser eingeschätzten San Diego State Aztecs und Georgetown Hoyas aus. Dabei musste NC State lange um seine Teilnahme an den NCAAs bangen. Ein paar starke Leistungen in den letzten Spielen der Saison haben neues Selbstvertrauen entfacht. Das mussten die favorisierten Gegner in den ersten beiden Runden schmerzhaft feststellen. Wenn Sophomore Lorenzo Brown, mit durchschnittlich 6.4 Assists einer der besten Spielmacher des Landes, den Angriff wie bisher in Bewegung hält und Scott Wood weiter munter Dreier einstreut, könnte North Carolina State zum ersten Mal seit 1986 wieder unter die letzten Acht gelangen.

Kansas ist zwar hoch favorisiert, präsentierte sich bisher aber alles andere als souverän. NBA-Prospect Thomas Robinson blieb gegen Purdue in der 3. Runde hinter seinen Möglichkeiten zurück (nur 11 Punkte bei 2-12 FG). Der bullige 2,08m Forward sollte also ausreichend motiviert sein und unter dem Brett seine Muskeln spielen lassen (11.8 Rebounds pro Partie, Platz 2). Sein direktes Duell gegen Leslie wird über Sieg oder Niederlage entscheiden. Jeff Withey dominiert meist in der Verteidigung (3.3 BPG), während Tyshawn Taylor die Backcourt-Rotation der Jayhawks verankert. Die Vögel tendieren gerne mal dazu, lieber von draussen drauf zu halten, als ihre offensichtlichen Vorteile innen konsequent auszunutzen. Der Gegner wird gerne unterschätzt, so wie zum Beispiel letztes Jahr, als man gegen ebenfalls an Nummer 11 gehandelte VCU Rams frühzeitig aus dem Turnier flog. Die Gelegenheit für NC State ist also günstig. Sie haben sich rechtzeitig in Topform gespielt und Blut geleckt. Das Potential für ein klassisches NCAA-Upset liegt definitiv hier, beim letzten Spiel der diesjährigen Sweet 16 Runde.