14 März 2012



Der erste Blockbuster-Trade des Jahres ist eingetütet, und er könnte bereits der spektakulärste bleiben, den uns die nächsten knapp 40 Stunden noch so einbringen werden. Milwaukee und Golden State haben sich darauf geeinigt, Andrew Bogut und Stephen Jackson gegen Monta Ellis, Ekpe Udoh und Kwame Brown zu tauschen. Die Warriors-Spieler stehen in der jetzigen Partie gegen Sacramento schon nicht mehr in der Lineup und könnten bereits morgen in Milwaukee auflaufen.

Der Deal macht für beide Teams weitaus mehr Sinn, als auf den ersten Blick anzunehmen wäre. Milwaukee setzt in dieser Saison alles auf eine Karte und jagt einen Playoff-Platz, der nach Bogut's Fussbruch am 25. Januar eigentlich schon abgeschrieben war. Mit Monta Ellis erhalten die Bucks einen der explosivsten Scorer der Liga, der seit gut fünf Jahren für mindestens 20 Punkte pro Abend gut ist. 'The Mississippi Bullet' rangiert derzeit mit 21.9 PPG auf Platz 9 und wird zusammen mit Brandon Jennings eines der spektakulärsten Backcourt-Duos der Liga bilden - auf famos-erschütternde Art und Weise. Famos, weil die Scoring-Produktivität von den Guard Positionen gerade um das Doppelte gestiegen ist und ein Jennings/Ellis Rückraum Abend für Abend für unzählige Highlights gut sein wird. Programmiert also schon jetzt euren League Pass Videorekorder. Erschütternd, weil sich mit Ellis und Jennings zwei der ineffektivsten Punktesammler der Liga künftig einen Ball teilen müssen. Die Usage Raten der beiden (über 25%) sowie ihre Ausdauer (über 35 Minuten pro Spiel) sind hoch, ihre Trefferquoten dagegen niedriger als das NBA-Diskussionsniveau in Deutschland (Jennings 40%, Ellis 43%). Heisst im Klartext: viele schlechte Würfe für sie, und nur wenige für den Rest des Teams.

Das ist aber das Worst Case Szenario. In der Realität addiert Milwaukee dank Ellis eine völlig neue Offensivkomponente hinzu - einen begnadeten Scorer, den GM John Hammond schon lange im Visier hatte. Der 26-Jährige nimmt dem bisherigen Topscorer Jennings einen Grossteil der Verantwortung ab, der kann sich folglich mehr auf's Spielmachen konzentrieren und darauf, seine Nebenleute zu finden. Coach Scott Skiles, der immer noch den Rekord für die meisten Assists in einem NBA-Spiel hält (30), wird hier sicherlich die richtige Mischung ausloten. Dank Ellis, Jennings, Drew Gooden (14.5 PPG) und Ersan Ilyasova (12.2 PPG) verfügen die Bucks nun über ein starkes Starter-Gerüst, um den 8. Playoff-Platz im Osten zu verteidigen oder sich in den verbleibenden 6 Wochen sogar noch weiter nach vorne zu spielen.

Mit Ekpe Udoh erhält Milwaukee ausserdem einen jungen Spieler, der defensiv schon jetzt den Unterschied ausmachen kann. Sein Rebounding ist solide, sein Shotblocking ist exzellent (2.8 Blocks PER36). Udoh könnte sich in einigen Jahren zu einem zweiten Tyson Chandler entwickeln. Wie der frühe Chandler wirkt er offensiv meist planlos, hat sich in Golden State aber trotzdem zum Starter hoch gespielt und verfügt mit erst 24 Jahren noch über genügend Wachstumspotential. Udoh ist eine kleine Versicherung gegen den Abgang des ehemaligen Franchise-Spielers und Nummer 1 Picks, der nach sieben glücklosen Jahren in Wisconsin bei den Warriors einen neuen Anfang bekommt.

Andrew Bogut ist nach Greg Oden der wohl am meisten gebeutelte NBA-Spieler. Der Australier erlitt in den letzten drei Jahren eine Reihe sogenannter 'Freak' Verletzungen, die allesamt nichts miteinander zu tun hatten. Dass ihm eine gewisse Verletzungsanfälligkeit oder zumindest ein mieser Voodoo-Fluch anhaftet, ist nicht von der Hand zu weisen. Wenn Bogut aber auf dem Platz steht, ist er einer der drei besten Center der Liga (hinter Howard und Bynum). Er dominiert die Bretter (Karriere 9.3 Rebounds, 1.6 Blocks) und ist die imposante Defensivpräsenz, die man sich in Oakland so dringend gewünscht hat. Je offensichtlicher es wurde, dass Orlando Dwight Howard nicht traden will, desto vehementer verfolgte Warriors-Besitzer Joe Lacob seinen Plan B für den Rebuild. B wie Bogut. Wenn er ab nächster Saison gesund bleiben kann, wird AB mit David Lee einen der stärksten Frontcourts der Liga bilden.
Natürlich verlässt man sich bei den Dubs künftig auf zwei Franchisespieler mit dokumentierten Gesundheitsproblemen (Bogut und Stephen Curry). Hohes Risiko birgt aber auch hohe Ertragschancen. Die Langzeitaussichten sind jedenfalls erheblich gestiegen.

Ob und wie genau Rückkehrer Stephen Jackson in die Zukunftspläne der Warriors passt, ist noch nicht ganz geklärt. Fakt ist, dass S-Jax in Milwaukee schnell in Ungnade fiel und zuletzt von Coach Skiles überhaupt keine Spielzeit mehr erhielt. Jackson ist aber der von Mark Jackson gewünschte Two-Way Player und kann in motiviertem Zustand sowohl vorne als auch hinten in der Verteidigung einwirken. Auch wenn er seinen besten Tage schon hinter sich hat: nirgendwo spielte der immens talentierte 'Captain Jack' (16.1 PPG) besser als in Oakland. Unvergessen ist sein Beitrag zum historischen Erstrundenupset 2007 gegen die Dallas Mavericks - bis heute die einzige Playoffteilnahme der Warriors seit 1994. Wenn er Lust hat, gehört er nach wie vor zu den vielseitigsten Spielern der Liga. Gut möglich aber, dass GM Larry Riley den Guard/Forward gleich weiter verschifft in den nächsten zwei Tagen.

Eines ist klar: die Trajektorie der beiden Mannschaften wird in den nächsten Wochen in unterschiedliche Richtungen zeigen. Milwaukee verliert seinen defensivstarken Center, addiert aber einen begnadeten Scorer zu einer Lineup hinzu, die nichts mehr gemeinsam hat mit den alten 'grind it out' Skiles Teams. Ausbalancierte Offensive ist das neue Mantra, und die Bucks werden deswegen auch die Playoffs erreichen. Dank Kwame Brown's auslaufendem Deal (übrigens der einzige Grund, warum Kwame hier involviert wurde) spart Milwaukee im nächsten Jahr sogar noch Geld. Golden State hingegen schwenkt im Prinzip die weisse Flagge. Für dieses Jahr. Bogut wird in dieser Saison nicht mehr spielen, und der Rückstand auf die Playoff-Plätze (jetzt schon 3 Siege) wird in der aktuellen Konstellation nicht einzuholen sein. So seltsam das klingen mag, Niederlagen sind in den nächsten Wochen strategisch ohnehin besser. Denn: wenn die Warriors keinen Top-7 Pick ergattern können, wandert der Draft-Pick ungeschützt nach Utah. Man blickt also bereits in die Zukunft. Mit dem sehr guten Rookie-SG Klay Thompson steht der Ellis-Nachfolger bereits in den Startlöchern. Das Gerüst erscheint mit Curry-Thompson-Lee-Bogut weitaus besser als zuvor. Und noch bleiben ein paar Stunden, um weitere Deals für 2012/13 einzufädeln. Erst dann wird man die Auswirkungen des Trades auch auf dem Parkett der Oracle Arena vernehmen können.


nbachef meint: Vorteil Milwaukee