17 März 2012


Nachdem Dwight Howard seine Intentionen am späten Mittwoch Abend klar machte, nämlich für mindestens ein weiteres Jahr in Orlando bleiben zu wollen, lösten sich die kühnsten Träumereien der New Jersey Nets in unangenehme, kalte Luft auf. Das anvisierte Deron Williams - Dwight Howard Super-Duo, mit dem man zur kommenden Saison ins nagelneue Barclays Center nach Brooklyn umziehen wollte, war Geschichte, bevor es überhaupt zustande kam. Und so liess sich der notorisch schwache Nets-GM Billy King zu einer Kurzschlussreaktion hinreissen: er setzte die Zukunft auf's Spiel, um in den verbleibenden Partien Superstar Deron Williams langfristig zum Bleiben zu überreden - auch ohne Howard.

New Jersey verpflichtet Small Forward Gerald Wallace und schickt im Gegenzug Shawne Williams, Mehmet Okur und seinen eigenen Erstrundenpick 2012 nach Portland. Vor allem der involvierte Draft-Pick verdeutlicht den Panik-Modus, den man bei den Nets fährt. Obwohl der Pick Top-3 geschützt ist (Portland erhält ihn also nur, wenn er auf Nummer 4 oder tiefer fällt), wird es für New Jersey unmöglich sein, schlechter als Charlotte, Washington und New Orleans abzuschliessen. Sofern sie also nicht unmögliches Glück in der Lotterie erwischen, wandert ein Pick im 4er bis 10er Bereich zu den Blazers. Das extrem hohe Risiko, das King und Teambesitzer Mikhail Prokhorov mit diesem Trade fahren, hängt direkt mit Deron Williams' Free Agent Status in einigen Monaten zusammen.

Gerald Wallace ist ein 11-Jahre-Veteran und galt einst als härtester Small Forward der Liga. Obwohl er immer noch zu den wildesten Two-way Playern zählt und sich mit schierem Kampfgeist öfters auf's harte Parkett schmeisst als jeder andere NBA-Spieler, hat ihn Gevatter Zeit eingeholt. 'G-Man' ist mittlerweile fast 30 und spielte in Portland seine bisher schwächste Profisaison seit 2004. Sein Scoring ist auf 13.3 PPG gefallen, er wandert nur noch 3.8 mal pro Spiel an die Foul-Linie, und sein Rebounding ist auf 6.6 pro Spiel gesunken. Die Nets hoffen, dass ein elitärer Point Guard wie Deron Williams aber seine grossen Stärken zur Geltung bringt. Wallace ist am effektivsten, wenn er backdoor zum Korb slashen kann oder sich dank seiner Athletik freie Catch & Shoot Möglichkeiten nahe am Korb erarbeitet. Er ist kräftig genug, um gegnerische Small Forwards aufzuposten und am offensiven Brett zu wühlen. Sowohl in Charlotte als auch bei den Blazers musste er aber zu häufig den Face-up Isolationsscorer geben, der er nicht ist. Als dritte oder vierte Scoring-Option an der Seite von Williams, Brook Lopez oder MarShon Brooks wäre er hingegen perfekt aufgehoben.

Die Hoffnung in New Jersey ist, dass Williams entweder gleich verlängert oder zumindest seine Opt-In Klausel für 2012/13 zieht und unter anderem seinen Heimatverein Dallas Mavericks verschmäht. Man hätte mit einem Williams-Brooks-Wallace-Humphries-Lopez Nukleus in der nächsten Saison gute Karten, die Playoffs zu erreichen, bevor man im Sommer 2013 den grossen Geldbeutel für Free Agents öffnet. Ebenfalls im Hinterkopf war für King sicherlich die Tatsache, dass Wallace bereits im Dezember-Tradevorschlag an die Orlando Magic involviert war. Orlando hat an ihm klar dokumentiertes Interesse, was einen potentiellen Howard-Trade (die Nets haben die Hoffnung nicht aufgegeben) im kommenden Sommer oder vor der nächsten Trade-Deadline erleichtern würde. Das freilich setzt voraus, dass Wallace, der 9 Millionen Dollar pro Jahr verdient, seine Spieleroption für nächste Saison zieht (und das wird er).

Kann man Williams vom Langzeitkonzept überzeugen, auch wenn der Weg an die Spitze ohne Howard gegangen werden muss? D-Will hasst Verlieren mehr als alles andere. Wenn die Nets in den verbleibenden 20 Partien (der Rückstand auf die Playoff-Plätze ist mit 5W schon zu gross) ihr Gewinner-Potential andeuten, dann steigen die Chancen auf seinen Verbleib. Ob die Aussicht auf die 2. Playoff-Runde auf Dauer (Chicago und Miami sind zu stark) aber genug ist, bleibt unklar.

Portland, das diese Saison hiermit offiziell abgeschrieben hat, profitiert hier von New Jersey's riskantem Glücksspiel und positioniert sich damit exzellent für seine Zukunft. Okur bringt spielerisch zwar überhaupt nichts, eröffnet aber dank seines auslaufenden 10.9 Millionen Vertrages völlig neue Salary Cap Möglichkeiten. Shawne Williams kostet "nur" 3 Millionen pro Saison und ist damit gut zwei Drittel billiger, als es Wallace gewesen wäre. Das verfügbare Geld wird im Sommer an Nicolas Batum ausbezahlt, der zum neuen Starter auf der Drei avanciert und neben Lamarcus Aldridge zum zweitwichtigsten Blazers-Spieler wird. Selbst danach wären die Blazers mindestens 10 Millionen unter dem Cap. Verzichtet dann noch Jamal Crawford auf seine Spieleroption, bliebe genug für ein Maximal-Angebot an einen hochkarätigen Free Agent übrig. Den Rebuild entscheidend beschleunigen würde ein weiterer hoher Draft-Pick. Die Chancen darauf sind aus oben erläuterten Gründen sehr hoch, und mit zwei potentiellen Top-10 Picks an der Seite eines Aldridge-Batum-Matthews Nukleus sieht die Zukunft durchaus rosig aus. New Jersey hingegen musste im Tauziehen um Deron Williams alles auf eine Karte setzen und verpflichtet einen 30-jährigen, abbauenden Small Forward, der im Sommer als Free Agent wechseln kann. Im schlimmsten Fall verliert NJ nicht nur seinen Franchise-Pointguard, sondern auch die Chance auf einen potentiellen Franchise-Rookie im kommenden, immens tiefen Draft. Wenn's ganz schlimm kommt, stehen die Nets in Brooklyn mit komplett leeren Händen und ohne Spieler da.


nbachef meint: Vorteil Portland