13 April 2012



Basketball ist einfach und komplex zugleich. Das gilt für NBA-Ball umso mehr. Da quälen sich Teams knapp sechs Monate durch eine kaum relevante reguläre Saison, bevor dann mehr als die Hälfte aller Teilnehmer in die Playoffs einziehen darf. Dort herrschen ganz andere Gesetze, die Karten werden völlig neu gemischt, alles geht von vorne los. Das ist auch der Grund, weshalb manch ein Beobachter die Ereignisse von November bis April irgendwo zwischen All-Star Game und MVP-Wahl einstuft: alles nur unwichtiges Geplänkel, bevor es wirklich um die Wurst geht.

Und trotzdem: die reguläre Saison kann uns vieles vermitteln. Uns den internen Zustand der Contender und Herausforderer kommunizieren und Einblicke in die inne Psyche der Clubs gewähren. Uns klarmachen, dass Boston in seiner derzeitigen Verfassung höhere Meisterschaftschancen hat als der amtierende Champion Dallas, der sich seit Februar wie ein Team präsentiert, das sang- und klanglos aus den Playoffs fliegen wird. Dass Memphis in den letzten Wochen 9 von 12 Partien gewonnen hat und die gesundeten Puzzlestücke immer besser zusammen finden, während Orlando nicht einmal weiss, ob Dwight Howard zu den Playoffs wieder einsatzbereit sein wird. Und dass Chicago über vier Monate das vielseitigste und bilanzbeste Team der Liga war, obwohl es genügend Ausflüchte gegeben hätte (u.a. war der amtierende MVP Derrick Rose 23 Spiele, also fast die Hälfte der Saison, ausser Gefecht), während Miami weiter nach Alibis ("Langeweile"... wirklich?), einer effektiven Rotation und einer klaren Identität sucht - zwei Wochen vor Beginn der Postseason.

Der gestrige 96-86 Overtime-Erfolg der Chicago Bulls beim Showdown mit den Miami Heat war nicht nur aus unmittelbar sportlichen Gründen erheblich. Die Bulls zogen an der Spitze der Eastern Conference Tabelle auf 4 Spiele und 5 Siege davon - angesichts nur noch 7 verbleibender Partien eine Vorentscheidung im Kampf um Heimvorteil in den Playoffs. Wieso das wichtig ist? Keine Mannschaft hat in der laufenden Saison in eigener Halle mehr Spiele gewonnen als Chicago. Viel bedeutender als der Sieg an sich dürfte aber das Wie gewesen sein. Die Art, wie der 24. Heimerfolg und 45. insgesamt zustande kam. Und der psychische Knacks, den er bei den Gästen aus South Beach hinterliess.

Eins haben die beiden Siege über die Heat klar gezeigt: dies ist mitnichten die selbe Bulls-Edition, sie sich 2011 in fünf Partien von Lebron, Wade & co. innervieren und hochkant aus den Playoffs bugsieren liess. Tom Thibodeau, der Coach des Jahres, hat in Rose's langer Abwesenheit eine Teamkultur etabliert, die dem ach so berühmten und beliebten NBA-Starbasketball (Trikotverkäufe, Sponsoreinnahmen, etc.) diametral gegenüber steht. Er setzt regelmässig seine komplette Bank ein und nutzt die Produktivität von Rollenspielern, die - wie ein Leser erst kürzlich verdeutlichte - allesamt im zweistelligen PER-Bereich liegen. Die Bulls dominieren in der Defensive (Platz 3), beim Rebounding (Platz 1) und seit diesem Jahr auch offensiv (Platz 5), trotz oder vielleicht gerade wegen den langen Ausfällen ihrer Hochkaräter. Man hat die Heat zwei Mal besiegt, einmal ganz ohne Rose und einmal trotz dessen miesester Leistung als Profi.

Miami spielte gestern nicht schlecht. Lebron James trug das Team mit 30 Punkten wieder mal auf seinen Schultern, so wie er das schon die ganze Saison über tut. Dwyane Wade scorte im letzten Spielabschnitt wichtige Zähler, und selbst der sprunghafte Chris Bosh war produktiv. Insgesamt erzielten die Big Three 71 Punkte und hielten Chicago in der Regulären bei 84 und 43% aus dem Feld. Derrick Rose verfehlte 12 seiner 13 Wurfversuche (2 Punkte), Rip Hamilton (7) und Joakim Noah (5) waren ebenfalls Totalausfälle. Alles dennoch kein Problem für die Bulls: der Bank-Mob eilte zur Hilfe und beendete die Partie, während die Stars von draussen zusahen und anfeuerten. CJ Watson dominierte mit 16 Punkten, dem Dreier zur Verlängerung und einem irrsinnigem Plus/Minus von +38. Kyle Korver traf 5 Dreier für insgesamt 17 Punkte. Die bovine Reserve gewann das interne Duell mit Miami's zweiter Fünf 47 zu 7. Und bewies so, dass Basketball nach wie vor einfach ist, wenn alle Spieler kollektiv an einem Strang ziehen und jedes Ego für die gemeinsame Sache zur Seite schieben. "Es ist herrlich, Mann. Dieses Team erinnert mich so stark an unseren Titel in Detroit. Uneigennütziger Gewinnerbasketball", sagte ein begeisterter Rip Hamilton nach dem Sieg.

Die Hitze in Miami ist hingegen merklich abgekühlt. Auch die zweitbeste Leistung seit dem All-Star Wochenende reichte wieder nicht zum Sieg. Die 13-10 Bilanz seit dem ASG steht in keinerlei Relation zu den eigenen Ambitionen. Man hat jede Chance auf einen "Statement-Auswärtssieg" in dieser Saison ausgelassen, ob in Los Angeles, Boston, Oklahoma oder Chicago. Dieses Team lebt weiterhin mit dem Trugschluss, jederzeit zwei Gänge hoch schalten und jeden Gegner aus der Halle ballern zu können. Dabei fehlt es ihm nach wie vor an Vielseitigkeit, Zusammenhalt, Kontinuität und jeglicher Bankproduktion. Nach vier Monaten hat Coach Erik Spoelstra immer noch keine Rotation gefunden, die den Aufgaben und dem Druck in der Endphase eines Spiels gewachsen scheint. James vergab gestern einen entscheidenden Freiwurf kurz vor Schluss. Anstatt zu foulen, liess man CJ Watson den freien Dreier zum Ausgleich nehmen. Zahlreiche defensive Rotationsfehler und null (!) eigene Feldtreffer in der Verlängerung (nur zwei mickrige Punkte) besiegelten eine weitere frustrierende Niederlage, die nicht nur beim Coach und Teampräsident Pat Riley eine Schockstarre hinterliess. Die Heat-Spieler schieden aus dem United Center in ungläubigem Staunen und lieferten sich untereinander einen hitzigen, emotionalen Streit. Auch James und Wade. Die Playoffs beginnen in zwei Wochen...