06 April 2012



Hatten wir nach dem Ablauf der Trading Deadline wirklich gedacht, das Theater in Orlando sei beendet, nur weil Dwight Howard seinen Vertrag um ein Jahr verlängerte? Wieso nahmen wir an, dass seine endlosen Sticheleien und internen Querelen mit seinem Coach Stan van Gundy damit auf magische Weise weggefegt wären? Glaubten wir ernsthaft, dass die Magic sich in den verbleibenden zwei Monaten endlich darauf konzentrieren würden, Platz 3 im Osten zu festigen und sich für die Playoffs einzuschiessen, um dort den grossen Zwei, Chicago und Miami, vielleicht gefährlich werden zu können?

Das jetzt fast ein Jahr andauernde Possenspiel in Orlando fand gestern seinen bisher unrühmlichen Höhepunkt, als zuerst der Coach und später der All-Star Center während des Shootarounds vor dem Heimspiel gegen New York vor die Presse traten. Van Gundy hatte wohl am Vortag direkt von einem Mitarbeiter im Magic-Management erfahren, dass Dwight Howard ihn nicht mehr als Coach haben und gefeuert sehen will. Das liess er die versammelten Journalisten dann auch wissen. Kein falsches Lügen für die Kameras mehr, kein Verstecken mehr, keine gute Miene zum bösen Spiel. "Man weiss, dass man gefragt wird und überlegt, wie man antwortet (auf dieses konkrete Gerücht). Was mir am meisten Probleme bereitet, ist Bullshit. Ich bin lieber ehrlich und konfrontiere die Wahrheit direkt, als drum herum zu reden", sagte van Gundy seelenruhig, während er eine Diet Pepsi schlürfte.

Ehrlichkeit, sie ist in der Tat eine von Stan van Gundy's grössten Persönlichkeitsmerkmalen. Er ist leidenschaftlich und trägt sein Herz auf der Zunge. Er sagt, was er denkt und macht dabei keine Unterschiede zwischen Superstars und dem 15. Mann im Kader. Das könnte ihm jetzt - bereits zum zweiten Mal in seiner erfolgreichen Trainerkarriere (.644 Siegesquote) - zum Verhängnis werden, weil eine 2,15m Primadonna mit sensiblem Ego persönliche Rüffel im Training offensichtlich nicht verträgt. Die ganze Situation erinnert stark an 2005-06 in Miami, als SVG die Heat auf Championship-Kurs coachte, nur um von Shaquille O'Neal mitten in der Saison vor den sprichwörtlichen Zug geworfen zu werden. Auch Shaq hatte nichts übrig für den 'in your face' Coaching-Style, der Spieler für ihre Fehler lautstark verantwortlich macht - auch Megastars. Pat Riley feuerte van Gundy auf Drängen von O'Neal (obwohl es medienwirksam als Trennung im gegenseitigen Einvernehmen verkauft wurde...Tadaaa!), ernannte sich kurzerhand selbst zum Chef und führte die Heat zu ihrem bisher einzigen NBA-Titel.

Die Tatsache, dass Howard und sein Coach in Orlando seit fünf Jahren mehrfach aneinander gerieten, ist nicht weiter schlimm und sogar zu begrüssen. Reibung erzeugt Energie und ist, vor allem im Mannschaftsport, für den Erfolg unabdinglich (und im Übrigen auch der Grund, warum alle Buddy Buddy Teams noch nie etwas historisch Substantielles gerissen haben.) Was nicht in Ordnung geht, sind Starspieler, die sich primär als Marke begreifen, die medienwirksam inszeniert werden muss, um jeden Preis und noch vor dem Teamerfolg auf dem Platz. Howard hält sich selbst für einen Entertainer, einen dauerlachenden, immer gut gelaunten Standup Comedian, und sein Ruf geht ihm offensichtlich über alles. Das war mit 19 oder 20 noch charmant, wirkt aber mit zunehmendem Alter aufgesetzt und falsch. Wenn er 'The Man', der Franchise-Anker sein will, für den ihn viele halten, ist es vielleicht an der Zeit, erwachsen zu werden.

Die Fragen der Journalisten, nachdem er seinen Arm um van Gundy legt, ohne zu wissen, dass der ihn kurz zuvor enttarnt hatte und schleunigst das Weite suchen will, sind ihm sichtlich unangenehm. Er weiss insgeheim, dass SVG's Spielsystem an seinem Aufstieg zum All-NBA Spieler und dreifachen 'Defensive Player of the Year' massgeblichen Anteil hat. Orlando benutzt hinten eine Art "Verteidigungstunnel", der Gegenspieler konstant zur Mitte und Richtung Korb treibt, wo Howard's Shotblockerqualitäten zum Tragen kommen und er defensiv dominieren kann. Vorne haben ihn die Magic mit Schützen umgeben. So hat er genug Raum, um seine körperlichen Vorzüge am Brett auszunutzen - auch ohne spielerisch zu glänzen.

Vielleicht schockierte das Interview gerade deshalb umso mehr, als es gestern um die Welt ging. Wieso jetzt, zu diesem Zeitpunkt, eine angesichts der Umstände recht erfolgreiche Saison von allen Verantwortlichen - Managern, Mitarbeitern, Spielern, Coaches, etc. - in den Wind geschossen wird, ist völlig unbegreiflich. Jeder steht in der Schuld. Angefangen bei der Chefetage, die den Zwist zwischen Starspieler und Coach nicht mit der nötigen Führungsqualität handhabt. Dem Coach, der Interna nach aussen trägt - menschlich zwar nachvollziehbar, professionell aber ein Fehltritt. Und dem Star-Spieler, dem Franchise-Anker, der sich mehr und mehr als falscher Prophet entpuppt und im nationalen Fernsehen offen Meuterei ausübt (8 Punkte, 8 Rebounds, 5 Fouls, 5 Turnovers bei der Heimklatsche gestern gegen die Knicks, direkt nach zwei verpassten Partien wegen "Rückenschmerzen". Howard hatte bis letzten Sonntag in 8 NBA-Jahren nur 2 Partien verletzungsbedingt versäumt. Verbindet die Punkte selbst). So geht eine durchaus passable Spielzeit den Bach hinunter.

Vor wenigen Tagen war man noch Dritter im Osten, mit Heimvorteil in Runde 1 und einem potentiellen Showdown mit Miami im Conference Halbfinale ausgestattet. Gegen die Heat hat man in den letzten beiden Jahren 4 von insgesamt 8 Partien gewonnen. Das Team emuliert die legendären Houston Rockets von Hakeem Olajuwon mit ihrem tödlichen Inside-Outside Game und harten Backdoor-Cuts und ist auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit höchst faszinierend und brandgefährlich zugleich. Also wer weiss, was im Idealfall, bei heiss gelaufener Dreierartillerie, in den Playoffs nicht alles möglich gewesen wäre.

Die Pläne kann man angesichts des neuesten Zankspiels vor den Augen der Weltöffentlichkeit und der offensichtlichen Spaltung im Magic-Lager (einige stehen hinter van Gundy und haben Howard als Teamleader satt, andere sind bei D12 und wollen den Coach gehen sehen) aber ad acta legen. Man hat 5 Partien in Folge verloren und 8 seiner letzten 12. Setzt man den Negativtrend fort, läuft man sogar Gefahr, die Playoffs zu verpassen. Was angesichts des endlosen Theaters hinter den Kulissen, den bevorstehenden, radikalen Wechseln spätestens in der Offseason und dem offensichtlichen Unwillen, sich in Orlando auf Basketball zu konzentrieren, vielleicht sogar verdient wäre. Die unendliche Magic-Posse, sie geht immer weiter...