01 April 2012



Kevin Garnett wird in wenigen Wochen 36 Jahre alt. Er wird dann mehr als 46000 Minuten und fast 1300 NBA-Partien seit 1995 absolviert haben. Vieles deutete vor einem Monat darauf hin, dass dies ein letztes Hurrah sein würde. Für ihn, aber auch für die Boston Celtics, wie wir sie kennen. Das Big Three Zeitalter, es schien endgültig vorüber. Die Kobolde hingen am seidenen Playoff-Faden und hatten 17 von 32 Spielen verloren, darunter frustrierende Duelle gegen New Orleans, Detroit und Toronto.

Unzählige Verletzungen hatten der Lineup von Coach Doc Rivers mächtig zugesetzt. Dem blieb schliesslich nichts anderes übrig, als nach den Ausfällen von Jermaine O'Neal und Chris Wilcox seinen Hall of Fame Forward Garnett auf die Center-Position zu befördern. Ein Schritt, der bei KG für mächtig Unbehagen sorgte. Er mag Veränderungen nicht allzu sehr, aber er hatte keine andere Wahl.

Knapp vier Wochen später haben sich die Celtics auf den ersten Platz in der Atlantic Division vorgekämpft und stehen in der Eastern Conference sogar auf Platz vier. Das bedeutet Heimvorteil in der ersten Playoff-Runde. Mit Garnett auf der Fünf haben die Kobolde 14 ihrer 20 Partien seit der All-Star Pause gewonnen. Die Erfolgswoge kongruiert mit KG's erfolgreichstem Profi- Monat seit gefühlten fünf Jahren. Er erzielte im März durchschnittlich 17.2 Punkte, 8.5 Rebounds, 3.6 Assists und 55% aus dem Feld.

Garnett war dabei routinemässig der beste Spieler auf dem Platz. Hatte er in der Vergangenheit immer nur die berühmt-berüchtigte Celtics-Defensive verankert, läuft mittlerweile auch die Offensive vermehrt über ihn. Die Bürde der Center-Position hat ihn aggressiver gemacht und seine ohnehin schon hohe Intensität noch gesteigert. Seine Reboundarbeit ist besser, sein Scoring ist vielseitiger geworden und hängt nicht mehr exklusiv von langen Jumpshots ab. Er findet häufiger freie Mitspieler direkt aus dem Low Post (3.6 Assists im März) und ist immer noch flink genug, um andere Fünfer einfach zu überrennen.

Ein involvierter Garnett strahlt eine ganz andere Energie aus und färbt auf seine Mannschaftskollegen ab. Boston trieft derzeit vor Selbstvertrauen und lässt das an bemitleidenswerten Gegnern aus. Findet auch Paul Pierce: "Er inspiriert uns zur Zeit. Er ist ein Biest, wenn er an beiden Enden so aufspielt. Und wir zehren von seiner Energie." Es ist in der Tat eine 180 Grad Drehung im Vergleich zum Januar/Februar. "Ich bin motiviert", sagte ein sichtlich erneuerter Garnett nach dem Sieg gegen Utah und seiner 23/10 Dominanz gegen Al Jefferson, für den er seinerzeit nach Boston getradet wurde. "Ihr nennt mich alt. Das motiviert mich. Ihr nennt mich...älter! Ausgehöhlt. Das motiviert mich. Es braucht nicht viel, um mich anzuspornen, also weiter so."

Viele Beobachter, ich eingeschlossen, hatten dies für Garnett's letzte Ehrenrunde in der NBA gehalten. Vielleicht verblendet oder irritiert von den völlig unterschiedlichen Anforderungen dieser Lockout-Saison hatten wir den Schneckentempo-Start als Status Quo, nicht als Momentaufnahme interpretiert. Jetzt, da Garnett, Pierce & co. langsam ihre Basketballform wieder erlangt haben (vollkommen nachvollziehbar, wieso das bei Mitt-Dreissigern länger dauert), ist es vielleicht an der Zeit, die Celtics völlig neu zu evaluieren. Rivers hat eine unverkennbare Coaching-Art, sein Team pünktlich zu den Playoffs auf Hochform zu trimmen. Obwohl Doc angekündigt hat, die Minuten seiner Starter in den letzten, brutalen Wochen der regulären Saison reduzieren zu wollen, sollte er das überdenken. Denn Boston's Playoff-Positionierung hängt von Garnett's verbessertem Spiel ab.

"Ich war unzufrieden mit der ersten Saisonhälfte", so ein selbstkritischer KG vor einigen Tagen. "Ich habe mich lange im Spiegel betrachtet und kam zu dem Entschluss, dass ich besser sein muss. Einfach besser. Daran habe ich hart gearbeitet." Seine neue Aggressivität im Angriff, wo er wieder seinen eigenen Abschluss sucht, anstatt immer selbstlos für andere zu kreieren, hat das gebeutelte Boston nicht nur überleben lassen. Sie hat für völlig neue Playoff-Matchups und veränderte Verhältnisse in der Eastern Conference gesorgt. Wer hätte das vor fünf Wochen für möglich gehalten?