08 April 2012


Die Zutaten sind beigefügt, die Temperatur feinjustiert, und der NBA Playoff-Kuchen schmurgelt gut duftend vor sich hin. Insgesamt 20 Teams kämpfen noch... um den 8. und letzten relevanten Tabellenplatz, vorentscheidende Division Titel oder um die besten Bilanzen der gesamten Conference. NBCHF hat sich mit Onur Alagöz von Nothing but Net zusammen getan, um knapp drei Wochen vor dem Ende der regulären Saison ein paar aktuelle Entwicklungen anzuschneiden.


- Verbissener Fight in den Niederungen der Eastern Conference: Knicks oder Bucks, wer bucht das Playoff-Ticket?

Onur Alagöz/Nothing but Net: Der Verlust von Lin und Stoudemire wiegt zwar schwer, aber dennoch lege ich mich hier auf die Knickerbockers fest. Prinzipiell sieht es eigentlich für die Bucks nicht unbedingt schlecht aus, der Spielplan ist relativ gnädig gestaltet: 9 Heimpartien stehen noch aus, davon nur drei gegen Playoffteams und auch auswärts sind Mannschaften wie Detroit und Washington schlagbar. Im Vergleich dazu müssen die New Yorker zwar noch gegen die Bulls, Heat, Celtics, Magic , Hawks und Clippers antreten, sind aber momentan heißer – Melo sei Dank – und haben auch noch einen Vorsprung von 1,5 Spielen. Spannend und enger als der Panama-Kanal wird es auf jeden Fall, dennoch glaube ich, dass die individuelle Klasse Anthonys und das Coaching von Woodson hier Früchte tragen werden.

NBACHEF: Wie wär's mit beiden? New York alterniert schon die ganze Saison gute und schlechte Leistungen im Überfluss. Lange Pleitenserie hier, Linderella-Story da, absichtliche Niederlagen vor der D'Antoni Entlassung und jetzt 10-3 Siege unter Mike Woodson sorgten für mehr Drama als Casablanca auf Dauerschleife, aber der Playoff-Zug scheint trotz Verletzungsmisere im Madison Square Garden Halt zu machen - Carmelo Anthony's Offense und Tyson Chandler's Defense sei's gedankt. Mit Defense haben die Bucks hingegen schon lange nicht mehr viel am Hut, dafür mit Jennings/Ellis seit Neuestem einen der potentesten Scoring-Backcourts der Liga. Milwaukee hat seit dem 5. März insgesamt 14-5 Siege eingesammelt und sich lautlos wie ein Hirschbock an Platz 8 heran gepirscht. Bei 6 noch ausstehenden Heimspielen aus den letzten 10 hat man sein eigenes Playoff-Schicksal selbst in der Hand. Am wenigsten traue ich Philadelphia zu, seinen derzeit 7. Platz noch drei Wochen verteidigen zu können. Interne Querelen und Ärger mit Coach Doug Collins haben vom Wohlfühlmärchen der ersten Saisonhälfte nur noch Schall und Rauch übrig gelassen. Die einst hohe Führung in der Atlantic Division wurde schon längst an Boston abgetreten, und 9 Niederlagen aus den letzten 13 regen keinen Optimismus an.


- Im wilden Westen kann man Oklahoma, San Antonio, Memphis und die beiden L.A. Teams wohl schon für die Playoffs anmelden. Bleiben also 5 Mannschaften, die sich um die verbleibenden Seeds 6 bis 8 zanken: Dallas, Utah, Houston, Denver und Phoenix...wer muss draussen bleiben?

NBACHEF: Das ist ja einfacher als Freiwürfe versenken...mit Andris Biedrins! Dallas ist für mich eigentlich gesetzt, weil ich mir nicht vorstellen kann, wie der amtierende Champ mit einem gesunden Dirk Nowitzki die Playoffs verpasst. Neben der spielerischen Extraklasse des amtierenden Finals-MVPs sprechen vor allem die Tiebreaker gegen die vier anderen Teams (und 11-2 insgesamt) für die Mavs. Am projizierten Erstrundenaus halte ich aber fest. Phoenix (28-27) hat die schlechtesten Karten. Der Restspielplan mit OKC, San Antonio (2x) und den beiden LA Teams ist unerbittlich. Hinzu kommen noch direkte Duelle mit den Jazz, Nuggets und Rockets. Das wird schwer. Denver hat die viertbeste Offensive der Liga, ist auswärts und zu Hause gleich stark, ziemlich ausgeglichen und erhält durch die Rückkehr des verletzten Topscorers Danilo Gallinari den nötigen Extra-Kick. Das wird unter'm Strich dann ausreichen. Houston ist seines eigenen Glückes Schmied: mit fünf direkten Duellen gegen Denver (2x), Dallas, Utah und Phoenix muss man nicht einmal auf die Konkurrenz schielen. Mit jedem W gewinnt man doppelt. Utah hinkt den anderen beiden 1 Sieg hinterher und hat 5 der letzten 8 verloren, zum ungünstigsten Zeitpunkt. Das Spiel in Houston am 11. April muss der Jazz unbedingt gewinnen, um sich eine Minimalchance zu bewahren.

Onur Alagöz/Nothing but Net: Das Bauchgefühl sagt, dass die Utah Jazz die Rockets noch einholen, welche sich mit den Suns noch um den letzten Seed zanken werden. Jefferson und Millsap spielen fabelhaft und sind eines der besseren Frontcourt-Duos der Liga. Nash hingegen zeigt auch im zarten Alter von 53 noch, dass er ein erstklassiger Aufbauspieler ist und wird auf der Zielgeraden nochmal alles geben, was in den Yoga gestählten Knochen steckt. Denver hat zwar nur den Hauch eines Vorsprungs, ist aber eine so homogene und erstklassig gecoachte Truppe, dass sie sich die Butter wohl nicht mehr vom Brot nehmen lassen. Dennoch sollte man aber die Raketen nicht abschreiben, die in den letzten Wochen die Lakers, Mavs und Bulls mit einem L nach Hause geschickt haben. Rang 7 und 8: Denver und Utah, knapp vor Phoenix und Houston.


- Boston und San Antonio: wie gut sind die beiden Altersheime wirklich und was geht da in den Playoffs?

Onur Alagöz/Nothing but Net: Boston ist und bleibt ein Enigma für mich. Kurz bevor man die Big Ol‘ Three in ein Seniorenheim verfrachten möchte, dreht die Truppe von Doc Rivers auf und gewinnt fünf am Stück – in überzeugender Manier. In der heimischen Arena spielen die Grünen gut, was im möglichen Fall eines Heimvorteils in der ersten Runde Gold wert sein kann. Pierce ist immer noch effektiv, Garnett hat den Jungbrunnen gefunden und Bass sowie Rondo sind absolute Leistungsträger geworden. Die Spurs sind nach wie vor eines der besten Teams der Liga, wobei ihnen in der regulären Saison die Ausgeglichenheit und der extrem tiefe Kader einen gewissen Überraschungsmoment verschaffen. In einer Playoffserie wird es eng, auch wenn Tony Parker extrem gut spielt und die Erfahrung da ist. Den Spurs fehlt der nötige Championship-Swagger, eine gewisse Meisterschaftsaura, wie man sie bei anderen Teams beobachten kann. Boston hat zwar die Möglichkeiten, die Orlando Magic nach Hause zu schicken, spätestens gegen die Bulls wäre dann aber Schluss. Den Spurs traue ich am ehesten einen verblüffenden Lauf zu, für das Westfinale wird es aber nicht reichen. Für beide Teams – respektive Garnett/Pierce/Allen und Duncan/Parker/Ginobili – hat sich das Fenster schon beinahe geschlossen und den Kraftakt, es noch ein letztes Mal aufzustoßen werden beide Mannschaften nicht mehr vollbringen können.

NBACHEF: Wir machen uns ja alle gerne lustig über die sogenannten "Altherrenteams". Dabei wissen wir eigentlich genau, dass Jugend in den Playoffs noch nie sonderlich viel gerissen hat (mit Ausnahme von Orlando '94 und OKC vielleicht). Viel wichtiger als Jahreszahlen ist deshalb die tatsächliche Gesundheit der Leistungsträger. Doc Rivers und seine Celtics, die von Verletzungen arg gebeutelt wurden, sind in personeller Hinsicht sicherlich nicht zu beneiden. Aber Not macht bekanntlich erfinderisch, und dank Lineup-Veränderungen (Garnett auf Center, Bradley als Two-Guard, Ray Allen von der Bank) und einer lächerlich effizienten Defensive haben die Kobolde 16 ihrer letzten 23 gewonnen. Sie wirken zumindest wieder wie ein Team, das minimum eine Playoff-Runde überstehen und den zwei Grossen Probleme bereiten wird - trotz leerer Reservebank und der viertschlechtesten Offensive der Liga. San Antonio hingegen ist gar nicht so alt, wie immer getan wird (nimmt man Duncan/Ginobili aus der Gleichung, sinkt der Schnitt auf unter 26 Jahre). TD spielt weniger Minuten als je zuvor und ist frisch für die Playoffs. Tony Parker taucht in MVP-Konversationen auf und ist längst zum wichtigsten Spur avanciert. Gary Neal, Matt Bonner, Danny Green, Tiago Splitter, DeJuan Blair, Kawhi Leonard, Stephen Jackson, Boris Diaw...die Liste an effektiven Rollenspielern ist endlos und hat die Spurs wie schon letzte Saison auf Platz 1 im Westen geführt. Das Team ist jünger und besser als vor einem Jahr. Ich habe die Lakers, Memphis, Oklahoma und San Antonio im Westen...und zwar nicht in der Reihenfolge. Wer die Spurs nicht ernst nimmt, hat nicht verstanden, wie die NBA funktioniert.


- Stichwort Andrew Bynum: Stehen ihm und den LA Lakers seine mentalen Aussetzer im Weg? Wird das sein Team in den Playoffs kosten?

NBACHEF: Andrew Bynum ist ein eigenwilliger Charakter, der seine Schnapsideen auf Biegen und Brechen durchsetzen muss. Er lässt sich nichts sagen, ist rechthaberisch und hält, vor allem in dieser Saison, das Banner der zwecklosen Rebellion besonders hoch. Neben seiner langen Liste an Verkehrsvergehen lässt er Teammeetings sausen, kritisiert öffentlich seinen Coach ("mehr Bälle im Lowpost, bitte"), wendet sich während Taktikbesprechungen in Timeouts ab, "um sein Zen zu praktizieren" und nimmt unbedachte Dreier mit 17 Sekunden auf der Shotclock. Trotz allem muss der gemeine Lakers-Fan noch lange nicht die Paniktrommel rühren. Der erst 24-Jährige ist kein unbelehrbares Problemkind. Er hat sich enorm verbessert. Er hat abgespeckt und ist so gesund wie noch nie. Er bleibt nach Dwight Howard der dominanteste Center der Liga mit einem enormen Bestreben, individuell und mannschaftlich wahre Grösse zu erlangen. Gerade weil er aber für die Lakers der Schlüssel zum Erfolg ist (Kobe bleibt Kobe, Gasol liefert weiter sein leises All-Star Spiel ab und Sessions hat voll eingeschlagen), entscheidet er letztendlich über das Schicksal in Tinseltown. Er muss sich dessen irgendwann bewusst werden und seine Kantigkeit zum Wohle des Teams einsetzen - nicht umgekehrt.

Onur Alagöz/Nothing but Net: Nicht nur der Tumult um den total dämlichen Dreier hat in der Vergangenheit gezeigt, dass Bynum einiges an Professionalität abgeht. Bei allem Talent, das der junge Center besitzen mag, eben diese Einstellung schadet den Lakers, die momentan ohnehin an einem Scheideweg stehen. Bynum ist der einzige Fünfer der Liga, der Dwight Howard in Sachen Dominanz und Beast-Modus das Wasser reichen kann, was man an seinen 18 Punkten, 12 Rebounds und 2 Blocks ja auch sehen kann. Aber wenn er es nicht hinbekommt, der Franchisespieler – auch von der Mentalität her – zu werden, als der er gesehen wird, werden die Lakers nach der Kobe-Ära nicht nahtlos weitermachen können. Bei aller Kritik darf man aber auch nicht vergessen, dass er erst 24 Jahre alt und noch lernfähig ist und die Hoffnung bleibt, dass er ein wenig von Kobes Arbeitswillen mitnimmt, bevor der in seinen Ruhestand tritt.


- Mega-Contender Talk: Wie steht's um die Stärken und Schwächen der Bulls, Heat und Thunder einen Monat vor der Postseason?

Onur Alagöz/Nothing but Net: Die einzige Schwäche der Bulls ist diese Saison im Grunde genommen nur die Verletzung von Rose. Sie sind auswärts wie in eigener Halle gleich gut. Die Verteidigung ist die drittbeste der Liga, der Coach der beste Übungsleiter, den man momentan findet und auf allen Positionen sind die Kühe mindestens zweifach hochkarätig besetzt. Ob es gegen die Heat in den Conference Finals reichen wird, sei mal dahingestellt, aber alles andere als ein Trip ins Finale wäre eine herbe Enttäuschung und das ist auch vollkommen legitim. Die Heat zu bewerten hatte ich eigentlich schon aufgegeben, aus offensichtlichen Gründen. Mit allem Talent der Welt ausgestattet, scheitert es immer und immer wieder an der Einstellung und dem Willen. Die Verteidigung und der Angriff sind absolut erstklassig, die mentale Instabilität erschreckend. Die einzigen, die die Heat schlagen können, sind die Thunder und die Bulls – und auch das nur vorausgesetzt, die Super Friends erwischen einen schlechten Tag. Hier muss man sich über die Clutchness, die Motivation und die Herangehensweise an das Spiel echauffieren, was selbstredend Jammern auf hohem Niveau ist. Zu schlagen sind die Heat in der Zone, wenn man die Turnover minimiert und den Ball durch die Reihen rotieren lässt. Das können die Bulls und die bereits genannten Thunder. Die sind für mich ohnehin der Titelfavorit schlechthin und das nicht nur wegen MVP Kevin Durant. Den Jungspunden beim Spielen auf die Finger zu schauen ist diese Saison einfach ein Augenschmaus und eine Wonne. Durant hat sich in jedem Aspekt seines Spieles verbessert – Effizienz, Scoring, Passspiel, Defense und Führungsqualitäten. Westbrook zeigt in den letzten Woche, dass er wohl zum Großteil verstanden hat, was er zu tun hat und die einzelnen Qualitäten jeder Donnerspieler aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. Perkins und Fisher werden mit KD zusammen die Truppe fokussiert und motiviert halten. Zu schlagen sind die Thunder in einer Serie nur mit einer Portion Glück größer als der Hintern von Eddy Curry. Geht es auch hier nicht mit Schwarzer Magie und/oder David Stern Mafiaangelegenheiten zu, holen die Thunder die Trophäe und der gemeine NBA-Fan hat endlich mal wieder Grund zu Freude.

NBACHEF: Miami ist auf den Flügeln vollgepackt mit allem nur erdenklichen Talent. Die Defensive kann über weite Strecken erstickend sein. Und wenn der Kopf mitmacht, kann die 'flying death machine' nichts aufhalten. Die schiere Athletik und individuelle Klasse seiner besten Spieler ist der Stoff, aus dem Matchup-Alpträume gemacht sind. Allerdings haben die Heat nur 12-8 Siege seit dem ASG eingefahren und offenbaren die gleichen Probleme wie letztes Jahr: anfällig gegen Ballbewegung und Distanzwürfe, kollektive Defensivkollapse, schlampiger Spielaufbau und personelle Schwachstellen auf den wichtigsten Positionen (PG, C, Bank). Nur wenn Miami seine Halbfeld-Sets mit grösster Präzision durchläuft, klappt es mit dem anvisierten Titelgewinn. Chicago ist das tiefste Team der Liga. Die Verletzungsanfälligkeit von Derrick Rose und Rip Hamilton hat die Verantwortung auf die restlichen Rotationsspieler verteilt - das kann in den Playoffs Gold wert sein, muss es aber nicht. Die Bulls dominieren Partien dank ihrer Verteidigung (Platz 3), ihrem Rebounding (1.), der stark verbesserten Offensive (5.) und Tom Thibodeau. Das Spiel ist nicht mehr von Rose abhängig. Wenn der MVP seine Form in den nächsten drei Wochen wieder erlangt, geht der Titel im Osten nur über Chicago. Im Westen hat OKC beste Karten dank der zweitbesten O, höchsten True Shooting % und dem explosivsten Trio der Liga (Durant/Wesbrook/Harden). Die Teamdefense ist elitär, das Rebounding und Transition-Spiel bedingen sich gegenseitig. Keine andere Mannschaft trifft sicherer von der Freiwurflinie (80%). Probleme hat Oklahoma vor allem, wenn es im Low Post Punkte erarbeiten muss und mit seinen unzähligen Ballverlusten, die schon unzählige Siege gekostet haben. In den Playoffs wird das gnadenlos bestraft.