05 Mai 2012




Die Anzahl der ernst zu nehmenden Titelaspiranten war selten so hoch wie in diesem Jahr. Gleich vier Teams dürfen zum engsten Favoritenkreis gezählt werden, drei weitere machen sich berechtigte Hoffnungen auf ein Upset in den Playoffs und vielleicht auf einen ähnlichen Überraschungs-Run wie die Detroit Pistons 2004. Wenn alles zusammen passt, ist alles möglich - erst recht in einer solch verrückten Saison wie dieser. NBCHF Gastblogger Onur Alagöz nimmt sieben Titelanwärter unter die Lupe und schiesst ohne Linearität und Zusammenhang sieben Gedankensalven in die Runde. 7 Up.


• Wieso redet immer noch keiner von den Spurs als Titelaspirant? Ginobili ist in einen Jungbrunnen gefallen, Coach Pop ist ein absoluter Fuchs an der Seitenlinie und Parker zieht sein übliches Ding auf (bisher 23 PPG). Den Luxus, Duncan als zweitbesten Spieler zu haben, hat nahezu kein anderes Team der Liga in dieser Form. Die Ersatzbank ist potent ohne Ende (87 Punkte bisher in den ersten beiden Partien), die Spurs können alles und alles gut. Der Angstgegner heißt natürlich Memphis, aber in der jetzigen Verfassung kann den Sporen nur ein motiviertes Lakersteam, sowie die Jungtruppe aus Oklahoma gefährlich werden, sofern Letztere fokussiert bleiben.

• Wie schwer der Ausfall von Rose wiegt? So schwer, dass Chicago nahezu keine Chance hat, den Heat im Osten gefährlich zu werden. Gegen die Sixers werden die Bulls sicherlich bestehen, keine Frage, aber danach? Boston wird in der zweiten Runde eine harte Nuss, an der sich das Team von Coach Thibodeau durchaus die Zähne ausbeißen kann. Rose‘ Verletzung kommt zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, die Diskussionen um Thibodeaus Einsatz seiner Stars am Ende von Partien halte ich aber dennoch für schwachsinnig. In diesem Fall ist das ganze einfach nur totales Pech, gemixt mit einer gewissen Anfälligkeit für Verletzungen in dieser Saison seitens Rose. Den Titel können sich die Bulls so oder so wohl abschminken. Den go to guy können weder Deng, noch Boozer mimen.

• Die beeindruckendste Performance in den Playoffs bisher? MVP James. Sein Wert wird sich erst im Ostfinale, sowie möglicherweise in den Finals taxieren lassen, aber was der gute Mann abliefert ist schon von einem anderen Stern. Beeindruckender als seine Statistiken (ca. 28-6-6 bei über 50%FG) ist der Extragang, den er zeigt. Sowohl in der Defense, wo er vier Positionen unmenschlich gut verteidigt, sowie in der Offensive, wo jeder Angriff durch ihn läuft, stellt LeBron Basketball vom Allerfeinsten zur Schau. Wie bereits einige Male erwähnt, bleibt das Duell Melo-LeBron weit hinter den Erwartungen zurück, LeBron dominiert in jeder Hinsicht. Mit ihm als primärem Verteidiger trifft Anthony gerade einmal mickrige 34,4% aus dem Feld und nur 11% von der Dreierlinie. Miami hat bereits die Besen rausgeholt, wird sich aber vielleicht im MSG noch ein Spiel abluchsen lassen. Ansonsten sind die Heat in ihrer aktuellen Form nahezu unschlagbar.

• Außer von den Thunder natürlich, die uns zeigen, warum sie DAS Team der NBA sind. Beachtlicher als die 3-0 Führung, die man aktuell gegen den amtierenden Champ innehat, ist die Tatsache, dass Durant und Westbrook noch nicht mal ihren besten Basketball zeigen. Allerdings prophezeie ich auch hier keinen Sweep, möglicherweise schafft es Dallas sogar noch die zwei ausstehenden Heimspiele zu gewinnen, aber da noch nie ein Team aus dem gefürchteten 3-0-Loch klettern konnte: Keine Titelverteidigung für Dallas.

• Schadet diese Tatsache Nowitzkis Ruf? Der Titel hat einiges gut gemacht für den langen Deutschen, die Jahre der desaströsen Niederlagen sind scheinbar vergessen. Um’s aber kurz zu machen: Nowe macht sich nicht ins Hemd. Sicher, ein Ring mehr hätte nicht schaden können, aber mit Chandler haben die Mavericks die Seele des Teams verloren, die Mannschaft ist ein Jahr älter, unmotiviert und nicht fit. War eigentlich klar, dass an Repeat nicht zu denken ist.

• Und zu guter Letzt, die Teams aus Los Angeles. Die Clippers zeigten in einem furiosen und historischen Comeback in Spiel eins, dass der Hype mitunter sogar berechtigt ist. Chris Paul zementiert immer und immer und immer und immer wieder seine Stellung als bester Aufbauspieler der Liga. Die Art und Weise, wie er das Team um sich herum besser aussehen lässt, ist unerreicht. Da die Grizzlies aber ein ausbalanciertes und hungriges Team sind, ist vermutlich in sechs bis sieben Spielen auch hier der Spaß vorbei und die Jungs dürfen, ein wenig später als für die Clips üblich, in den Sommerurlaub.

• Die Lakers nicht. Kobe Bryant brennt wieder, will seinen sechsten Ring und das mit allen Mitteln. Aktuell führt er die Scoringliste mit 30,3 Punkten im Schnitt an, verteidigt wieder, zeigt sein unendliches Arsenal an Moves und bildet ein hervorragendes Trio mit Bynum und Gasol. Die beiden Big Men der Lakers demonstrieren ebenfalls, wieso die Mannschaft von Mike Brown immer noch ein Anwärter auf die Larry-O’Brien-Trophy sind. Gasol lebt seinen inneren Point Guard in atemberaubender Manier aus (5,3 Assists), verteidigt und komplementiert Bynum in jeder Hinsicht. Der junge Center zeigte nicht nur mit seinem Triple Double in Spiel eins, dass er zurecht All-Star ist, sondern wütet in der Zone wie ein Hurricane der Stufe fünf. 18-11 und 5 (!) Blocks bisher im Schnitt – na, das kann ja noch was werden.