28 Mai 2012




Was ist über dieses Duell noch nicht gesagt worden? Miami gegen Boston, Zweiter gegen Vierter, Ost-Champ '11 gegen Ost-Champ '10. Dwyane Wade und die Heat treffen zum dritten Mal in den letzten drei Jahren auf die Celtics, ebenso wie LeBron James, der zum dritten Mal in Folge und zum vierten mal seit 2008 an seinem grossen Nemesis, dem giftgrünen Kobold, vorbei muss. Ein Ost-Dauerbrenner, zumindest der letzten halben Dekade. Auf eine Weise ist es auch das Duell zwischen Teams, deren Weg in entgegen gesetzte Richtungen verläuft - Miami gilt auf Jahre als todsicherer NBA-Finals Teilnehmer, Boston stirbt (mal wieder) und wird (mal wieder) zu Grabe getragen, im übertragenen Sinne. Es ist das Duell der "Big Three Urheber" aus Beantown gegen die dreisten Nachahmer vom South Beach, die ohne Danny Ainge's Brillanz im Sommer 2007 und den subsequenten Erfolg der Truppe niemals auf die Idee gekommen wären, ihre Talente zu vereinen und gemeinsam zu erreichen, was ihnen alleine nicht gelingen wollte. Die Schwärmerei der breiten Masse kannte nach Miami's Leistung gegen die Indiana Pacers in Runde zwei (mal wieder) keine Grenzen, und wie schon letztes Jahr gelten die Heat als Titelkandidat Nummer eins, natürlich, dank der individuellen Klasse von MVP James und Wade, die den verletzungsbedingten Ausfall von All-Star Chris Bosh nach einigen Anlaufschwierigkeiten mit Weltklasseleistungen kompensierten. Auch Boston hat mit Verletzungen zu kämpfen: Top-Defender Avery Bradley wurde erst kürzlich operiert und kommt in dieser Saison nicht mehr zum Einsatz, während Ray Allen sich mehr schlecht als recht mit kaputten Sprunggelenken und verloren gegangenem Wurfgefühl über den Platz quält. Boston ist das ältere Team, Miami die unterhaltsame Highlight-Fabrik. Klare Sache, oder? Nicht so voreilig. Die Heat sahen in dieser Saison gegen Boston kein Land. Und ich meine nicht nur "drei Niederlagen in vier Partien kein Land". Ich meine die Art und die Höhe der Celtics-Siege, die im Schnitt mit mehr als 13 Punkten Unterschied ausfielen. Der Selbstläufer oder gar Sweep, den viele den Heat prophezeien, wird es nicht werden.


Stärken/Schwächen

Miami's Style ist mittlerweile hinlänglich bekannt: Iso-Ball oder Two Man Game an der Seite über James und Wade, zwei der besten Eins gegen Eins Spieler der Welt. Und ob ich, ihr oder irgend jemand das langweilig findet oder spannend, ist im Prinzip völlig egal, denn es wirkt. Ohne Bosh werden sich die Heat auch gegen Boston auf die Extraklasse ihrer Stars verlassen müssen - und damit auch Erfolg haben. James wird seine üblichen Videospiel-Zahlen abliefern, daran habe ich keinen Zweifel. Wade muss ebenso erfolgreich spielen und LBJ mit mindestens 20 Punkten pro Spiel komplementieren, um sein Team erneut ins NBA-Finale zu katapultieren. Abgesehen davon, dass Boston James und Wade wohl Punkte hamstern lässt und sich eher auf den Untersatz konzentrieren wird, muss sich Spoelstra ohnehin etwas Neues einfallen lassen. Das nonstop Pick & Roll wie gegen Indiana wird gegen die Celtics nicht funktionieren - die verteidigen das P&R dank Garnett nämlich besser als jedes andere Team in der Association. Es wird wieder auf die Rollenspieler ankommen, auf die Battiers, Millers und Anthonys dieser Welt, die ihre freien Würfe von aussen treffen und vorne nach Offensivrebounds und zweiten Chancen fischen müssen. Wenn das gelingt, bricht die Celtics-Defense unter dem Dauerdruck zusammen, den mehrere Optionen und das ständige Auseinanderziehen verursachen.

Boston verteidigt. Tatsächlich ist die Celtics-Defensive so gut, dass nur sie für den Erfolg in dieser Saison verantwortlich gemacht werden kann. An der Offense lag's jedenfalls nicht. Platz zwei bei den erlaubten Punkten und der defensiven Effizienz bei gleichzeitigem Angriff auf FIBA-Niveau verdeutlichen die Zwickmühle, in der die Grünen gegen Miami stecken. Wie schafft man es, genug Punkte auf die Anzeigetafel zu klatschen? Pierce wird es hinten mit James aufnehmen müssen und kann vorne nicht 20 PPG erzielen. Allen ist mit offensichtlichem Reifenschaden nur noch ein Schatten seiner Selbst, trifft nicht einmal mehr die freiesten Dreier. Und von der Bank käme wohl mehr, wenn sich Doc Rivers selbst einwechseln würde. Eins ist klar: Boston kommt nur so weit, wie es von Kevin Garnett und Rajon Rondo getragen wird. Aus meiner Vorliebe für Typen wie Garnett habe ich nie einen Hehl gemacht. Kenner des Spiels wissen um den teaminternen MVP-Status des 'Big Ticket'. Er hat dieses Team gemacht, seine Intensität ist sogar auf der Ersatzbank höher als die der meisten NBA-Spieler auf dem Parkett, heutzutage. KG muss sein immens hohes Playoff-Produktivitätslevel halten (19.2 PPG, 10.8 RPG), damit Boston überhaupt eine Chance hat. Und wie legitim die Finals-Pläne bei den Grünen sind, entscheidet nur ein Mann: der kleine Typ mit der Nummer 9. Für die einen ist er der beste Point Guard der Liga, für die anderen ein Blender, dessen Triple Doubles mehr Produkt seiner Hall of Fame Mitspieler und der Rivers-Offense sind als seiner Extraklasse verschuldet. Rondo muss gegen Miami nonstop Druck machen, seine freien Würfe treffen, am offensiven Brett ackern und seine Nebenleute in Szene setzen. Ein Triple Double im Schnitt, das wäre doch mal was. Genau jetzt wäre ein günstiger Zeitpunkt um der Welt zu zeigen, dass er einer der Anführer im Team ist und die Nennung als einer der Besten im Game absolut verdient hat.


Matchup-Vorteile

PG: Celtics
SG: Heat
SF: Heat
PF: Celtics
C: Celtics
Bank: Heat
Coach: Celtics


Prognose

Die C's werden ihr Möglichstes versuchen, um das Spiel langsam zu machen, es zu verdrecken und so weit wie möglich aus einer Highlight-Show in eine Schlammschlacht zu verwandeln. Ein Sieg auf fremdem Parkett zum Auftakt oder in Spiel zwei, und diese Serie wird sehr, sehr intensiv. Auch ohne darf man defensiv geprägten Basketball erwarten, quasi den Gegenentwurf zum Western Conference Shootout zwischen San Antonio und Oklahoma City. Ich würde den Celtics mit einem gesunden Bradley und Allen gute Möglichkeiten auf einen Sieg bescheinigen. So aber bin ich skeptisch. Erstens, weil Boston zu den reboundschwächsten Teams der Liga zählt und im Frontcourt nicht genügend Optionen aufbieten hat, um die offensichtlichen Heat-Schwächen auszunutzen. Das hat zur Folge, dass die gesamte Offense aus der Mitteldistanz generiert werden muss. Zweitens, weil ich nicht an Rondo als den Spieler glaube, der für Grün den Unterschied macht. Vergesst nicht, die Heat sind selbst ein elitäres Defensivteam und werden den Point Guard mit Wade und James beackern, ihn zwingen, sie aus der Distanz zu besiegen - was er nicht konstant schafft. Boston spielt hart und dreht seine Gegner durch den Fleischwolf - das wird auch gegen Miami so sein. Dank ihrer Erfahrung, ihrer Balance und Heimstärke werden die Kobolde mindestens zwei Spiele gewinnen und sich nicht wie Indiana einfach überrollen lassen. Aber unterm Strich fehlt es vorne einfach an Durchschlagskraft. Die hat Miami dafür umso mehr - was schon mal passieren kann, wenn die zwei besten Spieler der Serie das Heat-Trikot tragen. Gute Defense plus gute Offense schlägt gute Defense plus schlechte Offense. Einfache Rechenaufgabe.

nbachef meint: Heat in 7